ReportageKTG: Der Felduntergang

Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG
Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG
© laif

„Gegen 16 Uhr gab es gestern in der Straße An den Eichen in Oranienburg einen Polizeieinsatz, weil eine Porschefahrerin dort ausgerastet sein soll. Bevor die Frau das dortige Firmenobjekt verließ, soll sie mehrere Sachbeschädigungen im Inneren begangen, auf mehrere Tische uriniert und unter anderem zwei Laptops beschädigt haben. Mitarbeiter der Firma hielten die teilweise schreiende Frau fest, um weitere Straftaten zu verhindern. Anschließend verließ die Frau wutentbrannt den Ort. Der Schaden – vor allem an den Laptops – wird mit circa 1 800 Euro beziffert. Gegen die Verursacherin wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die Kriminalpolizei führt die Ermittlungen.“

Meldung der Polizeidirektion Brandenburg-Nord, 20. September 2016

Es hatte ein Tag des Neuanfangs werden sollen in Oranienburg, einer Kreisstadt nördlich von Berlin. Der Landwirtschaftskonzern KTG Agrar, dessen Verwaltung hier inmitten von Feldern sitzt, hatte zuletzt harte Wochen hinter sich: Anfang Juli musste das Unternehmen Insolvenz anmelden, externe Sanierer übernahmen das Kommando. Was das 25-köpfige Team vorfand, war ein Desaster. Ein Dickicht aus 120 Firmen, mit fast 400 Mio. Euro überschuldet. Das Getreide und der Mais auf den ausgedörrten Feldern waren verkümmert, nicht einmal Geld für Diesel gab es, um die spärliche Ernte einzufahren. Die knapp 1 000 Mitarbeiter bangten um ihre Jobs, die Zeichner mehrerer KTG-Anleihen um fast 350 Mio. Euro. Eine der größten Pleiten auf dem deutschen Markt für Mittelstandsbonds bahnte sich an.

Nun gab es erstmals Hoffnung. Die Verwalter hatten einen Käufer für den Pleitekonzern gefunden. Der Totalausfall war abgewendet.

An diesem 19. September, einem Montag, richteten sich die Abgesandten des neuen Eigentümers am KTG-Sitz ein. Doch die Vergangenheit holte das Unternehmen für einen Augenblick ein. Bei der Porschefahrerin, von der die Polizei später in ihrer Meldung berichtete, handelte es sich um Beatrice Ams, 45, die Großaktionärin und Aufsichtsrätin des KTG-Konzerns. Gemeinsam mit Vorstandschef Siegfried Hofreiter, ihrem langjährigen Lebensgefährten, hatte Ams bis zuletzt das Unternehmen dominiert. Nun saßen andere Herren mit eigenen Plänen in ihrem Eckbüro. Da rastete sie aus.

Bauer sucht Geld

Die Szene markiert den Tiefpunkt einer zunächst strahlenden Wirtschaftsgeschichte, die so hell schien, dass sie rund 12 000 Privatanleger blendete – ebenso Analysten, Journalisten und Berater. Die Munich Strategy Group kürte KTG noch im Jahr 2014 zum besten deutschen Mittelstandskonzern, weil das Unternehmen rasant wuchs. Auch Capital empfahl die Papiere einmal – wenn auch schon 2013, als KTG noch keinen riesigen Schuldenberg angehäuft hatte. Der Höhenflug entpuppt sich nun als Blindflug, Absturz inklusive. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

Wieder einmal ist eine Mittelstandsanleihe implodiert, haben Anleger ihr Geld verloren. Der Fall erinnert an Prokon. Oder German Pellets. Immer wurde eine Story verkauft, mit satten Renditen und grünem Anstrich. KTG Agrar vermarktete die Bonds als „Biowertpapiere“, weil es auf einem Teil seiner Äcker nach Ökostandards produzierte. 7,25 Prozent Zinsen kassieren und Gutes tun – Anleger lieben solche Geschichten. Sogar von der Umweltbank wurden die Anleihen vertrieben.

Capital hat versucht zu dokumentieren, was bei KTG Agrar schiefgelaufen ist. Weder Hofreiter noch Ams reagierten auf eine Anfrage mit der Bitte, zu den Vorgängen Stellung zu nehmen – aber Hunderte Seiten Handelsregisterauszüge, Dutzende Gespräche mit anderen Beteiligten und interne Dokumente zeigen auch so ein deutliches Bild. Es hat wenig mit dem gemein, das Hofreiter von seinem „integrierten Agrarkonzern“ zeichnete. Vielmehr scheint es, als hätten Hofreiter und alte Weggefährten ein Schattenreich aus privaten Unternehmen um den KTG-Konzern herum gebaut.

Die fast 350 Mio. Euro der Anleihenkäufer sind größtenteils vernichtet. Werte sind kaum vorhanden, das wurde bei der Gläubigerversammlung klar. Was bleibt, sind viele Fragen: War KTG-Herrscher Hofreiter nur ein Blender? Oder auch ein Betrüger? Aber vor allem: Wo sind die Millionen geblieben?

Der Aufstieg

Lange klang es wie eine Erfolgsstory: Mitte der 90er-Jahre bewirtschafteten der bayerische Bauernsohn Siegfried Hofreiter und die gelernte Gärtnerin Beatrice Ams gerade einmal 600 Hektar Acker – aber in wenigen Jahren formte Hofreiter da raus Europas größten Agrarkonzern. Aus ein paar Flächen in Ostdeutschland baute er ein Unternehmen mit zuletzt 320 Mio. Euro Umsatz.

Wie besessen kaufte und pachtete Hofreiter Flächen, auf denen er Getreide, Mais und Soja anbaute. Zuletzt kontrollierte er ein Reich von 45 000 Hektar an zwölf Standorten in Deutschland, sowie in Litauen und Rumänien.

Parallel stieg KTG groß ins Biogasgeschäft ein. Am Ende betrieb die börsennotierte Energiesparte 21 Anlagen mit 60 Megawatt, wurde zu einem der größten Ökostromerzeuger im Land. Später schluckte Hofreiter Hersteller für Tiefkühlkost, Bioaufstriche und Speiseöl und baute daraus eine eigene Foodsparte. Sein Slogan: „Vom Feld bis auf den Teller“. Schon 2007 führte Hofreiter KTG mit viel Tamtam an die Börse. Am Tag der Erstnotierung fuhr der Chef der Bauern AG im Traktor vor.

Dabei tritt der 54-Jährige, von Freunden Siggi genannt, kaum wie ein Top-Manager auf. Eher wie Balu, der Bär – aber eloquent. Man kann sagen: bauernschlau. „Ackern fürs Leben“ ist ein anderer Slogan von ihm. Die Anleger glaubten dem Mann, der mit seinen abgelatschten Schuhen, den schlabberigen Pullis und leichtem bayerischen Akzent wirkte, als würde er noch selbst auf das Feld rausfahren. Hofreiter sei ein „Menschenfänger“, sagt einer, der ihn öfters erlebt hat. Doch das war nur die eine Seite des KTG-Chefs.