KommentarTrump ist der neue Todesstern

Melania und Donald Trump mit der britischen Premierministerin Theresa May und deren Ehemann in Großbritanniendpa

Ich hätte nie gedacht, dass das Wort „Deal“ einmal einen solch schäbigen, furchtbaren Klang bekommen würde. Der „Deal“ ist zu einer globalen Bedrohung geworden, zumindest so, wie Donald Trump ihn versteht und exerziert, selbst wenn er nur Donner, Demütigung  oder Fiktion bleibt. Der Deal ist das, was bei „Star Wars“ der Todesstern ist: eine dunkle Bedrohung, die nicht nur Gegner, sondern viele Alliierte erfasst hat.

Das jüngste Opfer: die Nato. Schon bei einem ersten Frühstück ergoss sich der Deal-Schwall des US-Präsidenten auf Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der tapfer versuchte, die Nato in ihrer Idee und Entwicklung zu erklären. Keine Chance. In seinen groben, plumpen Sätzen schlug Trump seine Schneise durch 29 Staaten und fünf Jahrzehnte Geschichte.

Sind wir Gefangener Russlands?

Wie immer ist das Perfide, dass Trump einen Punkt hat: Ja, die anderen Staaten, zumal Deutschland, tun viel zu wenig für ihre Verteidigung, und zwar chronisch. Wenn sie jetzt mehr ausgeben, hat er sogar Erfolg gehabt. Wobei wie bei vielen dieser Treffen mit Trump das Ergebnis völlig unklar ist – gilt das, was vorher gepoltert und danach getwittert wurde? Oder das, was in der Abschlusserklärung steht? Diese Unsicherheit, was zählt und was nicht, droht immer mehr zur Regel zu werden.

Und wieder einmal: Deutschland. Das Lieblingsziel. Wir exportieren zu viel, bauen zu viele Autos, die auf der Fifth Avenue vor Trumps Nase fahren, geben zu wenig für Rüstung aus. Der Vergleich, dass Deutschland ein „Gefangener Russland“ sei, ist eine geschichtsvergessene Ohrfeige, zumal für die Kanzlerin und 16 Millionen Ostdeutsche. Auch hier waren Trumps Aussagen nicht falsch – wir brauchen die Russen als Lieferanten für Erdgas, jeden dritten Euro für Öl und Gas zahlen wir an Moskau. Und 38 Prozent unseres Erdgases kommen aus Russland. Aber: Nur drei Prozent unserer gesamten Importe kommen aus Russland. Worum also geht es? Die Amerikaner wollen, dass wir ihr Flüssiggas (LNG) statt russisches Erdgas kaufen – das ist, bei all den Russland-Tiraden, der Kern des „Deals“, den Trump anstrebt.

Doppelbeben beim Brexit

Auch Theresa May durfte den Todesstern Trump diese Woche spüren. Sie hat gerade zwei Minister verloren – was im Übrigen Hoffnung macht. Boris Johnson war eine frei rotierende Abrissbirne und ein furchtbar schlechter Außenminister, von dem kein einziges vernünftiges Projekt in Erinnerung bleiben wird. Im Stillen arbeitet er weiter daran, als Premierminister sein Land in einen harten Brexit zu führen.

Johnson bekam, wen wundert es, Lob von Donald Trump, der bei seinem Besuch im Königreich gleich eine stillose Salve gegen May losließ: Ihre Brexit-Strategie sei falsch („Ich hätte das ganz anders gemacht.“). Dann drohte er, dass ein bilaterales Handelsabkommen scheitern könnte, wenn Großbritannien enger mit der EU verbunden bleibe. („Das wird vermutlich den Deal killen.“)

Das Gegenteil ist richtig: Mays Plan ist ein realistischer Weg, diesen Unfall – nichts anders war das Brexit-Votum – irgendwie in einem vernünftigen Rahmen zu bekommen. Ob May damit bei den europäischen Partnern (und in ihrem eigenen Lager) durchkommt, ist unklar. Aber eine Freihandelszone mit der EU ist das Beste für beide Seiten – auch wenn dies einen Deal mit Trump killen würde. Was ich nicht glaube.

Das globale Schleudertrauma

Tja, Trump. Wenn man über ihn permanent den Kopf schütteln würde, bekäme man ein Schleudertrauma. Ein befreundeter Unternehmer fragte mich gestern, warum wir Journalisten denn dauernd an Trumps Lippen hängen würden – warum nicht den ganzen Quatsch ignorieren? Nun, dass müsste man dieser Tage ziemlich viel ignorieren, und zwar nicht nur Trump: Die Welt ist derzeit voll von zornigen, schwer steuerbaren Männern – und sie sind die größte Bedrohung für den globalen Aufschwung geworden.

Das ist keine Polemik: Zu diesem Ergebnis kam vor kurzem auch das Elite-Panel von Capital, bei dem wir seit Jahren rund 500 Führungsspitzen aus Politik und Wirtschaft befragen, darunter Minister, Geschäftsführer und Vorstände: 66 Prozent sagten, das „Agieren bestimmter Staatschefs“ sei inzwischen das größte Risiko für die Welt – noch vor militärischen Konflikten (42 Prozent) und dem Handelskrieg (32 Prozent). Solch ein Ergebnis gab es noch nie in dieser Umfrage.

 

Nein, ignorieren ist keine Lösung. Früher gab es Pressekonferenzen und Statements, nun gibt es das Trommelfeuer auf Twitter und den täglichen Psychokrieg – unsere Aufgabe ist es, aus dem Wust an Wut herauszufiltern, was doch wichtig ist. Und selbst wenn man 99 Prozent als Unfug streichen würde: Die Zerstörung findet ja statt, sie ist bewusst, gezielt, permanent – und sie geht weiter.