Interview„Die Kombination Deutschland-USA ist für Biontech genau die richtige“

Biontech entwickelt Krebstherapien
Biontech entwickelt KrebstherapienEvelyn Dragan

Capital: Herr Jeggle, wie geht es Ihnen?

HELMUT JEGGLE: Erschöpft, aber sehr zufrieden.

Der Börsengang von Biontech lief etwas rumpelig, oder?

Der Zeitpunkt war nicht ideal, weil der Markt massiv unter Druck stand. Bis auf einzelne Tage lief aber alles gut. Die Unterstützung unserer Bestandsaktionäre war großartig.

Warum mussten Sie mit dem Preis der Aktie heruntergehen?

In der Woche bevor Biontech an die Börse gegangen ist, lag der Biotech-Index der Nasdaq auf seinem Jahrestief. Andere Unternehmen haben in dieser Zeit ihre Börsengänge abgesagt. Die Nachricht, die auf unserer Roadshow immer wieder zu hören war, lautete: „Der Markt hat momentan kein Interesse an hochbewerteten Technologiewerten.“ Vielleicht auch ein Stück weit wegen der aktuellen Performance von Unternehmen wie Uber und We Work. Hier mussten wir sehr viel Zeit und Engagement investieren, um den Inhalt von Biontech sowie die Differenzierung und Positionierung innerhalb der Branche nahezubringen.

Trotzdem haben Sie Ihren Börsengang durchgezogen und einen ziemlichen Abschlag in Kauf genommen. Und danach hieß es bei Ihnen: Wir sind trotzdem sehr, sehr happy. Warum?

Unser Ziel war der Sprung an die Börse. Und das hat Biontech in einem sehr schwierigen Umfeld erreicht. Ich bin der Ansicht, dass wir mit Inhalt und Substanz überzeugt haben. Mit mehr Rückenwind wäre das natürlich leichter gefallen. Da das ursprüngliche Ziel bei einer Bewertung in der Preisspanne von 18 bis 20 US-Dollar lag, war das für uns natürlich eine sehr schwierige Diskussion, ob wir mit dem Preis für die Erstnotierung der Aktie auf 15 US-Dollar heruntergehen oder nicht. Es war ja nicht so, dass Biontech das Geld unbedingt aus dem Börsengang brauchte. Es wurde vier Monate vorher eine sehr gute Finanzierungsrunde erfolgreich abgeschlossen. Vielmehr ging es darum, Biontech für die Zukunft eine zusätzliche Option auf eine Finanzierung über den Kapitalmarkt zu sichern und international bekannter zu werden. Das war schlussendlich wichtiger als eine Momentaufnahme des Preises.

Sie haben zwischendrin aber auch überlegt, ob Sie den Börsengang abblasen?

Das war eine Achterbahn der Gefühle. Man spürte die Angst einiger Investoren, die eigentlich bereits zugesagt hatten. In diesem Kontext haben wir natürlich alle Optionen durchgespielt, auch die Option den Börsengang abzusagen und auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Ganz nach dem Motto: „Wir müssen es nicht unter allen Umständen erzwingen.“

Aber dann haben Sie doch die Glocke im Börsensaal geläutet.

Ja, wir waren da. Das lief dann aber ab wie im Film. Die große Emotion spürt man in dem Augenblick gar nicht. Erst am Tag nach dem Börsengang stellte sich in unserem Team das Gefühl ein: Ja, wir haben es wirklich geschafft!

Der Lohn einer gewaltigen Anstrengung?

Ja, das Management und ich waren vor dem Börsengang drei Monate lang in den USA unterwegs von Termin zu Termin. Besonders wichtig war die Unterstützung der Banken. Ohne diese wird es auf den letzten Metern schwierig. Besonders bei so viel Gegenwind, wie es zu der Zeit der Fall war.

JP Morgan war die Lead-Bank beim Börsengang.

