Kommentar Faurecia übernimmt Hella: ein beruhigender Verkauf

Hella Unternehmenssitz in Lippstadt
Hella Unternehmenssitz in Lippstadt
© Hella
Der ostwestfälische Traditions-Autozulieferer Hella wird an den französischen Branchenkonzern Faurecia verkauft. Der Zusammenschluss kann eine Stabilisierung für beide Seiten sein

Es sind fünf Minuten zu Fuß von der alten backsteinernen Firmenzentrale von Hella im westfälischen Lippstadt zum Lichttunnel. Der 140 Meter lange Tunnel, in dem eine Straße mit Mittelstreifen bei völliger Dunkelheit liegt, ist der Stolz der Traditionsfirma: Hier testet sie neue Lampen und Scheinwerfer, aber auch Radarsensoren, die dafür sorgen können, dass Autos bald selbsttätig fahren. So hat sich Hella immer gern selbst gesehen: Ein stolzes Traditionsunternehmen, dessen Stammwerk unüberhörbar gleich neben der Konzernverwaltung werkelt, das aber gleichzeitig die neuesten Trends der Autoindustrie bedient. Und eine Familienfirma, die zwar an der Börse ist, aber seit fast hundert Jahren von der Familie Hueck kontrolliert wird.

Zumindest mit dieser Tradition ist es jetzt vorbei. Vor ein paar Wochen hat die Enthüllung noch für Überraschungen und Sorgen gesorgt, dass die Huecks das Familienerbe nicht nur verkaufen wollen – sondern dafür sogar über die von ihnen mandatierte Rothschild Bank mit Interessenten aus dem Private-Equity-Sektor verhandelt. Ganz so tief wird der Einschnitt nun doch nicht: Hella geht an den französischen Autozulieferer Faurecia , wie die Geschäftspartner am Wochenende meldeten. Die Firma wird somit zwar künftig nur noch eine Filiale eines größeren Konzerns sein – aber eines Konzerns, der eine ähnliche Geschichte hat. Die Wurzeln von Faurecia liegen in den Metallmanufakturen in Ostfrankreich und die Firma hat eine lange Familientradition, weil sie lange der Peugeot-Familie respektive dem von ihr gehaltenen PSA-Konzern gehörte.

Faurecia zählte zudem ebenso wie Hella in den vergangenen Jahren oft zu den wenigen Lieblingen der Analysten im problembelasteten Autozuliefersektor. Der Anbieter, zu dessen Schwerpunkten Autositze und Innenraumkomponenten zählen, hat die Jahre nach der Finanzkrise zur Modernisierung genutzt und wurde oft zu den wertvollen Assets gezählt, die PSA bei großer Not versilbern könnte. Aber erst im Zuge der Fusion mit FiatChrysler zu Stellantis trennte sich der Peugeot-Konzern dann von dem Zuliefere. Die Stellantis-Eigner – außer den Peugeots die Agnelli-Familie – zählen neben der Staatsbank BPI zu den Hauptaktionären von Faurecia.

Hella und Faurecia profitieren beide

In der umtosten Autobranche hat der Zusammenschluss von Hella und Faurecia für beide Seiten stabilisierende Wirkung. Faurecia seinerseits wurde wegen seiner unsicheren Eigentümerstruktur immer wieder mal als Übernahmekandidat gehandelt. Jetzt kann das französische Unternehmen diese Struktur etwas abstützen, weil auch die bisherige Hella-Eigentümerfamilie im Zuge der Transaktion in das Aktionariat eintritt: 4 Mrd. Euro erhält die Familie für ihr 60-Prozent-Paket an Hella. 600 Millionen davon werden in Faurecia-Aktien gezahlt, die im Zuge einer Kapitalerhöhung neu ausgegeben werden sollen.

Auch geschäftlich kommt der Deal der Strategie der Franzosen zugute, sich von der Untergangsstimmung im Autosektor abzukoppeln: Faurecia hat nämlich noch eine große Sparte für Abgasreinigung und Auspufftechnik, etwa ein Viertel des Geschäfts ist abhängig vom Verbrennungsmotor. Solche Abhängigkeiten sind in den Augen von Investoren toxisch. Mithilfe der Hella-Übernahme will Faurecia den Wert in den nächsten Jahren unter zehn Prozent drücken.

Jobs nicht in Gefahr

So viel Unsicherheit die Verkaufspläne bei Hella ausgelöst haben – die nun beschlossene Transaktion mit Faurecia könnte auch für die Ostwestfalen eine Art Stabilisierung bedeuten. Denn auch Hella hätte in wenigen Jahren zum Übernahmekandidaten werden können, trotz des bisher starken Familienaktionariats. Die Aktien der Familieneigentümer waren nämlich beim Börsengang im Jahr 2014 in einem sogenannten Pool gebündelt worden. Das bedeutet, dass das Stimmrecht nur gemeinsam ausgeübt werden kann. Dieser Vertrag aber läuft 2024 aus und es hieß immer wieder, dass die zahlreichen Familienmitglieder widerstrebende Interessen haben. Für Jürgen Berend, jahrelang Geschäftsführer und zuletzt im Gesellschafterausschuss lenkend tätig, war es vielleicht die letzte Gelegenheit einen geordneten Rückzug der Familie einzuleiten, zumal die Bedingungen für große Transaktionen im Automobilsektor nicht einfacher werden.

Im Zuge des Umbaus der Autoindustrie gerät die Zulieferbranche in Bewegung, Investoren flüchten aus dem Sektor, gleichzeitig ergeben sich Gelegenheiten zur Konsolidierung. Der Schritt von Faurecia könnte die Franzosen zu einem wesentlichen Akteur bei dieser Neuordnung machen. „Das Faurecia-Management kann eine guten Track Record in Sachen Umsetzung und Restrukturierung vorweisen“, urteilte Analyst David Lesne von der Großbank UBS. Und die Hella-Beschäftigten können wahrscheinlich ihre Sorgen erst einmal wieder zurückstellen: „Faurecia fügt seinen Aktivitäten mehrere komplett neue Geschäftsfelder hinzu und wird künftig sechs statt vier Sparten haben“, rechnet Lesne vor. Es gebe praktisch keine Überschneidungen zwischen beiden Unternehmen. Somit geht es bei der Übernahme auch nicht um Synergien, direkte Ängste um den Verlust von Arbeitsplätzen sind folglich unbegründet.

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