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Russland Karl Schlögel: „Putin ist noch nicht am Ende“

Karl Schlögel
Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel ist einer der renommiertesten Experten für die Geschichte Russlands und der Ukraine. Der 74-Jährige war Hochschullehrer in Konstanz und Frankfurt an der Oder.
© Alena Schmick
Der Russland-Kenner und Osteuropahistoriker Karl Schlögel fordert den Westen auf, den Drohungen des Kremls nicht nachzugeben. Im Umgang mit Moskau helfe nur eine bekannte Strategie
Die neue Capital ist am 20. Oktober erschienen
Die neue Capital ist am 20. Oktober erschienen

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel hat Deutschland davor gewarnt, im Russland-Konflikt auf die wiederkehrenden Drohungen des Kremls und des russischen Präsidenten einzugehen. „Das ist eigentlich meine größte Sorge – ob wir den Erpressungen nachgeben oder standhalten. Ob wir zusammenhalten oder uns auseinanderdividieren lassen“, sagte Schlögel im Gespräch mit Capital (Ausgabe 11/2022). „Für Putin eröffnen sich da neue Spielräume, auch bei unseren Wahlen. Er ist noch nicht am Ende.“ Dem Druck zu widerstehen, werde „nicht nur für die Ukraine entscheidend sein, sondern letztlich auch für die russische Bevölkerung“. Die russische Führung versucht immer wieder, die EU und Deutschland von Sanktionen gegen Moskau und Waffenlieferungen an die Ukraine abzubringen.

Hier geht es zum gesamten Gespräch mit Karl Schlögel:

Schlögel, Autor von Büchern wie „Entscheidung in Kiew“ oder „Das sowjetische Jahrhundert“ gilt als einer der besten Kenner Russlands und der Ukraine. Er lehrte an den Universitäten in Konstanz sowie Frankfurt an der Oder und beschäftigt sich seit langem auch mit der modernen Entwicklung im Osten Europas. Zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine übte Schlögel teils heftige Kritik an deutschen Politikern, die versucht hatten, den Kreml in Schutz zu nehmen. „Wir waren weder auf den russischen Angriff vorbereitet noch darauf, dass die Ukraine dem standhalten kann und nun in einigen Regionen die Initiative übernimmt. Die Devise ist also, dass wir auf alles gefasst sein sollten“, sagte er zu Capital.

Mit Blick auf die innerrussische Entwicklung wandte sich Schlögel gegen die Hoffnung, der Westen könne das Geschehen beeinflussen. „Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass die interne Entwicklung Russlands von uns irgendwie gestaltet werden könnte“, sagte er. Wir haben wenig Einfluss auf das, was in Russland passiert. In den nächsten Jahren gehe es allenfalls um „Containment, also eine Eindämmung Russlands“ – ein Konzept, das die USA nach dem Zweiten Weltkrieg auch gegenüber der Sowjetunion verfolgt hatten. Das Land befinde sich nach wie vor „inmitten der Auflösung eines Imperiums“, was den Umgang mit der russischen Führung umso schwieriger mache.

Die Ukraine hingegen sieht Schlögel auf einem Weg in Richtung EU, der sich in den vergangenen Jahren noch beschleunigt habe. „Die Ukraine ist seit 30 Jahren ein europäisches, offenes Land“, sagte er. „Ganz Europa ist voll von ukrainischen Arbeitern, ganz Oberitalien, Spanien oder auch Berlin.“ Die Vielzahl an Kontakten habe dazu geführt, dass die Rechtsverhältnisse und Routinen der EU vielen Ukrainern deutlich vertrauter seien als die von Russland bestimmte postsowjetische Welt. „Es hat eine informelle Europäisierung stattgefunden“, sagte Schlögel.

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