VorsorgeGentests – sinnvoll oder reine Panikmache?

DNA-Strang
Symbolbild GentestArek Socha from Pixabay

Einmal mit dem Wattestäbchen Speichel aus der Wange kratzen, das Stäbchen in die Röhre stecken, und dann ab in die Post. Unternehmen wie My Heritage zeigen, dass sich mit Gentests Geld verdienen lässt. Laut dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben bereits 26 Millionen Menschen weltweit einen solchen Test aus dem Internet bestellt. Im Jahr 2021 könnten es nach Schätzung des MIT mehr als 100 Millionen sein. Mit der Hilfe von Firmen, die sich auf Abstammungsfragen spezialisiert haben, findet man womöglich heraus, dass man adoptiert ist. Bei den Tests professioneller, medizinischer Anbieter geht es dagegen buchstäblich um Leben und Tod.

Unternehmen wie Cegat aus Tübingen und Progenom aus der Nähe von Bielefeld untersuchen eingeschickte Speichel- oder Blutproben auf eventuelle Krankheiten, Veranlagungen oder Risiken, die verschlüsselt in der DNA liegen. Progenom bietet zum Beispiel Tests an, die Aufschluss über die Anfälligkeit für Burn-out geben oder die das Abnehmen erleichtern sollen. Verbraucherschützer kritisieren solche Angebote. „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine Diät, die an das genetisch vorgegebene Stoffwechselprofil angepasst ist, besser ist als eine ganz normale Diät – zumal die Auswertung auf einige wenige Gene beschränkt ist“, warnt der Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Gentests sind in der Praxis problematisch

DNA-Tests für Abnehmwillige gelten in Deutschland als eine Art Lifestyle-Analyse und sind auch medizinischen Laien erlaubt, solange die zu untersuchende Person einwilligt. Anders sieht es aus, wenn es um medizinische Analysen und tödliche Krankheiten geht. Solche Genuntersuchungen dürfen hierzulande nur Ärzte beauftragen. Wer wissen will, ob Krankheiten in seinem Erbgut schlummern, muss etwa bei Progenom einen der Partner-Ärzte aufsuchen. Wer diesen Schritt tut, kann dann aus der vollen Bandbreite an Tests schöpfen: das Risiko, an Alzheimer oder Schizophrenie zu erkranken? Die Disposition für verschiedene Krebsarten? Osteoporose? Das Versprechen des Unternehmens: Angeborene Erkrankungen sollen noch vor dem ersten Symptom erkannt werden. So kann man sie früh behandeln.

In der Theorie klingen Gentests nützlich, in der Praxis sind sie aber problematisch. Denn die Testergebnisse haben erst einmal keine Relevanz für Patienten. Ein Beispiel: Wissenschaftler schätzen, dass immerhin rund ein Drittel aller Frauen, die das Brustkrebsgen BRCA1 in sich tragen, bis zu ihrem 70. Lebensjahr gesund bleiben. Ist der Gentest auf BRCA1 positiv, könnten Kundinnen also Angst vor einer Krankheit bekommen, die vielleicht nie ausbricht.

Leben mit der Angst

Dass ein Mensch ein erhöhtes Risiko für eine Krankheit aufweist, ist keine Garantie dafür, dass er auch tatsächlich krank wird. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) relativieren deshalb die Aussagekraft von Gentests und stellen klar: Für Krebserkrankungen ist nicht ein einzelnes Gen wie BRCA1 verantwortlich. Weitere Gene und Hormone beeinflussen das Risiko ebenfalls. Das führt laut DKFZ beispielsweise dazu, dass die individuelle, lebenslange Krebswahrscheinlichkeit für BRCA-Mutationsträgerinnen zwischen 30 und 80 Prozent schwankt.

Damit Progenom-Kunden ihre Ergebnisse richtig einschätzen, besprechen sie diese mit einem Arzt. Der kann zum Beispiel dazu raten, bestimmte Risikofaktoren zu meiden. Das Wissen, dass das Risiko für eine schwere Krankheit in einem schlummert, ist dann aber erst einmal da – und die Angst davor dürfte nicht so schnell wieder verschwinden. Ebenfalls ungünstig: Besteht laut Test kein Risiko, wiegen sich Patienten vielleicht fälschlicherweise in Sicherheit und ignorieren Symptome oder Risiken. Kein Wunder also, dass in einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts und der Universität Granada fast 90 Prozent der Befragten angegeben haben, dass sie weder wissen wollen, wann sie sterben – noch woran. Die Angst vor einem negativen Ergebnis ist einfach zu groß.