GastkommentarTrumps disruptive Kraft

Als Angela Merkel und Donald Trump zur gemeinsamen Pressekonferenz im Weißen Haus vor die Presse traten und die anwesenden Journalistinnen und Journalisten baten, ein paar Fragen zu stellen, stand die deutsche DPA-Korrespondentin Kristina Dunz am Mikrofon und wandte sich mit der Frage an den US-Präsidenten, warum ihm Pressevielfalt Angst mache und warum er weiter Dinge verbreite, die nachweisbar falsch wären. Natürlich gehört eine Portion Mut dazu, ein gewähltes Staatsoberhaupt so direkt zu stellen, aber es gehört eben auch zum Job von Journalisten, kritisch mit der Politik und ihren Vertretern umzugehen. Also, „well done“ könnte man sagen und es dabei belassen.

Die Reaktionen auf die Frage der Journalistin gingen aber weit darüber hinaus. Die heimischen US-Korrespondenten waren sichtlich geschockt, über so viel Chuzpe der deutschen Kollegin. Sie selbst trauen sich augenscheinlich nicht mehr, auf diese Weise Donald Trump von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten, weil sie fürchten müssen, schon kurze Zeit danach in einem seiner mittlerweile berüchtigten Tweets persönlich als Vertreter sogenannter Fake News gebrandmarkt zu werden und somit auch dem digitalen Mob der Trump-Fans in den sozialen Netzwerken ausgeliefert zu sein.

It´s your job, stupid!

Aus Angst um ihre Reputation, ihre Jobs und möglicherweise ihrer Familien rüsten sie also verbal ab und geben somit auch einen Teil ihrer journalistischen Souveränität auf. Kurz: Sie machen ihren Job nicht mehr so gut, wie sie es tun könnten, ja sollten. So wirkt die Disruption des Donald Trump. Sie ist persönlich verletzend und wirkt zerstörerisch auf eine freie Meinungsbildung. Einerseits. Denn mit seiner morgendlichen Twitterei übergeht der US-Präsident jegliche Spielregeln des politischen Betriebs und nutzt seine eigenen Kanäle und ihre Reichweite, um eigene Themen zu setzen, Talking Points zu etablieren und seine Sicht auf die Dinge zu verbreiten.

Er macht Politik in 140 Zeichen ohne jeden journalistischen Filter und frei von dessen Einordnung. Er macht also das, was tausende Marken jeden Tag auf allen Social-Media-Kanälen machen: Die eigenen Fans begeistern und an sich binden. Aus Marketingsicht könnte man also sagen, dass er alles richtig macht. Nur Demokratie funktioniert so nicht.

Die Demokratie schlägt zurück

Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs, vom Ringen der besten Argumente und unter Einbeziehung der wichtigsten vier Säulen dieses Systems: Legislative, Exekutive, Judikative und eben der Presse. Es ist das Prinzip von „Checks and Balances“, der Gewaltenteilung, die Trump regelmäßig unterläuft. Das direkte Handeln des US-Präsidenten, jegliche Widerrede oder kritische Berichterstattung als „Fake News“ zu geißeln, ist ein disruptiver Angriff auf dieses demokratische Prinzip.

Aber die Demokratie ist wehrhaft und schon zeigen sich erste Anzeichen dafür, dass sich die entfesselte zerstörerische Kraft der Trump-Administration gegen sie wenden könnte. Denn anders als von Trump gewollt sehen wir in Amerika keine Schwächung des sogenannten Qualitätsjournalismus, sondern sogar eine Stärkung. CNN, New York Times und die Washington Post, drei von Trump meisterwähnte – weil für ihre kritische Berichterstattung von ihm meistverachtete – Medien, erleben Rekordzuwächse bei den Abo-Zahlen. Die Redaktionen wollen Dutzende neue Mitarbeiter einstellen, um über Trump und seine Politik zu berichten.

Der schon so oft so totgeschriebene, totgetwitterte, totverbloggte und totgepostete Journalismus erlebt eine richtige Renaissance, weil die Menschen seinen Wert wieder erkennen, wenn es darum geht, Orientierung, Einordnung und Hintergründe zu liefern, die Trump und seine Leute in ihren Tweets lieber weglassen. Selbst die vormals in die Jahre gekommene, aber immer noch legendäre „Saturday Night Live“-Show ist auferstanden von den Totgesagten und scheint mit ihren Trump-Parodien mitten ins Herz derjenigen zu treffen, die seit dem Wahlsieg von Trump nicht mehr wussten, ob sie lachen oder weinen sollten. Jetzt lachen sie wieder und den US-Präsidenten macht das rasend wütend.

Im Schlechten liegt das Gute schon verborgen

Wer über Trump lacht, bekommt die Kraft seiner 140-Zeichen zu spüren. An diesem Wechselspiel von Zerstörung und Erblühen können wir die ganze Faszination der Disruption in freier Wildbahn beobachten. Die Jäger werden zu Gejagten werden zu Jägern. Und so heftig der Einschlag des Wahlergebnisses schien, so viel mediale Diversität könnte geboren werden. Wie nach einem Vulkanausbruch, aus dessen erloschener Asche nach einiger Zeit fruchtbarer Boden entsteht, auf dem das Leben blüht.

Trump bricht alle Regeln, die wir vorher über Politik und Diplomatie zu kennen glaubten. Er beugt sie nach seinem Willen. Werden Marken auf diese Weise angegriffen, empfiehlt man ihnen sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, kreativ damit umzugehen, sonst würden sie daran zerbrechen. Genau das machen gerade die Medien und bringen sich so wieder zurück ins Spiel. Vielleicht stärker als sie es jemals waren. Der Demokratie wäre es zu wünschen.


Mathias Richel leitet als Executive Creative Direktor die Kreation der Berliner Agentur für Digital Business „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“. In dieser Position begleitet und berät er unter anderen Kunden wie Eon, Nestlé, Astra und Spotify. Mathias Richel leitet als Executive Creative Direktor die Kreation der Berliner Agentur für Digital Business „Torben, Lucie und die gelbe Gefahr“. In dieser Position begleitet und berät er unter anderen Kunden wie Eon, Nestlé, Astra und Spotify.


Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: