EditorialDie neue Capital

Das Ganze ist ein großes Rätsel: Wir sind ein Volk, das arbeitet, schafft, tüftelt. Wir sind Weltmarktführer bei der Anzahl der Weltmarktführer. Unser Lieblingsmythos ist das Wirtschaftswunder und die Ikone dazu ein dicker Mann mit Zigarre. Und trotzdem reden viele in diesem Land, als sei die Wirtschaft etwas Böses, das uns gefangen hält, und der Kapitalismus eine Krankheit, die wir nur abschütteln müssen. Da passt etwas nicht zusammen.

Die Suche nach einer Antwort beginnt am Kiosk. Vielleicht haben Sie diese Ausgabe von Capital­ ja dort gekauft. Haben Sie einmal die Aufteilung der Ladenfläche angeschaut? Fünf Regalmeter „Hobby & Garten“, drei Meter „Computer“, vier für „Frauen“. Hinten links, ein Meter: „Wirtschaft“. Manchmal zusammengepfercht mit „Kultur“ (oder, neulich gesehen: „Wirtschaft/Kultur/Erotik“, was allerdings verkaufsfördernd sein dürfte). Das klingt etwas beleidigt, doch die Frage stellt sich: Warum ist Wirtschaft in Deutschland nahezu Special Interest? In einem Land, das am liebsten Exportweltmeister ist?

Streit um Unterrichtsfach

Capital-Cover
Die neue Capital, am 23. Januar im Handel

Anfang des Jahres las ich einen interessanten Bericht über Modellversuche an Schulen, das Fach Wirtschaft einzuführen. Die Lehrer müssen sich ihr Lehrmaterial meist selbst aus Zeitungsartikeln und Aufsätzen zusammenstellen, gute Bücher gibt es nicht. Interessanterweise ist in vielen Bundesländern ein kleiner Kulturkampf darüber entbrannt. In Nordrhein-Westfalen etwa, wo seit 2012 an ausgewählten Realschulen Wirtschaft unterrichtet wird. 30 Schulen sollten an dem Programm teilnehmen, das Interesse war größer, 70 wurden es. Laut einer Umfrage wollen 80 Prozent das Fach unbefristet haben. Doch die Grünen, die hier regieren, sind skeptisch. Auch die Gewerkschaften, die noch im Jahr 2000 für das Fach Wirtschaft warben, gehen auf Distanz.

Der Artikel zitiert den Sozialwissenschaftler Tim Engartner, der gegen ein „von Lobbyverbänden gefordertes Separatfach Wirtschaft“ ist und fordert, es „in bester Tradition“ in sozialwissenschaftliche Fächer zu integrieren. Sonst drohe die auf die „Totalbewirtschaftung des ­Lebens zielende Kosten-Nutzen-Kalkula­tion“ zum Fixpunkt ökonomischer Bildung zu werden.

Ich denke, dass der Käse, den der junge Professor da verzapft, eine Schlüsselerkenntnis liefert: Niemand schreit, dass im Fach Religion missioniert wird. Warum sollten im Wirtschaftsunterricht lauter Heuschrecken herangezüchtet und das „Ich“ einer Vollökonomisierung unterzogen werden? Wenn man schon in der Schule etwas über die Megathemen unserer Zeit, über Staatsschulden, Finanzkrisen und Leistungsbilanzen lernen würde, wäre das doch ausgesprochen nützlich. Stattdessen wird Wirtschaft den Sozialkunde-Schluffis überlassen.

Der Streit zeigt, dass dieses Zerrbild von Menschen geschaffen wird, die nichts von Wirtschaft verstehen, die uns die Entfremdung zwar nicht in die Wiege, aber in die Erziehung legen. Es gibt eine Kluft in Deutschland zwischen denen, die den Wohlstand schaffen, und jenen, die darüber urteilen und befinden.

Was ist Ihre Erfahrung dazu? Schreiben Sie mir (chefredaktion@capital.de)! Und nun tauchen Sie (erst recht) in die wirklich wunderbare Welt der Wirtschaft ein!

Horst von Buttlar

Chefredakteur

 

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