Ja, zuerst war die Deutschland-Chefin Dorothee Blessing unsere wichtigste Ansprechpartnerin. Wir haben uns in den entscheidenden Wochen jeden zweiten, dritten Tag mit ihr abgestimmt. Die Beziehung zu ihr besteht schon seit einigen Jahren. Und JP Morgan macht sehr viel in unserem Sektor, wie auch die jährliche Biotech-Konferenz in San Francisco zeigt. Unserer Devise laut seit jeher: Wenn wir uns dazu entscheiden, mit jemandem gemeinsam zu gehen, dann gehen wir lange mit ihm.

Es gab also gar keinen formellen Beauty-Contest zur Auswahl der Investment-Bank.

Doch. Wir haben uns natürlich, wie es hier üblich ist, umgesehen und hatten schlussendlich auch ein Finanz-Konsortium mit vier Banken.

Am Ende geht es auch gar nicht um die Bank an sich, sondern das zuständige Team?

Ja, es geht neben der Wissenschaft vor allem um die Leute. „Wer ergänzt das Team mit komplementären Fähigkeiten?“ – das war für uns die entscheidende Frage. Und das Team von JP Morgan in New York unter der Leitung von David Ke war wirklich sehr engagiert. Bei einem Investoren-Lunch in New York hatte David Ke auch zu meiner Überraschung gesagt: „Biontech ist ein Unternehmen, wie man es als Banker nur einmal alle 25 Jahre findet“. Auch mit der zweiten Großbank Bank of America haben wir einen sehr professionellen und unterstützenden Partner gefunden. Roy Wouters war hier die perfekte Ergänzung zu unserem IPO-Team. Es gab viele solcher Mosaiksteinchen, die am Ende aber entscheidend waren, um die Investoren von der Vision der Biontech zu überzeugen. In den letzten Tagen vor dem Börsengang waren wir alle so perfekt aufeinander abgestimmt, dass die Investoren gar nicht zwischen den Bankern und Vertretern des Unternehmens unterscheiden konnten, es gab nur noch ein Team. Eine sehr schöne Erfahrung …

… aber sicherlich auch nervenzerreißende Stunden?

Absolut. Die letzten 24 Stunden vor dem Börsengang waren von der psychischen Belastung her vielleicht sogar die schwierigsten meines Lebens. Ich habe gelernt, zwischendurch nicht zu viel zu spekulieren, wer am Schluss investiert und wer nicht. Und schon gar nicht, warum jemand investiert oder warum nicht. Ich habe versucht, mich voll und ganz auf die Aktivitäten rund um die Roadshow zu konzentrieren. Aus und fertig!

Sie saßen in den allerletzten Stunden vorm Börsengang im Büro von JP Morgan in New York und konnten nichts Anderes mehr tun als zu warten?

Nein, das Team war bis zuletzt auf Roadshow. Zu dem Zeitpunkt saßen deshalb alle in einem Großraumtaxi vor dem Flughafenterminal in Chicago. Wir mussten dort, bevor wir alle in den Flieger steigen, die finale Entscheidung fällen, damit die Anwälte über Nacht alle Formalien für die Anmeldung des Börsengangs am nächsten Morgen vorbereiten können. Wichtig war in diesen 24 Stunden vor der Entscheidung, dass unser Biontech-Team sehr gut funktioniert und wir uns alle gegenseitig sehr respektieren. Deshalb gab es schnell Einigkeit.

Und zwischendurch mussten Sie dann aus dem Taxi auch noch mit den Brüdern Strüngmann telefonieren, ob sie dem Ausgabepreis von 15 Dollar zustimmen?

Nein, als sich in den Tagen zuvor abzeichnete, dass der Markt volatil bleibt, hatte ich mich mit Dr. Thomas Strüngmann und den anderen Bestandsinvestoren bezüglich ihrer grundsätzlichen Unterstützung abgestimmt. Sämtliche finale Entscheidungen wurden jedoch vom Team getroffen.

