Editorial2018 war ein Jahr vergeudeter Energie

Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar
Capital-Chefredakteur Horst von ButtlarGene Glover

2018 war ein Jahr der Verschwendung. Nicht im Sinne von Überfluss und Fülle, sondern im Sinne von überflüssiger, vergeudeter Energie, von unnützer und aggressiver Bewegung.

Nehmen Sie den Handelskrieg, der dieses Jahr tosend einrahmt. Noch im Januar hatte Donald Trump, die frisch verabschiedete Steuerreform im Rücken, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet: „Amerika zuerst bedeutet nicht Amerika allein.“

Im Februar verhängte er erste Zölle gegen chinesische Waschmaschinen und Solarmodule, Ende März folgten 25 Prozent auf Stahl und zehn Prozent auf Aluminium, im Sommer 25 Prozent auf Industrieprodukte, auf Autos, Flugzeugteile und Schiffsmotoren – im Wert von 50 Mrd. Euro. Daneben das tägliche Dauerfeuer, Salven voller Drohungen über gewaltige Summen, Gegendrohungen aus Peking, Signale der Entspannung, dann urplötzliche Eskalation, in den ewig kindlichen Tweets in Großbuchstaben.

Zwischen den Fronten die Deutschen, verunsichert und aufgerieben, doppelt bestraft, weil sie aus den USA nach China exportieren – und weil sie fürchten mussten, dass es auch Europa trifft. Dazwischen Tausende Unternehmen, die Pläne für neue Fabriken fassen und wieder verschieben, die panisch Ersatzteile horten. Das Ergebnis sehen wir in den Bilanzen, den vielen Gewinnwarnungen, den nervösen Märkten und dem ausgebombten Dax mit seinen einst stolzen Autowerten.

Nehmen Sie den Brexit: Das Königreich oszilliert zum Jahresende noch immer zwischen „Mays Deal“, „No Deal“ und „Remain“, in fiebrigem Streit um die Zukunft. Was für eine Verschwendung seit zwei Jahren, dass die klügsten Köpfe eines ganzen Landes sich in einem Austritt aus der EU aufreiben, statt die Zukunft zu gestalten.

Millionen Überstunden und tonnenweise Papier für Backstop-Lösungen in Irland, Rechte für EU-Bürger und horrende Scheidungsrechnungen; und dazwischen: wieder Tausende Unternehmer, die Lagerhallen anmieten, Material horten und Mitarbeiter hin- und herplanen.

Nehmen Sie Italien: Der laute Theaterdonner aus Rom als politische Essenz, Reformen werden zurückgedreht, Streit hochgepeitscht, während die Märkte kühl das mögliche Beben durchspielen und mehr Milliarden für Zinsen verlangen werden, als ein tapferer Finanzminister in einem Jahr einsparen kann.

Darf ich Sie so ins neue Jahr entlassen? Ich hoffe, Sie kennen meinen Optimismus. Die Prognosen für 2019 mögen düsterer sein – sie sind aber nicht gottgegeben. Die Verschwendung von Energie im Jahr 2018 zeigt ja gerade, wie sehr diese Turbulenzen menschengemacht sind. Wie überflüssig die Verunsicherung ist, wie flüchtig sie sein könnte, wenn nur zwei, drei Knoten platzen.

Zumal: Es bleibt auch gute Energie. Energie, die nicht vergebens war. Friedrich Merz’ Rückkehr hat dem Land einen sechswöchigen Schub beschert. Er wurde zwar nicht CDU-Chef, aber ich hoffe, dass etwas bleibt, so wie ein Stein im Wasser auch noch weiter Kreise zieht.

Für das kommende Jahr wünsche ich Ihnen alles erdenklich Gute!