InflationSteigende Weizenpreise: Wird bald die Pasta teurer?

Der Pro-Kopf-Verbrauch von Pasta in Deutschland liegt bei fast 10 Kilogramm jährlich.
Der Pro-Kopf-Verbrauch von Pasta in Deutschland liegt bei fast 10 Kilogramm jährlich.IMAGO / Shotshop

In den Sommermonaten sind die Lebensmittelpreise überdurchschnittlich stark gestiegen Das treibt die Inflation spürbar an. Bald wird ein Grundnahrungsmittel den statistischen Warenkorb zusätzlich belasten: die Nudel. Ihre Hersteller müssen in diesem Jahr sehr viel tiefer in die Taschen greifen, um sich zuverlässig mit dem Rohstoff für die Teigware einzudecken. Denn die Preise für Hartweizen gehen durch die Decke.

„Wir erleben Preise von 600 Euro pro Tonne, frei Seehafen Europa, aber auch schon in Nordamerika selbst“, sagt Guido Jeremiasder, Spartensprecher Teigwaren und Hartweizenmühlen vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS). „Die diesjährige Erntemenge reicht nicht aus, und wir sehen eine Verdoppelung, teilweise eine Verdreifachung der Preise für Hartweizen“, so der Verbandssprecher über eine „dramatische Situation“. Die Hersteller sind alarmiert. Wie stark die Engpässe sich beim Endverbraucher bemerkbar machen werden, sei noch unklar. „Aber die Rohstoffe haben neben Energie und Fracht einen erheblichen Anteil daran, die Kosten nach oben zu treiben.“

Während Lieferketten von Bauholz bis Mikrochips empfindlich von der Corona-Pandemie gestört werden, sind es beim Getreide die Kapriolen des Wetters, die den Markt durcheinanderwirbeln. Denn Hartweizen ist anders als Weichweizen sehr witterungsempfindlich. In Europa gab es längere trockene und heiße Phasen, dann überdurchschnittliche Niederschlagsmengen, vielfach mit Unwettercharakter. Das Risiko von Schimmelbefall stieg. Unbeständiges Wetter machte die diesjährige Getreideernte zu einer Zitterpartie, stellte das Bundeslandwirtschaftsministerium fest. Qualitätsmängel führen dazu, dass die Körner sich eher zum Futtermittel eignen – als für die Grießmühle.

Mehrere Anbauregionen leiden

Dass ganz Nordeuropa von der Feuchtwetterlage stark betroffen war, führe dieses Jahr „sehr deutlich vor Augen, dass wir in Zeiten des Klimawandels leben“, sagt Jeremias. Der Sommer – und mit ihm die Durum-Ernte – sei in der Endphase buchstäblich ins Wasser gefallen. Deswegen musste in dem wichtigen Anbauland Frankreich wegen der schlechten Erntequalität die Prognose für Durum, das die Qualitätsnormen der Mühlen erfüllt, von durchschnittlich 1,5 Millionen Tonnen auf nurmehr ein Fünftel reduziert werden. „Ein ziemlicher Totalausfall“, so Jeremias.

Hartweizen ist empfindlicher als Weichweizen und gilt deshalb als Nischenprodukt.
Hartweizen ist empfindlicher als Weichweizen und gilt deshalb als Nischenprodukt.

Das allein mag bei einer Jahresproduktion von weltweit 33 bis 35 Tonnen noch nicht kriegsentscheidend sein. Zugleich fielen aber in Nordamerika zwei wichtige Anbauregionen mit großen Mengen aus. In Kanada, das als führendes Exportland in guten Jahren einen ordentlichen Beitrag von sechs bis sieben Millionen Tonnen Hartweizen beisteuert, vernichtete eine lange Dürre in den Prärieprovinzen gerade in der Wachstumsphase die Hälfte der Erträge. In Teilen der USA blieben Niederschläge aus, und die Hitze sorgte auch dort für Ausfälle von rund 50 Prozent. Deutsche Äcker produzieren etwa 200.000 Tonnen Durum, weitere Anbauregionen befinden sich in Kasachstan, im Maghreb, Mexiko und Argentinien.

