EssayHappy Germany

Es hat Zeiten gegeben in diesem Land, da waren die Wahlkämpfe voller Dramen, Klamauk und Spektakel. Und wer wissen wollte, woran er war, musste nur auf die Füße schauen. Dort sah er Gummistiefel, Sohlen mit der Zahl 18 oder rote Socken.

Das Schuhwerk für den Wahlkampf 2017 ist noch unbekannt: Politiker reisen zwar eifrig durchs Land, doch die großen Symbole fehlen. Vielleicht könnte man diese Wahl sogar ohne Proteste ausfallen lassen.

Denn wir ahnen, was wir Wähler an den Füßen tragen: Gemütliche Pantoffeln, mit denen wir in einem großen Wohlstandsraum herumsitzen; wir haben abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Draußen an der Tür hängt ein Schild: „Bitte nicht stören“; außer es gibt neue Rekordzahlen, die dürfen unter der Tür durchgeschoben werden.

Das Wahlkampfplakat von Angela Merkel („Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“) duldet endgültig keinen Widerspruch und keine Alternativen mehr, es ist ein wunderbarer gemeinsamer 80-Millionen-Nenner. Klar, wer wäre auch so blöd, gegen ein Deutschland zu sein, in dem man gut und gerne lebt? Die „Financial Times“ hat es übrigens so übersetzt: „For a Germany in which we live well, and happily“, was noch viel treffender ist. Happy Germany. Jemand dagegen? Vermutlich nicht. Und so ist die Frage nicht nur, ob das „Happy“ wirklich stimmt – sondern ob es nicht doch ein Problem ist.

I. Die verlängerte Gegenwart

Unter den Wahlkampfplakaten, auf denen in Deutschland meist irgendwas mit Zukunft, Arbeit und Gerechtigkeit steht, hing schon früher meist noch ein zweites, unsichtbares, genau genommen seit 1957: „Keine Experimente!“ Wir wollten zwar Wechsel, ab und an, aber bitte keine Revolution, und deshalb versprach Gerhard Schröder 1998 eine „Veränderung ohne Risiko“, er rief: „Wir werden nicht alles anders, aber vieles besser machen.“

Angela Merkel hat die Risikoaversion in eine politische Vollkaskoversicherung ohne Selbstbeteiligung verwandelt: Sie macht alles so weiter, und es wird tatsächlich besser, selbst dann, wenn sie Fehler macht.

Und vermutlich ist dies das Kernproblem ihres Herausforderers: Er möchte so einiges anders machen, und ganz vielleicht wird damit auch manches besser. Aber schon hinter dem Wort „anders“ schalten die Deutschen ab. Warum das Risiko eingehen, wenn es von selbst aufwärtsgeht? Zumal der „Zukunftsplan“, den die SPD mit neuen Ideen und tapferen zehn Punkten entworfen hat, auch noch so irre anstrengend und kompliziert ist: Arbeitslosengeld Q, eine Investitionspflicht, ein Chancenkonto, eine Qualifizierungsgarantie. Das klingt nach Vorschriften, Arbeit oder wie ein Beipackzettel eines neuen Medikamentes, bei dem man zögert, es einzunehmen.

„Deutschland kann mehr“, sagt Schulz. „Wir wollen die Zukunft gestalten.“ Aber die Deutschen wollen nicht so recht. Und deshalb erinnert Schulz an einen dieser Kipp-Hasen in Jahrmarktschießbuden, die immer wieder vorbeisausen, jede Runde mit einem neuen Vorschlag, und jedes Mal halten wir drauf und schießen. Peng. Umgekippt. Der Arme.

Vermutlich wurden noch nie so viele neue Ideen so wenig gewürdigt wie jetzt. Ja, im Grunde sind wir sogar zu faul, sie richtig zu verreißen. Denn im Jahr 2017, nach Jahren des Wachstums und steigenden Wohlstands, wollen wir lieber eine Verlängerung der guten Gegenwart als eine andere Zukunft. Merkel hat es damit geschafft, eine Art Präsens II in die deutsche Sprache und Politik einzuführen, das wir dem Futur in jedem Fall vorziehen. Oder wie es Stephan Grünewald, Gründer des Marktforschers Rheingold, ausgedrückt hat: „Die Deutschen wollen ihr Auenland so lange wie möglich erhalten.“ Natürlich kann sich das alles noch ändern, aber es sieht nicht danach aus.

