KonjunkturDer Aufschwung geht in die nächste Runde

Baustelle in Berlin
Baustelle in Berlin: Alle Parteien wollen die Bauwirtschaft fördernGetty Images

Die deutsche Wirtschaft wächst mit beeindruckendem Tempo. Da sich fast alle relevanten konjunkturellen Frühindikatoren unverändert auf sehr hohem Niveau befinden, gehen wir davon aus, dass die wirtschaftliche Dynamik auch in der nächsten Zeit hoch bleiben wird. Von der Bundestagswahl dürften sogar weitere positive Konjunkturimpulse resultieren.

Wie üblich werden auch bei dieser Bundestagswahl in den Wahlprogrammen der verschiedenen Parteien eine Vielzahl von Themen und Aspekten angesprochen, denen man sich im Falle einer Regierungsbeteiligung widmen möchte. Ein Punkt, der in diesem Wahlkampf in fast allen Programmen auftaucht, befasst sich mit dem Thema Steuern. Die Vorschläge von CDU/CSU und SPD summieren sich auf Steuerentlastungen von rund 15 Mrd. Euro, bei der FDP sind es sogar 30 Mrd. Euro. Bei sofortiger Umsetzung und ohne jegliche Gegenfinanzierung würde dies gemessen an der deutschen Wirtschaftsleistung einem Anteil von 0,5 bis 1,0 Prozent entsprechen.

Überhaupt sind sich die Parteien darin einig, künftig mehr Geld auszugeben. SPD und Grüne wollen bis 2025 zusätzliche Ausgaben in Höhe von 0,5 Prozent des BIP (15 Mrd. Euro) für Investitionen in Forschung und Entwicklung tätigen. Auch im Programm der CDU/CSU finden sich konkrete Ausgabenvorschläge in Höhe von 8 Mrd. Euro für die medizinische Forschung und eine bessere Ausstattung von Schulen. Mehr Geld wollen die Parteien auch Familien zukommen lassen.

Würden alle Vorschläge umgesetzt, könnte es einen Wachstumsimpuls von etwa 1,5 Prozent des BIP geben. Da aber üblicherweise nur Teile der Wahlversprechen umgesetzt und diese zum Teil durch Einsparungen an anderer Stelle gegenfinanziert werden, dürfte bei konservativer Prognose ein Wachstumsimpuls von etwa 0,5 bis 1,0 Prozent für den Zeitraum 2018 bis 2019 zu erwarten sein. Insofern könnte das reale Bruttoinlandsprodukt auch in den kommenden beiden Jahren um jeweils rund zwei Prozent zulegen. Niedrigere Steuern und eine stärkere finanzielle Förderung von Familien werden sich insbesondere auf den privaten Konsum positiv auswirken. Zudem profitieren die Bauinvestitionen von der stärkeren Förderung des privaten Wohnungsbaus, sodass – wie schon in den vergangenen Quartalen – auch in nächster Zeit die stärksten Wachstumsimpulse von der Binnennachfrage ausgehen dürften.

Anreize für den Wohnungsbausektor absehbar

Die Mieten in den deutschen Metropolen steigen seit Jahren an und beflügeln auch die Preise für Wohnimmobilien. Dabei können die verfügbaren Einkommen in den Städten kaum mit den steigenden Mietkosten mithalten. Die Forderung nach bezahlbarem Wohnraum wird durch den migrationsbedingten Angebotsengpass verschärft. So verwundert es nicht, dass sich dieses Thema in jedem Parteiprogramm wiederfindet. Die Liste der Maßnahmen ist lang und reicht von der Sozialpolitik bis zur Wirtschafts- und Steuerpolitik. Union und Grüne fordern beispielsweise 1,5 Millionen neue Wohneinheiten in der kommenden Legislaturperiode, dieses Ziel entspricht einer avisierten Steigerung von mehr als 30 Prozent.

Mit dem Baukindergeld der Union (1200 Euro pro Kind und Jahr für einen Zeitraum von zehn Jahren) oder dem Familienbaugeld der SPD (einmalig bis zu 8000 Euro pro Kind für Einkommen bis 70.000 Euro) wollen die Parteien die Attraktivität von Wohneigentum steigern. Weitere Förderungsmaßnahmen betreffen die Änderung der Grunderwerbsteuer und die Einführung neuer Abschreibungsregelungen. Während die Union Freibeträge von bis zu 100.000 Euro in Aussicht stellt, sind es bei der FDP stolze 500.000 Euro. Flankiert werden die Wohnungsbauziele von Union und FDP mit Abschreibungsneuregelungen für Wohnungsgesellschaften. Breitbandausbau und Baurechtsentschärfung sollen in den Augen der CDU eine Dezentralisierung vorantreiben, um ländliche Regionen für Wirtschaft und Einwohner attraktiver zu gestalten und urbane Ballungsgebiete zu entlasten. Gleichermaßen ziehen sich entsprechende Förderungsmaßnahmen in Punkto „Mietwohnen“ durch alle Wahlprogramme. Eine Anhebung des Wohngeldes stellen alle Parteien in Aussicht.

Während SPD und Grüne die Mietpreisbremse ausbauen und verschärfen wollen, sieht die CDU keinen Änderungsbedarf. Die FDP strebt gar die Abschaffung der in 2015 beschlossenen Maßnahme an. In Teilen der Union sowie bei der SPD und den Grünen wird über eine Offenlegungspflicht nachgedacht, wonach Vermieter verpflichtet werden, über die Miethöhe des Vormieters Auskunft zu geben. Diese zwei Programmpunkte von SPD und Grünen könnten also als einzige einen leicht negativen Einfluss auf den Wohnungsbausektor ausüben. Unter dem Strich werden Wohnungsbaugesellschaften unter jeder Regierungskonstellation stark von der politischen Agenda profitieren.

