KommentarExportüberschüsse: Konsum in der Nebenrolle

Da die globale Neuausrichtung einen prominenten Platz auf der Tagesordnung der nächsten G7- und G20-Konferenzen einnehmen wird, gerät Deutschland mit seinem anhaltenden Exportüberschuss wieder unter Druck, die Binnennachfrage und den privaten Konsum anzukurbeln. Doch um die deutschen Verbraucher geht es nur am Rande. Vielmehr besteht die Notwendigkeit eines Investitionsschubs in Deutschland und in Europa sowie eines koordinierten Ausstiegs aus der ultralockeren Geldpolitik. 

Die massiven Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen waren ein Hauptfaktor der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 sowie der darauf folgenden Instabilität in der Eurozone. Mittlerweile befindet sich die Weltwirtschaft in einem Prozess der Wiederherstellung des Gleichgewichts – allerdings nicht in der Art, wie man das vielerorts erwartet hatte.

Michael Heise
Michael Heise ist Chefvolkswirt der Allianz SE

Die ehemals enormen Leistungsbilanzüberschüsse in Asien sind erstaunlich rasch geschrumpft und die japanische Handelsbilanz ist sogar in ein Defizit gerutscht. Chinas Leistungsbilanzüberschuss ist von zehn Prozent des BIP im Jahr 2007 auf zwei Prozent zurückgegangen.  Investitionen sind zwar noch immer der Hauptantrieb der chinesischen Wirtschaft, aber sie führten zu steigenden Schulden und einem aufgeblähten Schattenbankensektor, den die Behörden nun einzudämmen versuchen.

Vor allem aufgrund positiver Handelsbilanzen in der Eurozone hat die Europäische Union einen beträchtlichen Leistungsbilanzüberschuss aufgebaut, der im Jahr 2014 mit etwa 182 Mrd. Euro sogar noch höher ausfallen wird als der entsprechende Wert für die asiatischen Schwellenländer Asiens. Angesichts eines Ölpreises, der noch immer bei mehr als 100 Dollar pro Fass liegt, bewegt sich der Gesamtüberschuss der ölexportierenden Länder in ähnlichen Dimensionen. Unterdessen weisen die Vereinigten Staaten weiterhin ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit von 350 bis 400 Mrd. Dollar auf.

Starker Euro bremst Leistungsbilanzüberschuss

Überraschend dabei ist das anhaltende Wachstum des EU-Überschusses. Der Zusammenbruch der Importe in den geretteten Ländern – Griechenland, Irland, Portugal und Spanien – war angesichts des drastischen Rückgangs in diesen Ökonomien vollkommen vorhersehbar. Doch vor allem wegen des verhaltenen internationalen Umfeldes rechneten nur wenige Ökonomen damit, dass sich die Exporte dieser Länder so rasch erholen würden wie sie dies taten. Während Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss etwa so hoch ist wie im Jahr 2007, verwandelte sich die gesamte Außenhandelsbilanz der geretteten EU-Staaten plus Italien (ebenfalls Teil des Umschwungs im Handel)  von einem Vorkrisen-Defizit in der Höhe von 219 Mrd. Euro in einen für erwarteten Überschuss von etwa 44 Mrd. Euro.

Der steigende Euro (eine weitere Überraschung, insbesondere für viele Beobachter, die vor weniger als zwei Jahren noch an seinem Überleben zweifelten) wird den Leistungsbilanzüberschuss der Eurozone künftig bis zu einem gewissen Grad dämpfen. Ein Wechselkurs von knapp 1,40 Dollar stellt für viele europäische Exporteure, einschließlich deutscher Firmen, eine Herausforderung dar. Und gegenüber dem Yen und einer Reihe anderer Währungen von Schwellenländern hat der Euro noch stärker aufgewertet.

Dennoch ist der europäische Überschuss zu groß, um vernachlässigt zu werden und man wird sich erneut vor allem an Deutschland richten, seine Wirtschaft in Richtung einer höheren Binnennachfrage auszurichten. Damit ist für viele die Notwendigkeit eines fiskalischen Impulses verbunden. Doch die Regierung spielt nicht mit: Finanzminister Wolfgang Schäuble hat gerade einen ausgeglichenen Haushalt für 2015 präsentiert – den ersten seit 1969. Und während manche Beobachter „ein Ende der Lohnzurückhaltung“ in Deutschland fordern und damit höhere Ausgaben der Haushalte unterstützen, ist das eigentlich schon passiert.