Ronald Reagan stellte den Leuten im Wahlkampf 1980, als er gegen Jimmy Carter antrat, immer einfache Fragen: „Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren? Gibt es mehr oder weniger Arbeitslose?“

Die SPD stellt diese Fragen nicht, obwohl sie an der Regierung ist. Weil die meisten Deutschen antworten würden, dass es ihnen besser als 2013 geht. Also landet man zwangsläufig bei Merkel, und nicht bei Sigmar Gabriel oder Andrea Nahles – und schon gar nicht bei einem Chancenkonto, wenn die vergangenen Jahre dieses Konto von selbst gefüllt haben. Die Zahlen untermauern nicht nur das große Ganze. Immer mehr Menschen spüren die guten Zahlen auch subjektiv, im Alltag.

II. Wohlstand steigt, Stimmung auch

Wer Statistiken über unser Land heraussucht, kann vermutlich für jede gewünschte Richtung Zahlen herbeischaffen. Und auch heute noch könnte er beunruhigende und schlechte Daten finden, über gut 900.000 Langzeitarbeitslose, die auch nach Jahren des Booms nicht aus der Statistik verschwinden, über ungleich verteilte Vermögen, zu geringe Investitionen, kaputte Brücken und Schulen oder gigantische Target-Salden.

Aber er kommt an bestimmten Zahlen nicht mehr vorbei. An den 44,2 Millionen Erwerbstätigen (2,4 Millionen mehr als im Juni 2013), den nur noch 2,5 Millionen Arbeitslosen, den 1,1 Millionen offenen Stellen. Immer öfter wird er dahinter Superlativsätze lesen: „… der beste Wert seit der Wiedervereinigung“. Man kommt auch nicht vorbei am BIP pro Kopf (seit 2013 von 35.000 auf 38.000 Euro gestiegen), den Reallöhnen (plus 6,1 Prozent seit 2013), den auf Rekordhöhen tanzenden Konsumklima- und Ifo-Indizes, den Steuereinnahmen, ja zuletzt sogar der gestiegenen Investitionsnachfrage.

Viele dieser guten Zahlen haben nicht unbedingt etwas mit Angela Merkel zu tun, vermutlich würde es sie auch unter einem Kanzler Steinmeier oder Steinbrück geben.

Wer aber die Kanzlerin ablösen will (und mit ihr regiert hat!), muss schon komplexe, ja dialektische Botschaften haben. Die dauernd nach „Ja, aber“ klingen, und das Aber ist anstrengend. Zumal Merkel das eine Produktversprechen hat: Ich bewahre das Auenland, und sollte doch etwas Böses eindringen, bekomme ich es in den Griff. (Als sie die Flüchtlinge in Massen reinließ, war ihre Kanzlerschaft auch deshalb gefährdet.)

Angela Merkel ist für die Deutschen wie das Tagesgeldkonto geworden: Es gibt manche Gründe, die inzwischen dagegensprechen. Aber die interessieren uns nicht wirklich.

Es kommt noch etwas hinzu: Wir Deutschen sind sehr gut darin, uns schlechter zu fühlen, als die Lage ist. Wir sind Weltmarktführer bei Weltuntergängen. Doch seit einiger Zeit stimmen auch das Gefühl und die Stimmung, die Wahrnehmung passt sich den Daten an.

Der sogenannte subjektiv gefühlte Wohlstand, den die Marktforscher von Ipsos in ihrem Nationalen Wohlstandsindex erheben, ist auf einem Fünf-Jahres-Hoch: Jeder zweite Bundesbürger stufte im Juni seinen eigenen Wohlstand als hoch ein, 34 Prozent immerhin noch als „mittel“.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam im Frühjahr zu dem Schluss, dass die Zufriedenheit der Deutschen so hoch ist wie seit 30 Jahren nicht mehr. Das Allensbach-Institut fragte ebenfalls in diesem Jahr, wie die Deutschen die wirtschaftliche Lage empfinden. 86 Prozent sagten „sehr“ oder „eher gut“. Und bei den Zukunftsaussichten antworteten dies 75 Prozent. Ähnliche Daten liefert der „Glücksatlas“ (ja, so etwas gibt es), den Allensbach im Auftrag der Deutschen Post erhebt. Der Glückswert der Deutschen hat 2017 „das Zufriedenheitsplateau“ verlassen, auf dem er seit 2010 lag. Nach oben.

Wer also den Deutschen einreden will, dass doch etwas faul sei und sich ändern müsse, ist leider ein Störenfried. Eine Mehrheit gewinnt man so nicht.

