DigitalisierungIndustrie 4.0 fordert Management heraus

Trumpf Lasertechnik
Trumpf-Lasertechnik in Ditzingen: Das deutsche Unternehmen will die Chancen der neuen industriellen Revolution nutzen (Foto: TRUMPF Gruppe)

Frank Welge ist Supply-Chain-Management-Spezialist, Unternehmensberater und Partner beim Beratungsunternehmen INVERTO.


Wenn von Industrie 4.0 die Rede ist, dann geht es meist um „Cyber-Physical Systems“, um das Internet der Dinge oder um die Vernetzung von Maschinen und Werkstücken – sprich, um Fertigungstechnik. Tatsächlich glauben rund zwei Drittel der Industriemanager im Maschinen- und Anlagenbau derzeit, dass Industrie 4.0 nur einzelne Bereiche in der Produktion betreffen wird. Das scheint verständlich und wenig überraschend: Schließlich gibt es noch einige technische Fragen zu klären, bevor die Digitalisierung der Industrie weiter vorangetrieben werden kann. Die meisten Manager industriell geprägter Unternehmen legen von Haus aus den Fokus auf die Produktion. Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass deutsche Unternehmen bis zu 40 Mrd. Euro für die Digitalisierung ihrer Fabriken ausgeben wollen.

Doch die Konzentration auf die Fertigung greift zu kurz und ist deshalb riskant. In der Industrie 4.0 geht es nicht nur um neue Produktionstechniken – es geht um eine grundsätzliche Veränderung industrieller Wertschöpfung. Die selbststeuernde Fertigung der Zukunft wird erhebliche Auswirkungen auf Geschäftsmodelle und Prozesse haben, die Komplexität und Geschwindigkeit von Wertschöpfungsprozessen wird steigen. Das dürfte die meisten Unternehmen dazu zwingen, außer ihrer Fertigung auch ihre Managementansätze zu modernisieren. Deshalb brauchen wir eine Verbreiterung des Industrie-4.0-Diskurses über die Fertigung hinaus. Die Frage, wie die Wertschöpfung der Industrie der Zukunft gesteuert werden soll, muss zeitnah in den Vordergrund treten.

Neue Managementansätze

Herausforderungen dürften sich dabei vor allem im Bereich des Managements von Wertschöpfungsprozessen außerhalb der eigenen Fertigung ergeben. Denn in der vernetzten Industrie der Zukunft werden neue Regeln für das Zusammenspiel von Herstellern, Zulieferern und Kunden gelten: Die Wertschöpfungstiefe der Unternehmen wird weiter sinken. Je weiter sie sinkt, desto wichtiger werden unternehmensübergreifende Zusammenarbeit und Kooperationsprojekte – nicht nur mit Kunden und Geschäftspartnern, sondern auch mit Zulieferern. 80 Prozent der in einer Studie befragten Industrie-Führungskräfte rechnen damit, dass derartige Formen der Zusammenarbeit innerhalb der nächsten fünf Jahre erheblich an Bedeutung zunehmen.

Sollte dem so sein, wird das Steuern dieser unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit zu einer Hauptaufgabe des Managements werden. Um diese erfolgreich bewältigen zu können, brauchen Führungskräfte entsprechende Methoden und Verfahren: Für die Dokumentation über Risikoprofile ebenso wie für den Aufbau und die Optimierung von Schnittstellen für die Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden. Auch die gezielte Entwicklung von Zulieferern und deren Innovationsfähigkeit, die regelmäßige Lieferantenbewertung und die Beschreibung von Prozessen gehören dazu.

Für dieses Management werden viele der heute üblichen Ziel- und Messgrößen von begrenztem Nutzen sein. Neben den bekannten Faktoren wie Kosten, Qualität und Lieferleistung kommen künftig Kriterien wie Flexibilität, Geschwindigkeit oder auch IT-System-Kompatibilität hinzu. Auch beim Blick auf die Größe „Kosten“ dürfte es einen neuen Blickwinkel brauchen: In der Industrie 4.0 werden Gesamtkostenbetrachtungen eine erheblich größere Rolle spielen.