InternetbetrugDas geklaute Ich

An einem Junitag im Jahr 2016 verlor Marie Köhler (Name v. d. Red. geändert) die Kontrolle. Sie bekam einen Brief von ihrer Bank. Darin stand, ihr Dispokredit sei auf null gesetzt worden und die Kreditkarte werde bald gesperrt. „Das Erste, was ich dachte, war: Verdammt, wie kann das sein?“, sagt Köhler. Die Hebamme hatte vor Kurzem ihre Elternzeit beendet. Ihr Konto quoll nicht gerade über, aber sie war sich auch sicher, nicht mehr ausgegeben zu haben als normal. Die Berlinerin ließ sich von der Auskunftei Schufa eine Selbstauskunft schicken. Ihr Schufa-Score, also der Wert, mit dem ihre Kreditwürdigkeit bewertet wird, lag bei katastrophalen 22. Ein unverdächtiger Wert hätte bei 98 gelegen – auf einer Skala von eins bis hundert.

Köhler hätte keine neue Wohnung mieten und keinen Kredit mehr aufnehmen können. Sie hätte keinen Mietwagen bekommen und vermutlich auch keine Reise buchen können. Die junge Frau fragte nach. Es stellte sich heraus: Insgesamt 30 Firmen hatten bei der Schufa gemeldet, Köhler habe bestellte Waren nicht bezahlt. Motorradkleidung, Babyphones, Sex-Spielzeug, Möbel. Mal 500 Euro, mal 1000. Seit einem halben Jahr ging das schon so.

Die Fallzahlen steigen

Sie hingegen wusste nur eins: Nichts von alledem hatte sie bestellt. Jemand hatte ihren Namen benutzt, um damit einzukaufen. „Ich hatte keinen Plan, was ich machen sollte, und war erst mal völlig schockiert“, sagt Köhler. Ihren echten Namen möchte sie nun nicht mehr öffentlich preisgeben. Zu groß ist die Furcht, dass der Wahnsinn, der nun begann, sich wiederholen könnte.

Köhler war Opfer einer Art von Betrug geworden, die in Deutschland immer häufiger vorkommt: Identitätsdiebstahl. In einer aktuellen Onlinestudie der Unternehmensberatung PwC gab ein Drittel der Befragten an, diese Form von Kriminalität habe sie schon einmal erwischt. Oft geht es eher um kleine Beträge, aber die Schäden summieren sich. Es gibt ausgefeilte Varianten, in der persönliche Informationen mit Schadsoftware abgezogen oder Kreditkartendaten gestohlen werden. In kriminellen Internetforen im sogenannten Darknet läuft ein gut organisierter Handel mit solchen Daten. Manchmal aber reichen den Tätern – wie bei Köhler – auch ganz einfache Informationen wie der Name und vielleicht das Geburtsdatum des Opfers.

Daten gibt es überall

An diese Daten kommt man in der digital vernetzten Welt immer leichter heran. In vielen öffentlichen -Facebook-Profilen stehen neben dem Namen das Geburtsdatum und der Wohnort – und auch persönliche Vorlieben sind aus den Einträgen leicht erkennbar. Selbstständige stellen zudem mitunter ihre Kontoverbindung auf ihre Website und bieten damit eine weitere Angriffsfläche für Kriminelle. Das Internet, das Geschäfte oft so viel einfacher macht, erleichtert auch den Betrug.

Wie groß das Problem ist, lässt sich nur schwer mit offiziellen Zahlen beziffern. In einer Umfrage im Auftrag der Schufa sagten elf Prozent der Befragten, jemand habe bereits einmal unter ihrem Namen im Netz eingekauft. Also genau das, was auch Marie Köhler passierte. Der Kölner Rechtsanwalt Christian -Solmecke, dessen Kanzlei sich auf Hilfe für Opfer von Identitätsklau spezialisiert hat, spricht von „zwei bis drei Fällen pro Woche“, in denen es seine Leute mit Warenbetrug zu tun bekommen. Vieles aber werde gar nicht angezeigt. „Das Krasseste waren 80 Bestellungen auf eine Person“, sagt Solmecke. „Meist wird versucht, in einem kurzen Zeitraum bei vielen Unternehmen so viel wie möglich zu bestellen. Weil ab einem bestimmten Zeitpunkt die Adresse ja tot ist.“

Genau das geschah offenbar auch bei Köhler. Die Onlinebestellungen liefen auf ihren Namen und ihr Geburtsdatum. Geliefert wurde immer an eine Adresse in Brandenburg. Die Lieferanten: Otto, H & M oder Esprit. Ohne dass die angebliche Käuferin irgendetwas davon mitbekam. Als das Geld ausblieb, meldeten sich die Unternehmen bei der Schufa – und die wiederum suchte in ihren Daten nach einer Marie Köhler, geboren am 14. Januar 1972, und wurden fündig. Nun war Köhler plötzlich eine Frau, die wie besessen im Netz einkaufte, ohne zu bezahlen. Eine Betrügerin. „Man ist ja immer erst einmal schuldig und fühlt sich wie nackt“, sagt sie. „Dabei müssten die Unternehmen doch den Beweis erbringen, dass ich tatsächlich diese ganzen Dinge bestellt habe.“