Interview„Ich will den Kunden für immer bei mir halten“

Ariane de Rothschild und Friedrich von Metzler
Ariane de Rothschild ist Vice President der Schweizer Edmond de Rothschild Gruppe, Friedrich von Metzler seit 1971 persönlich haftender Gesellschafter der Privatbank Metzler, die er in elfter Generation führt. Maurice Haas

Das Haus in Genf: unscheinbar, dezent. Ein kleines Schild weist auf den großen Namen hin: „Edmond de Rothschild“. Hier sitzt der Schweizer Zweig der großen Dynastie. Wir treffen Ariane de Rothschild und Friedrich von Metzler im Büro der Baronin. Ein aufgeräumter Schreibtisch, Kunst aus dem Iran, im Flur ein Filmplakat: „Das Milliardenversprechen“, eine Doku über die Spendeninitiative The Giving Pledge, in der auch Ariane de Rothschild auftritt. Die beiden reden wie ein eingespieltes Team.

Zwei traditionsreiche Dynastien sitzen hier mit Capital an einem Tisch. Zusammengerechnet stehen Sie beide für 600 Jahre Erfahrung im Bankgeschäft. Was ist der Schlüsselfaktor für das Überleben in dieser Branche?

ARIANE DE ROTHSCHILD: Der erste Faktor sind unsere Werte. Ein zweiter ist der Zeithorizont. Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in unserer Branche als langfristig gilt, und dem, was wir selbst als langfristig ansehen. Drittens: ein klares Bewusstsein für die Verpflichtungen und die Verantwortung, die wir geerbt haben und die wir weiter in die Zukunft tragen müssen.

FRIEDRICH VON METZLER: Ich kann das alles unterstreichen. Und würde hinzufügen, dass Sie die Geschichte kennen müssen. Eine langfristige Strategie kann man nur entwickeln, wenn man die Geschichte kennt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte das Geschäftsmodell unserer Bank, vor allem die Vermögensverwaltung, so gut wie nicht mehr. Damals sagten unsere Vorväter: Wir müssen jetzt abwarten. Die Kapitalmärkte werden sich wieder entwickeln. Und so sind wir klein geblieben, bis in die 80er-Jahre, als die institutionelle Vermögensverwaltung kam, das Private Banking und die Beratung beim Kauf und Verkauf von Unternehmen.

Was sind denn die zentralen Werte Ihrer beiden Banken?

ROTHSCHILD: Als ich Fritz vor drei Jahren zum ersten Mal traf und er mir seine Bank und ihre Philosophie erklärte, war ich fasziniert, wie ähnlich wir über Werte denken. Der wichtigste Wert ist, dem Kunden zu dienen. Unsere Einstellung zum Geschäft hat sich über die Jahrhunderte kaum geändert, man könnte sie mit dem Selbstverständnis eines Hausarztes der Familie vergleichen. Wir sind über Generationen hinweg für ein Unternehmen da.

METZLER: Die Frage ist immer: Was braucht der Kunde? Und können wir ihm das anbieten, was er braucht? Dafür benötigen wir Mitarbeiter, die diese Werte teilen und respektieren. Es kommt nicht nur darauf an, was ein Kollege kann und weiß. Auch der Charakter ist sehr wichtig. Hinzu kommt das langfristige Denken. Wer eine Fabrik baut, muss sich fragen: Was wird in 20 Jahren sein? Im Bankgeschäft ist das genauso. Langfristiges Denken heißt: Ich will den Kunden für immer bei mir halten.

Langfristig heißt für immer?

ROTHSCHILD: Es bedeutet, in Generationen zu denken. Das heißt, über mindestens 20 Jahre. Idealerweise ist bei uns der Großvater Kunde, der Vater, der Sohn, die Cousine … Und wie ein Hausarzt muss man dafür viel Zeit aufwenden. Natürlich können wir unsere Geschichte nicht nur auf andere Familien stützen. Wie das Bankhaus Metzler haben wir andere Geschäftsaktivitäten entwickelt, die uns wettbewerbsfähig machen. Corporate Finance etwa.

Wenn man in die Geschichte schaut, entstanden im Kapitalismus Dynamik und Wirtschaftswachstum aber oder gerade daraus, dass Unternehmer kurzfristig hohe Risiken eingehen. Wie gehen Sie mit dieser Spannung um?

ROTHSCHILD: Familienunternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein Verhältnis zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben. Wenn es bei ihnen keine Einigkeit über die eigene DNA gibt, keine echte Balance zwischen Gewinn, Risiko, Kreativität und Engagement
 an den Kapitalmärkten, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie irgendwann implodieren. In Jahren hohen Wachstums und hoher Erträge bei den Großbanken werden wir tendenziell schlechter abschneiden.