ExklusivNeue Spur nach Russland im Wirecard-Skandal

Unternehmenszentrale von Wirecard: Geschäfte mit einer „politisch exponierten Person“ aus Russlandimago images / Sven Simon

Im Skandal um den bankrotten Zahlungsdienstleister Wirecard führt eine neue Spur nach Russland. Zu dem flüchtigen Firmenvorstand Jan Marsalek gibt es bereits seit längerem Berichte über gute Kontakte in das Reich von Wladimir Putin und dessen Geheimdiensten; einige vermuten auch, dass er dort heute lebt. Interne Unterlagen, die dem „Stern“ und Capital vorliegen, enthalten jetzt neue Informationen.

Laut einer Verbindungsanalyse der Wirtschaftsprüfer der Firma EY (Ernst & Young) aus dem Jahr 2017 soll die Wirecard-Bank bereits damals einen Kredit über 6 Mio. Euro für eine Firma gewährt haben, die einer „politisch exponierten Person“ („politically exposed person“) aus Russland gehöre. Diese Firma sei auch an einem Gemeinschaftsprojekt mit einer Tochter des Staatskonzerns Rostec beteiligt; dieses Firmenkonglomerat ist vor allem in der Rüstungsindustrie aktiv und steht seit der Besetzung der Krim unter US-Sanktionen. In der Korrespondenz zu dem Kredit wird auch der Name eines in Asien aktiven Geschäftsmanns erwähnt, der als Vertrauter von Jan Marsalek gilt.

Die Verbindungsanalyse wird von der Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS in einer Strafanzeige gegen Wirtschaftsprüfer von EY zitiert. Dieses 28-seitige Schreiben vom 28. September 2020 liegt dem „Stern“ und Capital vor. Die Staatsanwaltschaft München I hat am heutigen Freitag bestätigt, dass sie Ermittlungen gegen jene Mitarbeiter aufgenommen hat, die in den Jahren von 2016 bis 2018 für EY die Jahresabschlüsse von Wirecard geprüft und als ordnungsgemäß bestätigt hatten. „Wir haben die mehrseitige Strafanzeige der APAS inzwischen ausführlich geprüft“, teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dem „Stern“ und Capital mit: „Da sie konkrete Beschuldigte und Strafvorschriften bezeichnet, haben wir, wie es die Aktenordnung vorgibt, ein Ermittlungsverfahren gegen die namentlich Genannten eingetragen“, fügte sie hinzu.

Die APAS, die im Geschäftsbereich von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angesiedelt ist, hatte in dem Schreiben massive Vorwürfe gegen die Prüfer erhoben. So habe es der APAS zufolge in allen drei Jahren Auffälligkeiten gegeben, denen man nicht vollständig nachgegangen sei. Immer wieder habe die Wirecard-Spitze Anschuldigungen zurückgewiesen und vertiefte Prüfungen für unnötig erklärt. Aus Sicht der APAS geht es um „Tatsachen“, die „den Verdacht begründen, das Berufsangehörige Straftaten im Zusammenhang mit der Berufsausübung begangen haben“.

EY hat den Verdacht von Straftaten wiederholt vehement zurückgewiesen – erneut an diesem Freitag. Der Firma seien bisher „keinerlei Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Verhalten von Abschlussprüfern von EY bei Wirecard bekannt“, betont EY. Gegenüber der APAS habe man auch bereits ausführlich auf die Vorwürfe geantwortet. Die Prüfgesellschaft hofft außerdem darauf, dass der Bundesgerichtshof demnächst entscheidet, in welchem Umfang ihre Mitarbeiter für Aussagen vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags von ihrer Schweigepflicht befreit werden müssen. Der Gerichtshof soll demnächst über Bußgelder befinden, die der Ausschuss gegen EY-Prüfer verhängt hatte, die jüngst bei ihrer Vernehmung zunächst nicht zu Fragen mit einem konkreten Bezug zum Thema Wirecard antworten wollten.

EY drohte mit Ende der Geschäftsbeziehung

Es geht um viel Geld und auch um mögliche Schadenersatzforderungen gegen EY. Immerhin hatten sich Anleger darauf verlassen, dass die Bilanzen von der renommierten Prüffirma abgenickt worden waren. Auch die staatlichen Aufseher bei der Bafin verließen sich gerne auf die Arbeit der privaten Prüfer.

Jetzt zeigt sich, dass bei all den positiven Testate womöglich viel nur Fassade waren. Bereits im März 2017 drohte EY laut APAS-Schreiben an die Staatsanwaltschaft sogar damit, das Geschäftsverhältnis mit Wirecard zu beenden. Am 29.3.2017 beklagten die beiden Prüfer Martin Dahmen und Andreas Loetscher in einem Brief an Wirecard-Chef Markus Braun, Marsalek und den damaligen Finanzvorstand Burkhard Ley die mangelnde Kooperation des Vorstands bei der Aufklärung von Vorwürfen. Punkte seien noch nicht „geklärt“, forensische Untersuchungen nicht gemacht worden. Die beiden Prüfer drohten daher, ihr uneingeschränktes Testat für das Jahr 2016 zu verweigern. Und sie teilten mit, „dass wir auf Basis Ihrer Reaktion auf dieses Schreiben überdenken werden, ob und wie wir die weitere Zusammenarbeit gestalten können“.

Bereits zuvor hatten sie geklagt, dass „auf der Basis der vorliegenden Informationen“ die „in 2015 und 2016 gebuchten Umsätze gegenwärtig nicht in angemessener Weise bezüglich Betrag, Sachverhalt und Zeitpunkt nachgewiesen“ seien.