Die rund 135 Mio. Euro Nettoerlös aus dem Börsengang waren letztlich nicht das entscheidende Argument, sondern die Zukunftsperspektive am Kapitalmarkt?

Ja, so ist es. Uns war klar: Wenn der Preis heruntergesetzt wird, streben wir nicht das maximal mögliche Emissionsvolumen an. Allein schon, um die Anteile der Bestandsaktionäre nicht zu sehr zu verwässern.

Für Biontech gilt: Nach der Finanzierung ist vor der Finanzierung. Sie haben jetzt 463 Mio. Euro auf der hohen Kante. Wie lange reicht das?

Bei der aktuellen Planung ungefähr zwei Jahre. Mit weiteren Deals verlängert sich dieser Zeitraum zusätzlich.

Wird der Finanzbedarf von Quartal zu Quartal weiter steigen?

Ja. Wir haben jetzt acht Programme in der klinischen Phase 1/2, wo Wirkstoffe auf Verträglichkeit und klinische Aktivität an Patienten getestet werden. Und es werden planmäßig noch zwei weitere Studien bis zum Ende des Jahres beginnen. Aber wir gehen diesen Weg sehr bewusst, uns von Anfang an sehr robust aufzustellen und die Abhängigkeiten von einer Substanzklasse zu minimieren. Biontech arbeitet nach der Strategie: „Fail Early“, das heißt, wir wählen nur die vielversprechendsten Programme für die Spätphase-Entwicklung aus, die nach harten Selektionskriterien die eindeutige krebshemmende Wirkung aufweisen. Das reduziert das Entwicklungsrisiko sehr entscheidend.

In den Wochen nach dem Börsengang ist der Biontech-Kurs um 38 Prozent gestiegen, ohne dass es neue Nachrichten aus Ihrem Unternehmen gab. Wieso?

Meine Vermutung ist: Einige Investoren haben gesehen, der Börsengang ist geglückt. Die Aktie war danach kurzzeitig gefallen, also sind sie eingestiegen. Der Freeflow ist sehr klein bei der Aktie, deshalb muss man auch künftig mit etwas Volatilität rechnen.

Wie stark hängt Ihr Wohl und Wehe von anderen Biotech-Unternehmen ab? Wenn es bei einem Unternehmen schlechte Nachrichten gibt, wächst sofort der Druck auf alle anderen.

Ja, das ist leider so. Schon während der Roadshow war das zu spüren. Sobald es auch nur die kleinsten negativen Informationen gibt, fragen sich die Investoren sofort: Ist die bisherige Bewertung des Unternehmens nicht vielleicht doch zu hoch? Niemand will der letzte sein, der das Restaurant verlässt.

BioNTech SE ADR Aktie

BioNTech SE ADR Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RTDer Markt bewertet Biontech mit über 3,5 Mrd. Euro. Die Familie Strüngmann hält immer noch die knappe Mehrheit. Bleibt das so?

Wir hatten uns darauf eingestellt, mit dem Börsengang knapp unter die 50-Prozent-Schwelle zu fallen. Durch das geringere Emissionsvolumen liegen wir jetzt weiter knapp darüber. Das ist für das Family Office Athos als Investor aber nicht entscheidend.

Ändert sich durch die Notierung an der Nasdaq die Art und Weise, wie Biontech geführt wird?

Grundsätzlich ändert sich aktuell nichts, außer den notwendigen Formalitäten. Die Führung liegt eindeutig bei Ugur Sahin, dem CEO und Innovator. Um die Vision mit Biontech zu erreichen, sind Innovation und Umsetzung der Schlüssel. Aber natürlich muss das Unternehmen noch transparenter arbeiten als bisher, wenn es zum Beispiel um die Finanzen des Unternehmens geht oder um die Entwicklung der Produktion. Das sehen wir als Gesellschafter sehr positiv, um mit dem wachsenden Anspruch im internationalen Wettbewerb zurechtzukommen. Es ist schließlich ein großer Unterschied, ob ich ein wissenschaftliches Projekt betreibe, oder ein Unternehmen aufbaue, dass sich im harten Wettbewerb bewähren muss. Dazu gehört nun einmal eine Führungs- und Prozessdisziplin.

