Kommentar Facebook wird Meta: mehr als ein Ablenkungsmanöver

Aus Facebook wird Meta: Das Firmenschild im kalifornischen Menlo ist schon ausgetauscht
Aus Facebook wird Meta: Das Firmenschild im kalifornischen Menlo ist schon ausgetauscht
© AA | Tayfun Coskun / Picture Alliance
Mark Zuckerberg benennt seinen Konzern um. Was aussieht wie ein fadenscheiniger Versuch, die aktuellen Skandale zu verdrängen, ist tatsächlich ein großes unternehmerisches Wagnis

Ein Schwein, so heißt es in einer im Englischen beliebten Redewendung, bleibt ein Schwein, auch wenn es Lippenstift aufträgt. Es ist die naheliegende Interpretation für das Manöver, das Mark Zuckerberg am Donnerstag abhielt: Der CEO des zuletzt massiv in die Kritik geratenen Social-Media-Konzerns Facebook gab bekannt, den Namen seines Unternehmens in Meta zu ändern.

Der neue Name solle der neuen Vision und sich ändernden strategischen Ausrichtung des Konzerns Rechnung tragen, hieß es. Was beim Publikum hingegen ankam: Nach all den Skandalen, nach dem wochenlangen medialen Dauerbeschuss, der sich aus dem reichhaltigen Fundus der Whistleblowerin Frances Haugen speiste, versucht Zuckerberg ein durchschaubares Ablenkungsmanöver, indem er die Aufmerksamkeit auf die futuristischen Produktideen seiner Reality-Labs-Abteilung lenkt. Ein Etikettenschwindel – denn der Kern von Meta und der Löwenanteil seines immer noch werbefinanzierten Geschäftsmodells bleiben Facebook, Instagram und Whatsapp, mit all ihren schadhaften Auswirkungen und dem offenbar in der Führung fest verankerten Unwillen, wirklich etwas gegen Hate Speech, Verschwörungstheorien und andere Probleme tun.

Die Interpretation hat ihre Berechtigung. Trotzdem ist der Namenswechsel mehr als nur ein Ablenkungsmanöver – mit ihm einher geht tatsächlich eine strategische Neuausrichtung des Zuckerberg-Konzerns. Man denkt dabei schnell an einen ähnlichen Schritt der Google-Gründer, die ihre Firma 2015 in Alphabet umbenannten, um zu unterstreichen, dass der Konzern längst mehr sei als nur eine werbefinanzierte Suchmaschine – und um so Kapitalmarkt und Öffentlichkeit zu ermöglichen, Entwicklung, Risiken und Chancen des Neugeschäfts besser einzuschätzen.

Hier endet die Analogie aber. Denn Alphabet war als loses Dach gedacht für Googles Kerngeschäft – die Werbenetzwerke, Suche, Youtube oder das Android-System – sowie für ein disparates Sammelsurium an „Moonshots“ , also große, riskante Produktideen – von künstlicher Intelligenz, selbstfahrenden Autos, Biotech-Versuchen bis hin zu smarten Brillen. Bei Meta ist das Setup anders: Zuckerberg stellt seinen Konzern künftig auf zwei Beine. Neben das existierende Geschäft mit sozialen Netzwerken kommt ein Fokus auf die neue virtuelle Umgebung namens Metaverse, für die allein in Europa in den nächsten fünf Jahren 10.000 neue Mitarbeiter eingestellt werden sollen. Fürs Erste wird das vor allem bedeuten, dass Zuckerberg noch stärker auf den Durchbruch von Augmented (AR) und Virtual Reality (VR) setzt – und dass Facebook sich in das Geschäft mit Hardware traut. Eine eigene Smartwatch soll bereits in Planung sein.

Riskante Wette

Mit beidem geht Zuckerberg ein beträchtliches Risiko ein. AR und VR werden seit Jahren als nächste Technologierevolution gepriesen, blieben aber den Durchbruch in den Massenmarkt bislang komplett schuldig. Vielleicht steht der nun bevor – das einzuschätzen, ist notorisch schwierig, aber Zuckerberg hat mehr als einmal unter Beweis gestellt, dass er ein besonderes Gefühl für den richtigen Moment eines „Product-Market-Fit“ hat. Vielleicht gelingt es ihm noch einmal – es bleibt aber eine Wette. Genauso wie der Schwerpunkt auf Hardware; denn hier ist es Facebook in der Vergangenheit so gut wie nie gelungen, relevante Marktanteile zu erobern. Ob Handys, smarte Lautsprecher oder Brillen für den VR- oder AR-Einsatz: Ein Produkt, dass Nutzer wirklich wollten, war bislang nicht dabei.

Ob das Metaverse, der laut Zuckerberg „Nachfolger des mobilen Internets“, bei den Nutzern verfängt, bleibt also abzuwarten. Die vielleicht noch größere Frage ist aber: Wenn jetzt die Grundlage für dieses neue Internet gelegt wird – wollen die Nutzer dann wirklich, dass Meta das übernimmt? Schutz der Privatsphäre und Sicherheit müssten „von Tag eins an in das Metaverse eingebaut“ werden, kündigte Zuckerberg am Donnerstag an. Nimmt ihm das noch irgendjemand ab?

Der Schritt, das toxische Produkt Facebook im Konzern herunterzustufen, ist richtig. Es könnte auch für neues Vertrauen von Nutzern und Investoren in Meta sorgen. Aber das setzt voraus, dass Zuckerberg sein geplantes Universum auf anderen Werten aufbaut, dass er und sein Unternehmen bereit und in der Lage sind, einzuschreiten, wenn gut gemeinte Ideen und Produkte wieder fatale Nebenwirkungen entwickeln sollten. Doch dass Meta wirklich anders ticken wird, das wird Zuckerberg trotz aller Versprechen derzeit niemand abnehmen.

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