KommentarUngleichheit - das neue Mega-Thema

Ungleichheit
Ungleichheit: Piketty hat mit seinem Buch den Startschuss für eine Debatte gegeben
© Getty Images

Till van Treeck ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Zurzeit forscht er gemeinsam mit Kollegen in einem vom Institute for New Economic Thinking (INET) geförderten Projekt zum Zusammenhang zwischen steigender Einkommensungleichheit und makroökonomischer Instabilität


In diesen Tagen erscheint er endlich auch auf Deutsch: Thomas Pikettys internationaler Bestseller mit dem monumentalen Titel „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die im April veröffentlichte englische Übersetzung des ursprünglich auf Französisch geschriebenen, beinahe 1000 Seiten starken Wälzers hat erstaunliche Wellen geschlagen. Beinahe alles, was in der internationalen Ökonomen-Szene Rang und Namen hat, hat mittlerweile Position bezogen zu den von Piketty erarbeiteten Thesen. Zeitweise führte das Buch sogar die Verkaufslisten von Amazon an, höchst ungewöhnlich für einen wissenschaftlichen Fachtitel.

Die Faszination für Pikettys Werk liegt begründet in der Kombination aus umfangreichem empirischen Datenmaterial und dessen Interpretation auf Basis von „fundamentalen Gesetzen des Kapitalismus“. Vor allem letztere (und natürlich die Wahl des Buchtitels) haben Piketty in den Feuilletons den Ruf eines neuen Karl Marx eingebracht.

Piketty
Die deutsche Übersetzung von Pikettys Buch ist am 7. Oktober erschienen

Im beschreibenden Teil seines Buches weist Piketty auf drei Phänomene hin, die alle einen Anstieg der ökonomischen Ungleichheit signalisieren. Erstens ist in vielen Ländern seit Anfang der 1980er Jahre der Anteil der Spitzeneinkommen an den gesamten Haushaltseinkommen (Top Income Shares) stark gestiegen. Dieser Anstieg war in den USA deutlich stärker als in Europa. Zweitens hat auch der Anteil der hohen Vermögen an den gesamten Vermögen vielerorts zugenommen, wenn auch langsamer als der Anstieg der Einkommensungleichheit. Und drittens haben sich die Vermögen insgesamt schneller entwickelt als die Einkommen, was ebenfalls auf eine höhere Ungleichheit hindeutet, weil die Vermögen stärker konzentriert sind als die Einkommen. Diese Entwicklung wiederum war in Europa stärker ausgeprägt als in den USA, vor allem weil in Europa das Einkommenswachstum schwächer war als in den USA. Hiermit geht auch eine zunehmende Bedeutung von Erbschaften einher. Immer mehr Erben erzielen ohne eigene Leistung so hohe Einkommen, wie sie normale Arbeitnehmer während ihres ganzen Lebens nicht erreichen.

Das Neue an Pikettys Zahlen ist dabei, dass sie auf amtlichen Einkommen- und Vermögensteuerstatistiken basieren, und nicht, wie in früherer Forschung üblich, auf freiwilligen Haushaltsbefragungen. Letztere  unterschätzen typischerweise die Ungleichheit am oberen Ende der Verteilung, weil einkommensstarke und vermögende Haushalte nur ungerne Auskunft über ihre finanziellen Verhältnisse geben. Zudem legt Piketty für eine Reihe von Ländern lange Zeitreihen für mehrere Jahrhunderte vor, was die Analyse langfristiger Trends ermöglicht. 

Pikettys Provokation

Die „fundamentalen Gesetze des Kapitalismus“, mit Hilfe derer Piketty seine Daten interpretiert, bestehen zunächst einmal aus elementaren definitorischen bzw. arithmetischen Zusammenhängen, die niemand ernsthaft anzweifeln würde. Ihre Brisanz gewinnen sie erst aus zusätzlichen empirischen Beobachtungen. Zum einen argumentiert Piketty, dass die Kapitalrendite, r, im Kapitalismus typischerweise oberhalb der Wachstumsrate der gesamtwirtschaftlichen Einkommen, g, liege. Aus r>g folgt jedoch unter bestimmten weiteren Annahmen, dass die Kapitaleinkommen schneller steigen als die Arbeitseinkommen. Piketty sieht daher die Gefahr, dass sich die in den letzten Jahrzehnten gestiegene Ungleichheit zwischen Vermögenden und Normalbevölkerung in Zukunft noch weiter verschärft.

Dass Piketty die Tendenz zu steigender ökonomischer Ungleichheit ausgerechnet aus der Formel r>g ableitet, kann aus Sicht der neoklassischen Orthodoxie nur als Provokation aufgefasst werden. Denn, wie etwa Karl-Heinz Paqué jüngst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärte:

„In der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorie ist r>g keine Zauberformel, sondern eine fast selbstverständliche Annahme: In einer Welt, in der Menschen ungeduldig sind und lieber heute als morgen die Früchte ihrer Leistung konsumieren statt zu sparen, müssen sie von Investoren für ihren Verzicht entschädigt werden, und zwar über die reine Zuwachsrate der Wertschöpfung hinaus.“

Der entscheidende Denkfehler orthodoxer neoklassischer Ökonomen besteht nun freilich darin, dass sie das Sparverhalten von Individuen in erster Linie aus deren Zeitpräferenzen (geduldige Sparer, ungeduldige Kreditnehmer) bzw. der Position im Lebenszyklus (Vermögensaufbau in der Erwerbsphase, Vermögensabbau im Alter) zu erklären versuchen.