Die weltweite Hartweizenernte fällt in diesem Wirtschaftsjahr also auf ein 20-Jahrestief, beklagt der Getreide- und Mühlenverband. Mit einem Abwärtstrend seit etwa vier Jahren. Auch für Weichweizen sind die Preise so teuer wie zuletzt vor acht Jahren. Die marktbewegenden Ernteprognosen des US-Agrarministeriums hatten im Jahresverlauf zunächst eine Verknappung signalisiert, seit August aber eine Aufwärtskorrektur der globalen Weizenernte und auch der Exporte vorgenommen. Nachlassende Bedenken hinsichtlich des global verfügbaren Angebots haben damit die Preishausse zuletzt abgebremst.

Durum hält Pasta in Form

Nicht jedoch für das Nischenprodukt Hartweizen, auf das nicht nur die Nudel- und Pastahersteller angewiesen sind. Der Grieß aus Hartweizen hält Nudeln beim Kochen in Form und gibt ihnen den gewünschten al-dente-Biss. Dafür sorgen hohe Anteile von Gluten und Protein. Durum ist auch der Rohstoff, aus dem die Körner von Couscous und Bulgur gewonnen werden. Die Türkei, der Nahe Osten und Nordafrika sind wichtige Verbraucherländer.

Eine Langwarenstraße in der Spaghetti-Herstellung.
Eine Langwarenstraße in der Spaghetti-Herstellung.

Wie in Italien die Pasta, so haben Nudeln auch in Deutschland eine lange Tradition. Vier Fünftel der hierzulande produzierten Teigwaren enthalten dabei Ei. Ganze 9,5 Kilogramm Nudeln oder Pasta verzehrten die Deutschen laut Herstellerverband im Jahr 2020 im Durchschnitt pro Kopf. Bei über der Hälfte der Verbraucher kommen Nudeln mindestens einmal pro Woche auf den Tisch. Deutsche Hersteller und Einkaufsgemeinschaften führen derzeit jährlich rund 450.000 Tonnen Durum ein – davon ein Viertel aus Kanada.

Schon in anderen schlechten Erntejahren hatten selbst deutsche Discounter die Pasta-Preise im Einzelhandel angehoben – zuletzt 2007. Da hatte sich der Preis für Hartweizen im Vergleich zum Vorjahr auf rund 350 Euro je Tonne mal eben verdoppelt. Nun spielen die Märkte wieder verrückt. Der knappe Rohstoff kostete im August dieses Jahres zwischenzeitlich mehr als 600 Euro je Tonne. Im Vorjahr waren es laut VGMS weniger als die Hälfte und 2019 rund 220 Euro.

Verknappung kann leere Regale bringen

Höhere Getreidepreise schlagen sich in der Inflationsrate bei pflanzlichen Erzeugnissen nieder, die in diesem Jahr laut Statistischem Bundesamt zum Vorjahresmonat bereits stellenweise eine Steigerung von 15 Prozent Steigerung. Wie stark der Preisausschlag nach oben in deutschen Regalen ausfallen wird, mag niemand vorhersagen. Aber zum einen lässt sich Durum bei Pasta nicht substituieren. Und zum anderen „kann kein Hersteller eine so dramatische Verknappung auffangen“, betont Sprecher Jeremias. „Er ist darauf angewiesen, dass er die Preise ein Stück weit weitergeben kann“.

Während noch offen sei, ob die Importpreise weiter nach oben, seitwärts oder vielleicht doch nach unten gingen, gelte die ganz große Sorge zunächst der Versorgungssicherheit. Leergekaufte Regale wie in den anfänglichen Hamsterphasen der Coronakrise werde der Verbraucher nicht erleben. „Nudeln werden sicher nicht ausgehen. Aber vielleicht bleibt einmal ein Regal leer für eine gewisse Zeit“, so der Verbandssprecher. In unserem an Überfluss gewöhnten System mache die Entwicklung auch einmal deutlich, wie schnell so etwas kippen kann – und wie schnell Preise dramatisch nach oben schießen können.

 


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