GastbeitragDigitales Kreditgeschäft: Damit der Bäcker weiter Brötchen backt

Gemeinsam mit CAMPACT demonstreiren Solo-Selbstständige, Freiberufler und Künstler vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin gegen die Löcher im Rettungsschirm.imago images / snapshot

Finiata-Geschäftsführer Jan Enno Einfeld

„Liquiditätsengpass“ – wenn es Ende des Jahres um das Unwort 2020 gehen wird, steht dieser Terminus zumindest auf der Shortlist. Friseure, Händler, Restaurants – kaum ein Kleinunternehmer, der aufgrund von Corona nicht kurz in die finanzielle Schockstarre verfallen ist. Solche Betriebe sind zugleich das Rückgrat unserer europäischen Volkswirtschaft – zu Corona wurden Hilfspakete in Milliarden-Höhe geschnürt, aber auch jenseits der Krise sollten Finanzdienstleister „die Kleinen“ in schwierigen Zeiten nicht alleine im Regen stehen lassen.

Mittagszeit in Europa ist Zeit der kleinen Restaurantbetreiber, nicht der großen Fast-Food-Ketten. Die kleinen unabhängigen Restaurants erwirtschaften über drei Viertel der Branchenumsätze. Auch das Fenster repariert der Handwerker von nebenan, kein großer Konzern. Und die Haare, die lässt sich „der Europäer“ im eigenständigen Friseursalon um die Ecke schneiden. Da gibt’s auch gleich ein kleines Update in Sachen Klatsch und Tratsch. Im Durchschnitt kommen auf jeden der deutschlandweit über eine Million Handwerksbetriebe gut fünfeinhalb Erwerbstätige.

Über 92 Prozent aller europäischen Unternehmen haben weniger als zehn Mitarbeiter. Mit einem Mal stehen gerade diese kleinen Unternehmen im öffentlichen Fokus. Corona sei schuld: Alleine in Deutschland fließen 50 Mrd. Euro Soforthilfen an Selbstständige, Freiberufler und kleine Betriebe. Für diese Maßnahmen stehen insgesamt über 350 Mrd. Euro parat.

Es liegt nicht immer am Missmanagement

Was immer noch etwas zu kurz kommt: Liquiditätsengpässe sind für die Kleinen kein gänzlich neues Problem. Nur die Dimension ist diesmal gänzlich anders. Aber: Auch jenseits von Corona ist es ein Unding, dass diejenigen, die uns die Haare schneiden oder uns zu Mittag bekochen, komplett im Regen stehen gelassen werden, wenn es finanziell mal nicht so gut läuft. 2019 betrafen 81 Prozent der Insolvenzen hierzulande Unternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern.

Temporäre finanzielle Schwierigkeiten liegen nämlich auch jenseits von Covid-19 nicht unbedingt am Versagen der Inhaber. Es kann sein, dass eine teure Maschine kaputt ist, Rechnungen ausstehen oder aber gerade schlicht (saisonale) Flaute herrscht. Alles ganz gewöhnlich und liegt nicht zwingendermaßen am Missmanagement der Verantwortlichen. Aber während großen Konzernen rasch die Bank beiseite springt, schenken Banker dem Bäckermeister nur ein müdes Lächeln, wenn der sich etwas Geld, sei es nur für drei oder fünf Monate, borgen will. Ärgerlich nur: Kann dieser den kaputten Ofen nicht reparieren, kann er auch keine Brötchen verkaufen. Aus der kurzen Not resultiert die Firmenpleite.

Unternehmerisch war dies, zumindest aus Sicht der Kreditgeber, lange zu verstehen: Kurzfristige Klein-Kredite sind nicht sonderlich lukrativ. Risiken erscheinen zudem besser kalkulierbar, wenn ein Konzern bürgt, als wenn ein Mini-Betrieb im Fall der Fälle gerade stehen muss. Moralisch erscheint es dagegen fraglich, ob die unternehmerische Existenz von Schicksalsschlägen abhängen sollte. Im Gegensatz zum großen Unternehmen haben Kleinstbetriebe keinen eigenen CFO als Spezialisten für die Finanzen. Ohne Banken – in normalen Zeiten ohne staatliche Hilfe – und ohne eigene Expertise sind sie eher ratlos bei finanziellen Engpässen.

Angst vor Innovationen

Umso fragwürdiger erscheint die Situation, wenn man berücksichtigt, dass unternehmerisch profitable Risikokalkulationen möglich sind. Wenn also die großen Finanzdienstleister aufhören, sich vor der gänzlich digitalisierten wie automatisierten Bonitätsprüfung zu sträuben, werden kurzfristige Kleinstkredite profitabel und damit verfügbar. Dafür braucht es die richtigen Rahmenbedingungen regulatorischer Art: innovationsfreundlich, Start-up fördernd, die Digitalisierung befürwortend. Aktuell scheitert die digitalisierte wie automatisierte Kreditvergabe in Deutschland an der Bequemlichkeit des Finanzsektors, an unserer kulturell tief verankerten Angst vor Wandel sowie an der Bevorzugung der Regulierer des Status quo, statt der Erneuerer.

Bleibt zu hoffen, dass Corona uns zumindest die Augen öffnet und wir in Europa stärker schätzen lernen, was wir an der Vielfalt unserer Dienstleister und Meisterbetriebe eigentlich haben. Klar sollte uns spätestens jetzt sein: Wer auf die Digitalisierung der Bonitätsprüfung setzt, der denkt an die unzähligen europäischen Bäckermeister, Friseure und Zimmermänner, die allesamt Großmeister ihres Handwerks, bei weitem aber keine Finanzexperten sind.

 


Jan Enno Einfeld ist Geschäftsführer von Finiata, einem Fintech mit Fokus auf kurzfristiges Liquiditätsmanagement für Kleinunternehmen, Selbstständige und Freiberufler. Finiata stellte im März 2020 das Geschäft in Deutschland ein und nimmt neben dem Kernmarkt Polen nun Märkte wie Italien, Spanien oder die Türkei für die kommenden Jahre ins Visier. Die Bonitätsprüfung erfolgt komplett digitalisiert und automatisiert.