Ob der Wirecard-Vorstand die Forderungen erfüllt hat, erscheint fraglich. EY habe dann jedenfalls einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk erteilt. Ebenso bei der Prüfung für das Jahr 2016. Ebenso bei der Prüfung für das Jahr 2016. Damals ging es um den sogenannten Zatarra-Bericht von zwei Londoner Aktienhändlern. Hier habe EY „keine Prüfungshandlungen durchgeführt“, um mit „absoluter Sicherheit“ die Vorwürfe „abschließend zu beurteilen“, hieß es demnach in einem Arbeitspapier.

Firmenchef Braun, der auch bis heute alle Vorwürfe bestreitet, erklärte im März 2016 öffentlich man habe „alle Vorwürfe untersucht“. Kein einziger davon sei zutreffend.  Finanzvorstand Ley soll aber – so der APAS-Bericht – gegenüber EY eingeräumt haben, dass man in Sachen Zatarra „nicht in die tiefsten Löcher“ gestiegen sei. Im offiziellen Prüfungsbericht resümierte EY hingegen, dass man sich „davon überzeugt“ habe, dass die Vorwürfe durch Wirecard „verfolgt und beurteilt wurden“.

Bereits damals ging es außerdem um massive Vorwürfe betreffend das Indien-Geschäft von Wirecard. So berichtete ein leitender Prüfer eines EY-Partners in Indien, ein Firmenchef einer Wirecard-Tochter habe ihm berichtet, dass bei einem Zukauf einer Firmengruppe in Indien „Mitglieder des Senior Managements der Wirecard AG in Deutschland“ durch die Einschaltung einer Zwischenfirma profitiert hätten. Der Prüfer in Indien berichtete überdies vom Vorwurf von Scheinumsätzen, einem Versuch, ihn zu bestechen – und davon, dass Vertreter des „senior management“ von Wirecard von dem Deal profitieren.

Die Untersuchungen zu den Vorgängen in Indien zogen sich unter dem Namen „Projekt Ring“ über mehrere Jahre hin – auch weil die Prüfer offenbar vergebens auf Feedback der Firmenspitze warteten. Im April 2018 zog schließlich Marsalek, der auf Vorstandsseite für das Projekt zuständig war, einen Schlussstrich, ausweislich einer Mail vom 3. April 2018. In der beurteilte er „die Anschuldigungen als haltlos“. Man werde daher „keine weiteren Investigationen durchführen“. Für die Prüfer von EY hatte Marsalek auch ein paar freundliche Worte: „Wir danken ihnen für ihre jederzeit transparente und hoch professionelle Analyse und das entsprechende Reporting.“

Die APAS meint heute, angesichts des „Nichtaufklärungswillens“ bei Wirecard sei von EY „der falsche Eindruck erweckt“ worden, die Vorwürfe seien abschließend untersucht worden. Als Zeugin im Untersuchungsausschuss bestätigte Mitte November bereits die frühere Wirecard-Aufsichtsrätin Tina Kleingarn, dass EY das Testat für den Jahresabschluss 2016 erst auf den letzten Drücker erteilt hat. Ein Grund dafür sei gewesen, dass der Vorstand im April 2017 Dokumente und Belege, die die Prüfer verlangt hätten, lange Zeit schuldig geblieben sei. Im Fokus hätten die Ergebnisse des „Projekts Ring“ gestanden, aber auch fehlende Informationen zum Drittpartnergeschäft in Asien.

Zatarra-Autor: „Belege für 15 Dollar“

Heikel sind die Vorwürfe gegen EY nun auch für die Deutsche Bank, denn einer der beiden Prüfer – Loetscher – ist bei ihr heute Chef der Rechnungslegung („head of accounting“). Unabhängig davon hatte die Bank jüngst EY als ihren neuen Abschlussprüfer angeheuert. Ein Sprecher der Bank verwies auf „die Unschuldsvermutung“. Man schätze „die Zusammenarbeit mit dem Kollegen und wir haben volles Vertrauen in seine Kompetenz und Fähigkeit, seine Aufgabe zu erfüllen“. Natürlich beobachte man die Situation aufmerksam – das gelte auch für „alle weiteren Entwicklungen“ betreffend EY.

Bestätigt fühlen können sich dagegen die Autoren des Zatarra-Berichts aus dem Frühjahr 2016. „Wir waren damals verblüfft, dass EY dem Management von Wirecard geglaubt hat“, sagte Fraser Perring, einer der beiden Autoren des Reports, auf Anfrage von „Stern“ und Capital. „Die EY-Prüfer hätten Falschinformationen der Wirecard-Spitze leicht beweisen können, wenn sie sich etwa die Jahresabschlüsse von Konzerntöchtern und die Bestellungen von Führungspersonal in Asien angeschaut hätten. Die nötigen Auszüge aus offiziellen Registern haben uns damals 15 Dollar gekostet“, sagte Perring weiter. Demnach sei ein wichtiger Wirecard-Vertriebsmanager in Asien ein verurteilter Heroindealer gewesen. Die damalige Finanzchefin von Wirecard Asia Pacific habe zuvor bei Schmuggelgeschäften mit Öl auf den Philippinen mitgemischt.

Perring erhob aber auch schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden. „Niemand hat unsere Erkenntnisse zu Betrug bei Wirecard damals überprüft“, sagte er. „Alle beteiligten Behörden haben versagt, inklusive der Bafin, dem Finanzministerium und der APAS.“ Daher könne man es für einen „schlechten Witz“ halten, dass die APAS nun EY bei der Staatsanwaltschaft angezeigt habe. Tatsächlich hätten sämtliche deutschen Behörden jahrelang lieber die Kritiker des Konzerns verfolgt, als den Vorwürfen gegen Wirecard selbst nachzugehen. „Hätten die Behörden offizielle Dokumente überprüft, wären sie schnell auf Belege für weit verbreitete Falschangaben des Konzerns gestoßen.“

 


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