VG-Wort Pixel

China Innovatives Pilotprogramm bringt in China mehr Solar auf die Dächer

In China hat der Neubau von Solaranlagen zuletzt deutlich an Fahrt aufgenommen
In China hat der Neubau von Solaranlagen zuletzt deutlich an Fahrt aufgenommen
© IMAGO/Chromorange
Solaranlagen auf Dächern haben ein großes Potenzial für die Energiewende. Die Bundesregierung debattiert über eine Solarpflicht für Neubauten, einige Bundesländer haben ähnliches bereits umgesetzt. China lag hier lange hinter anderen Ländern zurück. Doch seit einigen Jahren erlebt die Volksrepublik einen Boom. Auch durch ein innovatives Pilotprogramm

Bis zum Jahr 2016 waren in der Volksrepublik kaum Solaranlagen auf Dächern zu finden. Doch seitdem wurden Anlagen mit einer Leistung von zwölf bis 25 Atomkraftwerken installiert – und zwar jährlich.

Dieser Artikel liegt Capital.de im Zuge einer Kooperation mit dem China.Table Professional Briefing vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn China.Table am 11. August 2022.

Im Sommer 2021 hat die Regierung ein neues Pilotprogramm gestartet. Es ist „eine absolut entscheidende Komponente für den Ausbau der Sonnenenergie in China“, sagt Cosimo Ries von der Beratungsagentur Trivium China. Energieexperten wie Lauri Myllyvirta bezeichnen das Programm als „kluge Politik“. Die Zahlen geben den Experten recht: Die Installationen haben sich im ersten Quartal 2022 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdreifacht.

In dem Pilotprogramm gehen Bezirke, Städte oder Stadtbezirke Partnerschaften mit Unternehmen ein, die einen bestimmten Prozentsatz der Dächer in der betreffenden Region bis Ende 2023 mit Solaranlagen ausstatten. Dabei werden sowohl Dächer von öffentlichen Gebäuden als auch von privaten Wohnhäusern einbezogen. Der große Vorteil dieses Ansatzes: Der gesamte Prozess wird zentralisiert und die „Dachbesitzer“ müssen nicht selbst aktiv werden. Zudem bietet das Programm Größenvorteile, da die Solarmodule in großen Mengen eingekauft werden können. Die teilnehmenden Städte verpflichten sich:

  • 50 Prozent der Dachflächen von Regierungsgebäuden,
  • 40 Prozent der Dachflächen von Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Gebäuden,
  • 30 Prozent der Dachflächen von industriellen und gewerblich genutzten Gebäuden,
  • und 20 Prozent der Dachflächen ländlicher Häuser mit Solaranlagen auszustatten.

Eine Quote für Wohngebäude in Städten gibt es in dem Pilotprogramm noch nicht. Allerdings zählen viele der teilnehmenden Bezirke und Stadtteile offiziell zum ländlichen Raum, obwohl sie Teil von Städten sind.

Solar-Boom dank mehr Koordination

Die Unternehmen arbeiten eng mit den lokalen Behörden zusammen, sagt Ries von Trivium China. So könnten sie schnell erfassen, wie viele Dachflächen für den Bau von Solaranlagen zur Verfügung stehen. Private Hausbesitzer werden angesprochen, ob sie an dem Programm teilnehmen wollen, schreibt David Fishman von der Beratungsagentur Lantau Group. Sie können die Solaranlagen selbst kaufen und den gewonnenen Strom an die Netzbetreiber verkaufen. Oder die Projektpartner mieten die betreffenden Dachflächen von den Besitzern an und installieren dort ihre Anlagen. Meist wird die erste Option bevorzugt, denn das Programm gibt noch zusätzliche Anreize: Die Hausbesitzer müssen beim Kauf der Solaranlagen keine Mehrwertsteuer zahlen, so Fishman.

Derzeit nehmen 676 Städte und Bezirke an dem Programm teil. Die Projektpartner sind häufig große, staatliche und private Energiefirmen, die Erfahrung beim Bau von Solarkraftwerken haben oder wie Jinko Solar selbst Solaranlagen herstellen.

