Ifo-StudieRenationalisierung käme Deutschland teuer zu stehen

Branchen, die auf globale Lieferketten setzen, waren von den Folgen der Corona-Krise besonders stark betroffen. Eine Renationalisierung der eigene Produktion ist dennoch nicht die Lösung, warnt eine ifo-Studie
Branchen, die auf globale Lieferketten setzen, waren von den Folgen der Corona-Krise besonders stark betroffen. Eine Renationalisierung der eigene Produktion ist dennoch nicht die Lösung, warnt eine ifo-Studieimago images / Hans Blossey

Etwa 17 Prozent der deutschen Waren – und damit knapp jedes sechste Produkt – entsteht entlang internationaler Lieferketten. Störungen in der Produktion und bei der Lieferung wie in der Corona-Krise machen sich daher besonders in Branchen mit starken internationalen Verflechtungen bemerkbar. Auf eine wirtschaftliche Renationalisierung zu setzen, würde Deutschland allerdings „mehr Schaden bringen, als das Risiko zu reduzieren“, heißt es in einer aktuelle Studie des Münchner Ifo Instituts.

Eine stärkere Verlagerung der Produktion ins Inland würde zu höheren Einkommens- und Wohlstandsverlusten führen. „Die Globalisierung zurückzudrehen, also zum Beispiel Produktion in größerem Umfang nach Deutschland zurückzuholen, wäre keine Lösung für die aktuelle Krise“, sagt Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft. Forderungen die Wirtschaft angesichts der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie  stärker vom Ausland zu entkoppeln, hält sie daher für falsch.

„Wir können zeigen, dass die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 nur marginal kleiner wären, wenn wir die Globalisierung jetzt zurückdrehen“, ergänzt Flach. Berechnungen des Ifo Instituts zufolge sind die realen Einkommen in Deutschland durch die Corona-Krise um neun Prozent gesunken. Mit weniger globalen Lieferketten hätte Rückgang Abfall 7,4 Prozent betragen. „In einer weniger integrierten Welt läge unsere Wirtschaftsleistung (BIP) bereits heute auf einem weitaus geringeren Niveau“, erklärt Flach. Das Bruttoinlandsprodukt würde demnach auf das Niveau von 1996 absinken. Aktuell liegt es dagegen auf dem Niveau von 2013.

Autobauer, Maschinenbau und Pharmaindustrie am stärksten betroffen

Durch die Corona-Pandemie hatte die deutsche Wirtschaft zuletzt vor allem mit Störungen der Produktion im Inland zu kämpfen. Rund zwei Drittel des rückläufigen Realeinkommens lassen sich darauf zurückführen. Am stärksten machen sich die Folgen der Pandemie dabei in den sogenannten Schlüsselbranchen – Autobau, Maschinenbau und Pharmaindustrie – bemerkbar.

Allein die Automobilbranche macht circa ein Fünftel der deutschen Bruttowertschöpfung aus. Zwei Drittel ihres Umsatzes erzielt sie im Ausland, darunter vor allem in China, in den USA und in Großbritannien. In der Produktion sind die europäischen Nachbarländer wichtig. Ein Drittel aller Zwischengüter werden in Europa gefertigt. Die starke internationale Vernetzung macht sich in der Krise allerdings besonders bemerkbar – mit einem Rückgang der Wertschöpfung um mehr als ein Zehntel. Mit Blick auf die Größe des Sektors halte sich der Verlust allerdings in Grenzen, so die Studie.

Noch stärker war zuletzt die Pharmaindustrie betroffen. Die Ifo-Studie ermittelt einen Rückgang der Wertschöpfung um 11,3 Prozent – der stärkste im Branchenvergleich. Auch im Maschinenbau ist die Produktion wegen Materialknappheit und niedriger Auftragslage stark geschrumpft. Die Wertschöpfung brach um knapp ein Zehntel ein. Zwar bezieht die Branche einen Großteil der Zwischengüter aus der Bundesrepublik. Mit China, Frankreich und Italien sind allerdings auch wichtige Zulieferer von der Pandemie betroffen.

Zwar hatten somit gerade die Branchen die stärksten Einbußen, die besonders von internationalen Liefer- und Produktionsketten abhängig sind. Gleichzeitig sei Deutschland in einigen Sektoren, darunter vor allem die Schlüsselindustrien, stark spezialisiert, bilanziert die Studie. Auch nach wirtschaftlichen Schocks könnten sich die betroffenen Branchen schnell erholen – und blieben weiterhin sehr wettbewerbsfähig. In einer de-globalisierten Welt, wäre diese Spezialisierung nicht mehr möglich.

 


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