III. Die Aufrüstung unseres Alltags

Wer die großen Zahlen, das BIP, die Arbeitslosen und Reallöhne verlässt, dem wird bald noch etwas anderes auffallen: Die Deutschen geben Geld aus. Ein „Rekordkonsum“ letztes Weihnachten. Wir haben aufgerüstet. Wir stehen auf Gartenpartys mit Grills, die oft mobilen Kleinküchen gleichen, und rühren Rosmarinzweige im Gin Tonic, der natürlich aus einer neuen Manufaktur kommt, genau wie das schicke Craft-Bier.

Die Fernseher sind auch seit Jahren immer größer geworden. Vor den Schulen bilden sich SUV-Staus. Wir rüsten Küchen um und modernisieren, Bäder mit frei stehenden Tebartz-van-Elst-Badewannen und Rainshower-Brausen. 5,5 Mrd. Euro geben die Deutschen laut Daten der Konsumforscher von der GfK für die Renovierung ihrer Bäder aus.

Sogar die Schlafzimmer, lange vernachlässigt, wurden hochgerüstet: Im Schnitt ist das deutsche Schlafzimmer 22 Jahre alt, Matratzen tauschen wir alle 14 Jahre aus (statt alle sieben bis zehn, wie es empfohlen wird). Nun aber bevölkern neue Raumschiffe viele Schlafzimmer: Boxspringbetten. Sie sind, sagen die Experten der GfK, das „iPhone der Bettenbranche“. Um diese Betten habe sich seit einigen Jahren ein regelrechter „Absatzhype“ entwickelt. 650.000 wurden 2014 verkauft, 2016 schon 1,2 Millionen. Früher, weiß die GfK, lagen die Deutschen gerne niedrig, auf Futons. „Heute schlafen sie lieber hoch.“ Und doppelt weich. Noch Fragen?

Natürlich sind das elitäre Klischees und Beispiele, Millionen Deutsche kaufen keine 2000-Euro-Grills. Aber auch die Alltagszahlen zeigen, dass der Wohlstand immer breitere Schichten, die Mitte, erreicht. Die SUVs werden überhaupt erst seit 2013 als eigene Fahrzeugkategorie beim Kraftfahrt-Bundesamt geführt – weil sie so boomen. Seit 2013 sind die Zulassungen um 73 Prozent gestiegen, jeder achte neu zugelassen Pkw ist ein SUV. Es ist die andere Seite der Abgasmedaille.

Zugespitzt könnte man sagen: Wer die Wahl gewinnen will, muss sicherstellen, dass die Flachbildfernseher weiterhin größer und die Gin-Sorten zahlreicher werden können, die Gasgrills glühen und die SUVs ungestört brausen dürfen. Was er nicht sagen darf: Dass es jetzt mal genug ist mit Lifestyle und Luxus, und man mehr Steuern zahlen soll für mehr Gerechtigkeit. Dass die SUVs Klimakiller sind. Man wäre eine Wohlstandsnervensäge. Die Botschaft „47 Zoll sind genug bei der Glotze“ ist schwierig zu vermitteln. Schon jetzt ahnen wir ja, dass eine grüne Partei an der Regierung eine Belästigung unserer schönen Gegenwart wäre.

Also keine Zukunft mehr? Natürlich liegt hier die Gefahr.

IV. Wir sind Standortingenieure

Deutschland ist ein Land mit ewigen Baustellen und Hausaufgaben. Wenn irgendwo eine gute Nachricht auftaucht, gibt es sofort ein sorgenvolles Echo: Ja, aber wie lange das noch anhält? Wie dürfen uns doch nicht ausruhen! Der Reflex hat etwas Gutes, weil er vor Selbstzufriedenheit schützt.

Dennoch ist es erstaunlich, wie viele Gefahren, Spaltungen und Abstiege manche Ökonomen und Experten seit 2013 herbeigeredet und zwangsdiagnostiziert haben, während hinter uns einfach vier richtig gute Jahre liegen. So gut, dass wir sogar eine Flüchtlingskrise verdaut (und verdrängt) und vor allem der Kanzlerin verziehen haben. Die Krisen verschwinden nicht, aber wir haben in der vergangenen Dekade so viele erlebt, dass wir vor allem eines gelernt haben: dass sie lösbar sind.

Wohlstand ist immer bedroht und muss verteidigt werden. Und man könnte im Schlaf aufzählen, was die berühmten Hausaufgaben sind: Digitalisierung, Breitband, Bildung, Integration. Doch bei all dem, was wir seit Jahren angeblich versäumt haben, ist es dann doch wieder erstaunlich, wie gut es dem Land geht. Wir Deutsche sind Standortingenieure, die erstaunt feststellen müssen, dass die Maschine, nach so vielen Jahren, endlich richtig gut läuft. Vielleicht ist das Präsens II eine ganz gute Zeit, um die Zukunft zu meistern.