EditorialWarum ich an Apple gefesselt bin

Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
© Gene Glover

Vielleicht sollten wir in diesen Sommerferien mal alle unseren Stress neu sortieren. Und zwar nicht den sattsam bekannten Alltagsstress, sondern den neuen Zukunftsstress, der sich heimlich in unserem Leben breitgemacht hat. Es ist der Stress, mit dem wir Anschluss halten, der unser Leben modern gemacht hat und up to date hält. Mit dem wir zeigen wollen, wie sehr wir doch alles draufhaben, was da so an neuen Technologien auf uns einprasselt. Was meine ich damit?

Vor Kurzem bekam ich eine Nachricht von Apple, dass mein Cloud-Speicher (absurde 50 GB) voll ist. Wie immer ignorierte ich sie einige Wochen, buchte aber schließlich notgedrungen das Upgrade auf (noch absurdere) 200 GB, womit ich hoffentlich einige Zeit Ruhe finde. Und gleichzeitig sichergestellt habe, dass ich Apple nie mehr werde verlassen können. Ich fühlte Stress, genauer gesagt: Speicherstress.

Dabei muss ich gestehen, dass ich beim Speichern meiner Dateien, Fotos und Videos längst die Kontrolle verloren habe. Eine Zeit lang habe ich den Kram, der mein Leben dokumentiert, noch auf Festplatten gespielt. USB-Sticks und CDs liegen in meinem Schreibtisch wie in einem Mausoleum. Jetzt bin ich natürlich „in der Cloud“, bei mir ein verworrenes System aus Apple, Onedrive (Microsoft), Flickr (1000 GB für Fotos umsonst!), Google Drive, Dropbox und Evernote. Sollte in vielen Jahrzehnten irgendetwas davon von Interesse sein, wird man den Beruf des Cloud-Archivars erfinden müssen, der rätseln wird, warum das alles einmal gespeichert wurde.

Jeden Tag ein Update

Die Systeme, die das Archiv am Laufen halten, erzeugen Update-Stress. Es gibt kaum noch Tage ohne Update. Und wenn Apple selbst ein Update des Betriebssystems wünscht, ist die Software hartnäckiger als jeder Staubsaugervertreter.

Weitere Formen des neuen Zukunftsstresses: Aufladestress. Schon mal einen Gast gehabt, der erst nach der Steckdose und dann nach Ihren Kindern fragt? Klar, der Akku ist nur noch auf drei Prozent, das ist erst Mal wichtiger. Oft fragt er auch nach dem WLAN-Passwort (Verbindungsstress), zumal er noch E-Mails löschen muss, die er nicht lesen muss, wovon 80 Prozent Werbung oder überflüssige Newsletter sind (Löschstress). Der Aufladestress lässt sich inzwischen überall beobachten, an Flughäfen, auf Konferenzen, in Cafés. Die Steckdosen, deren Anzahl mit dem Fortschritt nicht mitgehalten hat, werden sofort belagert wie eine Wasserstelle in der Wüste. Menschen legen sich daneben in den Staub, um zu telefonieren oder Mails zu lesen (bzw. zu löschen).

Kommen wir zum Schlimmsten, dem Plattformstress. Der Tag besteht ja aus Meldungen, dass jemand „zur Kontaktaufnahme“ eingeladen hat, den „Status kommentiert“ oder etwas „geliked“ oder „geteilt“ hat. So weit, so bekannt. Die Anzahl der Plattformen (Facebook, Xing, LinkedIn, Instagram, Snapchat) aber ist so groß geworden, dass man sich manchmal eine Zwangsvereinigung oder Megafusion wünscht. Wo soll das enden? Manche Apps sind auf meinem Smartphone längst wie kleine, bunte Grabplatten, sei es Tumblr oder Pocket. Man kann diese ganzen Kanäle nicht mehr nur nicht checken – was um Himmels willen will man denn da alles mitteilen? Vielleicht das gleiche in allen Kanälen gleichzeitig? Dann bräuchte man so ein Content-Streubomben-Tool, dass den Status simultan auf alle Plattformen verteilt. Gibt es bestimmt schon, werden Digitale Very-Early-Adopter sagen. Bei mir kommt so etwas leider immer zwei Jahre später erst an.

Abgesehen davon, dass man sich bei vielen Plattformen nach dem Update (s. o.) erneut einloggen muss, was zu Passwortstress führt. Man hat es entweder vergessen oder ein neues, mit dem man nach Dutzenden Aufforderungen das alte ersetzt hat, noch nicht überall gespeichert – oder eine „sichere“ Variante hinterlegt, so mit Zahlen und Sonderzeichen, die sich auch kein Mensch merken kann.

Am Ende von Texten, habe ich einmal gelernt, soll man immer eine Lösung aufzeigen. Nun, ich habe leider keine. Doch mit dieser Stress­Liste habe ich immerhin einen Anfang. Den Stress mal sortiert. Vielleicht kann ich diese Liste kürzer machen. Ansonsten tue ich einfach so, als ob ich alles unter Kontrolle habe.

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