Parteien werfen ein gemischtes Bild auf die Autobranche

Ein weitaus differenziertes Bild ergibt sich in Bezug auf die deutsche Automobilbranche. Während Union, Sozialdemokraten und Grüne tendenziell die Förderung der E-Mobilität weiter ausbauen wollen, fordern die Freien Demokraten einen Abbau wirtschaftlicher Subventionierung. Sie setzen sich insbesondere für die Abschaffung der Kaufprämie für Elektroautos ein. Eine verbindliche Zulassungsquote, wie von den Grünen gefordert, gilt bislang als unwahrscheinlich. Die Art der künftigen Förderung hängt primär von der Regierungskoalition ab. Von der Kaufprämie werden vor allem Anbieter begünstigt, die bereits in Serienfertigung den Markt bedienen. Von Infrastruktur- oder Entwicklungsförderung haben hingegen alle Automobilhersteller gleichermaßen einen Vorteil. Hier muss sich also erst noch zeigen, wer in welcher Form von der Förderung profitiert.

Die Auswirkungen des Wandels in der Autoindustrie werden vor allem mittel- bis langfristig und in erster Linie am Arbeitsmarkt spürbar sein. Es bleibt aber gegenwärtig noch Zeit, sich auf die Veränderungen einzustellen. Der potenzielle Rückgang der Arbeitsplätze wird in unseren Szenarien bis 2030 und nicht plötzlich stattfinden. Einen Abgesang auf die deutschen Autobauer anzustimmen, scheint uns demnach verfehlt. Angesichts der engen räumlichen und technischen Verzahnung von Herstellern, Zulieferern, Logistikunternehmen sowie der Forschung sollten die deutschen Hersteller in der Lage sein, sich den aktuellen Herausforderungen mit unternehmerischem Mut erfolgreich zu stellen und ihre ausgezeichnete internationale Wettbewerbsposition zu verteidigen.

Die Euro-Stärke wird überschätzt

Wir rechnen bei einem Wahlsieg der CDU mit einer positiven Reaktion des deutschen Aktienmarkts. Dieses Verhaltensmuster konnte man bereits bei den drei vorangegangenen Merkel-Wahlsiegen in den Jahren 2005, 2009 und 2013 beobachten. Der DAX stieg in den folgenden zehn Wochen jeweils um durchschnittlich sechs Prozent an. Im Unterschied dazu fiel die Reaktion der Marktteilnehmer nach den Wahlsiegen der SPD in den Jahren 1998 und 2002 zunächst sehr negativ aus, und es kam zu zwischenzeitlichen Kursverlusten von bis zu 15 Prozent. Diese wurden allerdings vergleichsweise schnell wieder aufgeholt. Von daher scheint es so zu sein, dass der Aktienmarkt generell von der nachlassenden Unsicherheit nach den Bundestagswahlen profitiert.

Von einer deutlich positiveren Reaktion am deutschen Aktienmarkt gehen wir bei einer Regierungsbeteiligung der FDP aus. Sowohl die unternehmensfreundliche Wirtschaftspolitik der FDP als auch die noch stärkere geplante Entlastung bei den Steuern sollten der deutschen Wirtschaft starken Rückenwind verleihen. Auch längerfristig sehen wir bei einem Wahlsieg Merkels mehr Potenzial für die Aktienmärkte als im unwahrscheinlichen Fall eines Regierungswechsels und einer künftigen Regierung unter Führung der SPD.

Aufgrund der anhaltend positiven Wachstumsperspektiven stehen die Chancen gut, dass die deutschen Unternehmen ihre bereits erreichten Rekordgewinne über das Jahr 2017 hinaus weiter steigern können. Da wir zudem davon ausgehen, dass das positive Konjunkturszenario für Europa und die Weltwirtschaft insgesamt weiter anhält, rechnen wir mit einer positiven Aktienmarktentwicklung in den kommenden Monaten und neuen Jahreshöchstständen im DAX. Auch die Aufwertung des Euro sollte sich hierfür nicht als dauerhaftes Hindernis erweisen. Bei der ganzen Diskussion und Aufregung um den Euro-Dollar-Wechselkurs sollte nicht vergessen werden, dass die Euro-Stärke bislang erst zwei Monate anhält. Im Jahresdurchschnitt 2017 beträgt der Wechselkurs bisher 1,1097 im Vergleich zu 1,1064 im Jahr 2016. Bleibt der Wechselkurs für den Rest des Jahres auf dem gegenwärtigen Niveau, läge der Durchschnittskurs bei knapp 1,14, dies entspräche einer Aufwertung auf Jahressicht von weniger als 3 Prozent. Schaut man sich den Wechselkurs seit 1980 an, so lag dieser im Durchschnitt bei rund 1,20.

Alles in allem sind das aus unserer Sicht genügend Gründe, die Unternehmensgewinne und den Aktienmarkt nicht abzuschreiben. Solange die Konjunkturdaten beziehungsweise die Frühindikatoren signalisieren, dass sich der Aufschwung fortsetzt, sollte der Aktienmarkt mit dem stärkeren Euro umgehen können – wie in der Vergangenheit auch (beispielsweise 2003/ 2004/ 2005, damals wertete der Euro von 0,86 auf 1,36 auf).


Carsten Klude ist Chefvolkswirt von M.M.Warburg [&] CO, eine der größten Privatbanken Deutschlands