GastbeitragIst das BIP als Wohlstandsindikator noch zeitgemäß?

Containerhafen Bremerhaven
Wirtschaftskraft und Wohlstand einer Nation werden üblicherweise mit dem Bruttoinlandsprodukt gemessenGetty Images

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist in den Wirtschaftsnachrichten die wohl wichtigste volkswirtschaftliche Kennzahl. Sie wird immer dann zitiert, wenn über die wirtschaftliche Dynamik oder den Wohlstand eines Landes berichtet wird. Dabei werden Wohlstand und BIP unterschwellig oft gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung ruft Kritik hervor. Teile der Gesellschaft fordern, dass die Art, wie der Wohlstand bisher gemessen wird, auf den Prüfstand kommt.

So schreiben etwa die Grünen nach ihrem jüngsten Parteitag: „Wohlstand soll künftig von Wachstum … entkoppelt werden. Anstelle des Bruttoinlandsproduktes schlägt der Beschluss ‚Zukunftsfähig wirtschaften für nachhaltigen Wohlstand – Auf dem Weg in die sozial-ökologische Marktwirtschaft‘ ein neues Wohlstandsmaß vor und eine neue Form der Wirtschaftsberichterstattung, um neben den ökonomischen auch ökologische, soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zu messen.“

Kritik am BIP

Wohlstand und BIP gleichzusetzen, wird schon lange kritisiert. Bereits in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts diskutierten renommierte Ökonomen kontrovers, ob eine einzelne verdichtete Kennzahl das Wohlbefinden der Menschen korrekt abbilden kann. Tatsächlich gibt es gute Gründe, die Höhe des Bruttoinlandsproduktes nicht einfach als treffsicheren Indikator für das Wohlbefinden der Menschen zu interpretieren. Drei Beispiele mögen dies illustrieren:

  1. Das BIP enthält Größen, die lediglich Wohlstandseinbußen ausgleichen. So werden nach Naturkatastrophen wie verheerenden Stürmen oder Fluten die Wiederaufbauarbeiten als BIP-Zuwachs und damit als Wohlstandsgewinn verbucht, obwohl eigentlich nur beschädigte oder verloren gegangene Bestandswerte – etwa Schäden an Häusern – wiederhergestellt wurden.
  2. Das BIP erfasst eine Reihe von Effekten nicht, die aber den Wohlstand verändern. Ein klassisches Beispiel ist die unentgeltliche Hausarbeit. Do-it-yourself-Arbeit erhöht zweifellos den Wohlstand, sie wird allerdings in der BIP-Rechnung nicht erfasst (lediglich das dafür gekaufte Material, nicht aber die Arbeitsleistung).
  3. Die Bedingungen, unter denen das BIP entsteht, werden nicht berücksichtigt. Ob jemand seine Arbeit entspannt und mit viel Freude erledigt oder ob dies unter großem physischem bzw. psychischem Druck und ohne jede Freude geschieht, spielt für das Wohlbefinden des Betroffenen eine große Rolle – selbst wenn am Ende in beiden Fällen das gleiche Einkommen herausspringt. Für die Berechnung des BIP sind beide Fälle hingegen vollkommen gleichwertig.

Ergänzende Wohlstandsindikatoren bereits vorhanden

Die Beispiele zeigen: Das BIP ist offensichtlich kein idealer Maßstab für den Wohlstand, sondern nur ein guter Indikator für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes. Unter Ökonomen herrscht weitgehender Konsens, dass das BIP lediglich eine Kennzahl ist, mit der die Marktproduktion und die Markteinkommen gemessen werden. Es gibt deshalb von politischer Seite und von internationalen Organisationen seit langer Zeit Bestrebungen, die Lebensqualität mit weiteren, oft sozialen Indikatoren quantitativ zu erfassen. Dem BIP als alleinigem Indikator wird offensichtlich nicht mehr getraut.

Die OECD hat den „Better Life Index“ entwickelt, um das gesellschaftliche Wohlergehen anhand von elf Themenfeldern – u.a. Bildung, Sicherheit und Work-Life-Balance – zu ermitteln und international zu vergleichen. Damit versucht die OECD den Blick zu weiten und von den rein wirtschaftsbezogenen BIP-Daten wegzukommen.