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Gleichberechtigung
Bis zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist es noch ein weiter Weg
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Martin Wehrle ist Karriere- und Gehaltscoach. Der gelernte Journalist hat die erste systematische Ausbildung für Karriereberater (-coaches) in Deutschland entwickelt. Außerdem schreibt er für diverse Medien. Gerade erschienen im Mosaik-Verlag ist sein neues Buch: „Herr Müller, Sie sind doch nicht schwanger?!“ Warum das Berufsleben einer Frau für jeden Mann ein Skandal wäre


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, heißt es im Grundgesetz. Ich fordere Sie auf, diesen Satz mit Leben zu füllen. Bitte schieben Sie ein Gesetz an, das die Unternehmen zu mehr Transparenz verpflichtet. Die Kundinnen sollen wissen, wie die Führungspositionen und die Gehälter in jeder deutschen Firma zwischen Mann und Frau verteilt sind. Das erzeugt Handlungsdruck, denn 80 Prozent aller Kaufentscheidungen werden laut Studien von Frauen gefällt. Und wenn die Frauen dort nicht mehr kaufen, wo man sie als Arbeitskräfte für dumm verkauft, haben die Unternehmen ein Problem!

Wie kann es sein, dass Ihre Bundesregierung für eine Frauenquote eintritt, selbst aber nur 150 ihrer 715 Abteilungsleiter-Stellen mit Frauen besetzt hat? Wie kann es sein, dass man bei den 200 größten deutschen Unternehmen 25 Vorstandstüren öffnen muss, bis man die erste Frau findet; oder dass Frauen 21 (bis 22) Prozent weniger als Männer verdienen, womit Deutschland Europameister in Gehalts-Diffamierung ist? Der Anteil von Frauen im gehobenen Management des Mittelstands hat sich zwischen 1995 und 2007 von acht auf neun Prozent erhöht. Ein Prozent in zwölf Jahren! Wenn es im selben Tempo weitergeht, braucht es noch läppische 492 Jahre bis zur Chancengleichheit.

Ich erwarte von Ihnen eine Politik, die mehr bezahlbare Kita-Plätze, mehr Ganztagsschulen, mehr flexible Arbeitsstellen auf den Weg bringt. Dagegen gehören Betreuungsgeld und Ehegatten-Splitting abgeschafft. Der Staat muss die Kinderbetreuung nach skandinavischem Vorbild fördern. In Schweden werden 90 Prozent der Kinder unter zwei in kostengünstigen Kitas oder von Tagesmüttern versorgt. In Deutschland aber sind Betreuungsplätze rar; von 100 Kindern unter zwei werden in den alten Bundesländern nur 23 ganztags betreut.

Frauen im Management können, wie Studien nachweisen, die Risiken minimieren und die Rendite steigern. Denn wer ist in die Finanzkrise gerast? Alle elf Direktoren der Pleitebank Lehman Brothers waren Männer! Wer hat den ADAC durch gefälschte Zahlen in den Graben gefahren? Unter 33 Männern im Präsidium und Verwaltungsrat: keine einzige Frau! Gemischte Führungsteams arbeiten am effektivsten und erzielen 50 Prozent mehr Gewinn.

Bitte tun Sie alles, damit wir ein Land bekommen, in dem Frauen nicht mehr diskriminiert werden – ein Land auch, in dem Sie als Kanzlerin genau so selbstverständlich nicht „Mutti“ genannt werden, wie man Ihre Vorgänger nicht „Papi“ genannt und damit auf die Familienrolle reduziert hat.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Wehrle 

Foto Wehrle: © André Heeger