KolumneDeutschland Superstar?

Unsere Konjunktur ist offenbar kaum noch zu bremsen. Knapp zwei Monate vor der Bundestagswahl sind die Unternehmer optimistischer als je zuvor im vereinten Deutschland, auch die Verbraucher sind blendend gelaunt. Trotz mancherlei Sorgen um die Automobilindustrie kann die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um mindestens zwei Prozent wachsen. Nach den bisher vorliegenden Daten ist sogar ein etwas höheres Tempo möglich. Wieso läuft es bei uns so gut?

Die erste Antwort ist einfach. Deutschland erlebt sein goldenes Jahrzehnt. Wir ernten die Früchte der Reformen der Agenda 2010 aus den Jahren 2003 und 2004 und einer insgesamt vernünftigen Lohnpolitik. Deutschland hat sich zu einem der besten Produktionsstandorte in der entwickelten Welt gemausert. Bei uns wollen Unternehmen gerne investieren, produzieren und Arbeitsplätze schaffen. Seit Anfang 2006 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um ganze 22 Prozent nach oben geschnellt. Dank der zusätzlichen Beitragszahler sind die Sozialkassen trotz mancher Sonderausgaben gut gefüllt. Der Staat erwirtschaftet einen kleinen Überschuss und kann so seine Investitionen hochfahren, ohne Bürger durch höhere Steuern oder neue Schulden belasten zu müssen. Das stützt unser Wachstum im Trend. Mit Rekordbeschäftigung und stabilen Preisen, einem zunehmenden Lebensstandard für nahezu die gesamte Bevölkerung und einem kleinen Überschuss im Staatshaushalt geht es Deutschland besser als je zuvor. Selbst die Geburtenrate klettert wieder langsam nach oben.

Infografik: Euphorische Stimmung in der deutschen Wirtschaft | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Auch die Konjunktur spielt mit. Die Krise vieler Schwellenländer des Jahres 2016 und der gleichzeitige Schwächeanfall Chinas sind vorbei. Entsprechend blüht die Ausfuhr auch in diese Länder wieder auf. Unsere Haushaltspolitik ist leicht expansiv, die Zinsen sind niedrig, der Wechselkurs ist weiterhin leicht unterbewertet. Entsprechend legt die Konjunktur derzeit schneller zu, als es dem langfristigen Trendwachstum entspricht, das ich bei etwa 1,6 Prozent pro Jahr ansiedeln würde. Dank des energischen Eingreifens der Europäischen Zentralbank und mancher Rettungspakete erholen sich mit Ausnahme Griechenlands heute alle anderen Randländer unseres Währungsgebietes, denen der Deutsche Bundestag in den vergangenen Jahren Hilfe zur Selbsthilfe bewilligt hatte (Spanien, Portugal, Irland und Zypern), erstaunlich rasch von ihrer einstigen Krise. Auch das kommt uns heute zugute.

Brexit und Dieselgate bringen die Wirtschaft nicht aus dem Tritt

Derzeit läuft der deutsche Konjunkturmotor auf allen vier Zylindern. Der private Verbrauch legt mit einer für unsere Verhältnisse satten Rate von etwa zwei Prozent zu, der Staat weitet seine Ausgaben aus, die Ausfuhr läuft, auch wenn die Einfuhr sogar etwas schneller steigt. Und auch außerhalb des Wohnungsbaus kommen die Investitionen offenbar immer mehr in Gang. Weil der Aufschwung so breit abgestützt ist, würde es eines echten Schocks bedürfen, um ihn aus dem Tritt zu bringen. Sorgen um den Brexit, Probleme mit dem Diesel oder das Risiko einzelner US-Anti-Dumpingzölle reichen dafür nicht aus.

Trotz seines jüngsten Höhenfluges ist der Wechselkurs des Euro zum US Dollar noch ein Stück von seinem langfristig angemessenen Wert, der Kaufkraftparität entfernt, die ich bei etwa 1,25 bis 1,30 Dollar pro Euro verorte. Angesichts einer hinreichend lebhaften Weltkonjunktur wird der etwas weniger unterbewertete Euro unsere Konjunktur nur maßvoll dämpfen, vielleicht um einen viertel Prozentpunkt im Wachstum im kommenden Jahr.

