ReportageDie Honigfalle

Stefanie Giesselbach – zurück in ihrer Heimat Hamburg
Stefanie Giesselbach – zurück in ihrer Heimat Hamburg
© Benne Ochs

Auf den ersten Blick war der neue Job von Stefanie Giesselbach ein Traum: Chicago statt Hamburg, ihr Apartment im 47. Stock, mit Blick auf den Lake Michigan. Im Büro hörte sie die historische Hochbahn, die sie nur aus Filmen kannte, über die Gleise rumpeln. Giesselbach hatte es geschafft: Mit gerade mal 28 Jahren sollte sie das Honiggeschäft in den USA für ihren Arbeitgeber führen, das Hamburger Handelshaus Alfred L. Wolff, ein Familienunternehmen mit über 100-jähriger Geschichte.

Doch schon bald merkte Giesselbach, dass mit diesem Traum etwas nicht stimmte. Was sie nicht ahnte: dass dieser Job ihr größter Albtraum werden würde.

Kurz nach ihrer Ankunft Ende 2006 war Giesselbach aufgefallen, dass das Geschäft in den USA ganz anders war als in Deutschland. In der Heimat war der Handel mit Honig ein streng geregeltes Geschäft, mit viel Wissenschaft, Analysen und Kontrollen. „In Chicago ging es nur darum, Honigcontainer von A nach B zu verschieben. Qualität spielte keine Rolle“, erinnert sie sich. Hauptsache, viel und billig. Und noch etwas fiel ihr auf: In den USA handelte ihre Firma mit Honig aus ganz anderen Herkunftsländern als in Europa.

Vom Traum zum Albtraum

Ihren Vorgänger, der sie einarbeitete, wollte sie nicht fragen, die Chemie stimmte nicht. Und dann kam dieser Tag, an dem bei einer Lieferung aus Malaysia 500 Kilogramm fehlten. Im Grunde kein Problem, eine normale Reklamation. Doch sie hatte nur eine Mailadresse.

„Den Malaysier“ hatten sie ihn immer genannt. „Mensch, den kennst du doch. Das ist der Chinese“, sagte ihr Vorgänger irgendwann brüsk. Jetzt dämmerte es ihr: Der „Russe“, der „Malaysier“, der „Koreaner“ – alle Lieferanten waren dieselbe Person: ein Zulieferer aus China, der in jedem Land Scheinfirmen aufgebaut hatte. Nun wusste Giesselbach, dass etwas faul war. Doch als Einzige aus ihrer Firma würde sie dafür ins Gefängnis gehen.

Eine persönliche Tragödie

Der Fall von Stefanie Giesselbach ist eine persönliche Tragödie, der die junge Frau fünf Jahre ihres Lebens gekostet hat. Sie hat nun ein Buch („Meine abgeschminkten Jahre“, Piper) darüber geschrieben. Vor allem über ihre Zeit im Frauenknast.

Die US-Behörden hatten ihr vorgeworfen, Teil einer Verschwörung zu sein. Durch falsch deklarierten Honig aus China hätte Alfred L. Wolff Schutzzölle umgangen. Der Staatsanwalt sprach von einem Schaden in Höhe von 80 Mio. Dollar. Und vom größten Lebensmittelbetrug in der Geschichte der USA.

Giesselbachs Geschichte ist aber auch ein Lehrstück über falsch verstandene Loyalität gegenüber einem Arbeitgeber – der sie eiskalt fallen ließ. Darüber, wie Mitarbeiter für dubiose Machenschaften instrumentalisiert werden. Und wie schlecht vorbereitet viele ins Ausland gehen, ohne über das Justizsystem Bescheid zu wissen.