Frank Haugwitz, Experte für Erneuerbare Energien bei der Beratungsagentur Apricum, zufolge wurden über das Pilotprogramm seit Mitte 2021 rund 20 Gigawatt zugebaut. Ries schätzt, dass die teilnehmenden Städte circa 100 Gigawatt an neuer Solar-Kapazität auf ihren Dächern installiert haben werden, wenn das Programm endet. Zum Vergleich: Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten insgesamt 58 Gigawatt an Solarkraft geschaffen.

Weniger Bürokratie für Unternehmen und Privathaushalte

David Fishman sagt, das Programm ist ein „großartiges Beispiel dafür, wie man öffentliche und private Ressourcen zusammenführt“. Die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, lokalen Behörden und lokalen „Strippenziehern“ habe eine „Maschinerie“ geschaffen, die „in nur zwei Jahren Millionen von Dächern mit Solaranlagen versorgen wird“, so der Experte der Lantau Group. Der größte Vorteil: Das Pilotprogramm setzt nicht auf das Engagement von Einzelpersonen wie Hausbesitzern, sondern ist zentral orchestriert.

Dabei kommt es mitunter auch zu Problemen. Einige Städte und Bezirke suchen sich nur einen einzigen Partner für den Bau der Solaranlagen. Solche Monopolstellungen sollten eigentlich verhindert werden, so die Zentralregierung. In einigen Fällen kam es auch dazu, dass Bewohnern ländlicher Regionen Kredite für Solaranlagen aufgedrängt wurden und sie sich überschuldet haben.

Für die Provinzen im Osten Chinas haben dezentrale Solaranlagen auf Dächern große Vorteile. Bisher sind die dicht besiedelten Metropolen an den Küsten Chinas auf den Import von zumeist Kohlestrom aus anderen Landesteilen angewiesen. Erzeugen Fabriken und Privatverbraucher einen Teil der Nachfrage auf den eigenen Dächern, müssen weniger Überlandleitungen und Übertragungs-Infrastruktur aufgebaut werden. Das führt sogar zu Kostenvorteilen. Im Jahr 2021 hat der Bau von großen Solarkraftwerken in China 66 Cent pro Watt gekostet. Dezentrale Kleinkraftwerke auf Dächern kosteten mit 59 Cent pro Watt etwas weniger.

Chinas Regierung hat jüngst neue Ziele vorgegeben. Neue öffentliche Gebäude und Fabriken sollen in Zukunft zu 50 Prozent mit Dach-Solaranlagen ausgestattet werden (China.Table berichtete). Große Solar-Unternehmen wie Jinko Solar gehen davon aus, dass Dachanlagen und andere dezentrale Solarprojekte in den nächsten fünf Jahren die Hälfte der neuen Solar-Kapazität in China ausmachen werden. Im Jahr 2019 waren es noch circa 30 Prozent.

Erhalten Sie 30 Tage kostenlos Zugang zu weiteren exklusiven Informationen des Table Professional Briefing - das Entscheidende für die Entscheidenden in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und NGOs.

Anreize und Druck für mehr Solaranlagen

Neben dem Pilotprojekt ist auch eine Reihe weiterer Anreize für das massive Wachstum bei Solaranlagen auf Dächern in China verantwortlich:

  • Die Zentralregierung hat lange Zeit Subventionen verteilt. 2021 lief die Förderung aus. Auch Lokalregierungen haben Subventionsprogramme aufgelegt.
  • Die Regierung gab den Provinzen ab 2019 Quoten für erneuerbare Energien vor. „Die Quoten setzen die lokalen Verantwortlichen unter enormen Druck“, so Ries. Sie bauen vermehrt dezentrale Projekte und Dachanlagen, weil in vielen Provinzen das Land für großflächige Solarkraftwerke fehlt oder zu teuer ist. Zudem kurbelt der Bau dezentraler Anlagen die eigene Wirtschaft an, so Ries.
  • Unternehmen haben ein Interesse am Bau von Dachanlagen. In den Industriezentren fehlt es häufig noch an erneuerbaren Energien, so Ries. „Die Unternehmen können sich oft nur auf eigene Anlagen verlassen, um sauberen Strom zu erhalten“, so der Trivium Experte gegenüber China.Table. Haugwitz ergänzt: „Unternehmen konnten mit eigens erzeugtem Strom ihre Produktionskosten senken“.

Mehr zum Thema



Neueste Artikel