Aber birgt diese lebhafte Konjunktur nicht das Risiko, dass die deutsche Wirtschaft zu heiß laufen könnte? Überschwang kommt schließlich vor dem Fall. Generell ist das denkbar. Klare Anzeichen dafür kann ich bisher jedoch noch nicht entdecken. Auch wenn die Löhne bei uns schneller steigen als in den meisten anderen Ländern der Eurozone bleibt unsere Lohninflation mit etwa 2,5 Prozent pro Jahr weiterhin verhalten. Das reicht für einen Anstieg der Reallöhne, ohne den Unternehmen übermäßige Kosten aufzubürden. Flexible internationale Fertigungsketten, qualifizierte Zuwanderer vor allem aus anderen europäischen Ländern sowie die Konkurrenz durch Roboter und das langfristige Denken vieler Gewerkschaften tragen dazu bei, den Lohndruck im Zaum zu halten.

Weltspitze der industriellen Anpassungsfähigkeit

Auch der Zuwachs der Kredite an Unternehmen und Privatpersonen von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr im Mai 2017 deutet nicht auf eine sich bereits gefährlich überhitzende Konjunktur hin. Das gilt selbst für den deutschen Immobilienmarkt mit einem Zuwachs der Kredite für den Wohnungsbau von 3,9 Prozent. Eine echte Blase sähe ganz anders aus. Mangels korrekturbedürftiger Exzesse kann Deutschland ein Wachstumstempo oberhalb seines Trends von 1,6 Prozent durchaus für einige Jahre durchhalten.

Natürlich leben wir nicht ganz sorgenfrei. Eine deutsche Schlüsselindustrie, der Automobilbau, ist gerade arg ins Gerede geraten. Es ist durchaus denkbar, dass diese Sorgen in den kommenden Monaten das Geschäftsklima etwas trüben werden. Aber die Chancen stehen gut, dass die deutsche Industrie den aktuellen Diesel-Skandal und den langfristigen Wandel zur abgasarmen Mobilität letztlich meistern kann. Über die Jahrzehnte hinweg hat sie immer wieder erhebliche Schock überwinden müssen, ausgelöst oftmals durch eine massive Aufwertung der Währung.

Mit einer Vielzahl von kleinen und mittleren Firmen neben den größeren Konzernen ist unsere Industrie außerordentlich breit gefächert. In den vielen Unternehmen tüfteln Ingenieur und Facharbeiter immer wieder an neuen Lösungen, um die vielen kleinen Weltmarktnischen des Mittelstandes zu verteidigen oder neue zu finden. Dank dieser breiten Basis gehört Deutschland zur Weltspitze in der industriellen Anpassungsfähigkeit.

Der Reformwille ist erlahmt

Sofern uns nicht eine unerwartete Katastrophe von außen trifft, kann die deutsche Wirtschaft sich noch auf weitere gute Jahre freuen. Natürlich wird es dereinst mal wieder eine Rezession geben. Aber noch haben wir uns nicht die Exzesse geleistet, die eines Tages eine neue Bereinigungskrise erfordern würden. Unser Trendwachstum von etwa 1,6 Prozent pro Jahr werden wir – unabhängig vom Auf und Ab der Kurzfristkonjunktur – wohl nicht auf Dauer halten können. Dafür müssten wir weitere Reformen anschieben. Bisher sieht es eher so aus, als würde auch die künftige deutsche Regierung – unabhängig von der genauen Couleur – sich zumindest wirtschaftspolitisch eher auf den Lorbeeren früherer Zeiten ausruhen wollen.

So kann Frankreich, das sich unter Präsident Emmanuel Macron runderneuert, uns eines Tages überholen. Aber das ist eine Geschichte eher für das kommende Jahrzehnt als bereits für 2017 oder 2018. Auch ohne neue wirtschaftspolitische Impulse wird Deutschland vorerst noch zu den Superstars unter den großen Ländern der westlichen Welt gehören können.


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.


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