Warum musste es eigentlich die Nasdaq sein? Warum sind Sie nicht in Deutschland an die Börse gegangen?

Es war von Anfang an klar: Biontech muss in die USA. Aus drei Gründen: Nur dort gibt es einen so großen Markt, nur dort gibt es solche Finanzierungsmöglichkeiten und nur dort gibt es auch genügend Verständnis von Investoren, die sich auf diese sehr innovativen Technologien spezialisiert haben.

Wieso gibt es zu wenig Verständnis für neue Technologien bei uns?

Im Bereich Pharma und Biotechnologie ist der deutsche Kapitalmarkt aus meiner Sicht immer noch ein wenig Old Economy. Das sehe ich grundsätzlich gar nicht negativ. Wir haben einfach andere Geschäftsmodelle und andere Stärken. Wir sind im Vergleich zu den USA aber nicht unbedingt „early adoptors“, was ganz neue Technologien betrifft. Dort verschwimmen die harten Grenzen zwischen Akademien, Gründern, Investoren und der Industrie.

Müssen Sie vielleicht irgendwann das ganze Unternehmen in die USA verpflanzen, um mit anderen Biotech-Unternehmen mitzuhalten?

Nein, das sehe ich heute nicht. Es gibt schließlich auch viele deutsche Tugenden von denen wir profitieren, etwa in den Bereichen Mitarbeiterloyalität, Erfahrungen im Produktionsaufbau, Ingenieurskunst und dem Kostenbewusstsein. Die Kombination Deutschland-USA ist für Biontech genau die richtige. Natürlich wird sich Biontech bei zukünftigen Investitionen bezüglich des Standorts am Markt orientieren. Wenn ich in der letzten Spiegelausgabe lese, dass das Land Brandendburg den Zuschlag für die Batteriefabrik von Tesla unter anderem wegen signifikanten Subventionen erhält, ähnlich der Planung bei einem Siemens Innovationsinkubator in Berlin, dann kann ich ein solches bemühen bisher in Rheinland-Pfalz leider nicht feststellen.

Wenn es um die Produktentwicklung geht, hat Biontech es aber auch von Anfang an mit der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA zu tun.

Ja, das Team beschreibt den Austausch mit den US-Behörden aus ihrer Sicht als konstruktiv. Sogar besser als in Europa, wo man zum Beispiel in jedem Land, in dem man Studien durchführt, separat mit den Behörden, teilweise unterschiedlichen Anforderungen und Formalitäten ausgesetzt ist. Das geht in den USA schneller. Ein Land, eine Behörde, ein Prozess. Biontech selbst baut auch deshalb ein Team in New York auf. Die klinischen Studien für die wichtigsten Wirkstoffe laufen parallel in den USA und in Europa. Deshalb sind Teams auf beiden Kontinenten wichtig für ein international ausgerichtetes Unternehmen wie Biontech.

Einen Wirkstoff testen Sie jetzt bereits in der klinischen Phase 2, in der es um die Frage geht, ob Patienten auf ein neues Medikament ansprechen.

Dabei geht es um Hautkrebs. Und wir wollen im nächsten Jahr weitere Phase 2-Studien in anderen Krebsarten starten und mit einem weiteren Produktkandidaten bereits in die Phase 3 gehen…

… den letzten Schritt vor der Zulassung, wo es um eine repräsentative Studie an vielen betroffenen Patienten geht.

Ja, das ist richtig. Biontech bereitet sich auf eine Marktzulassung auch strukturell vor. Das Unternehmen hat große Fortschritte auch jenseits der eigentlichen ersten Studien gemacht. Für den Ansatz – die Krebsbehandlung sollte so individuell sein wie der Patient – ist die Zeit zwischen Gewebeentnahme und erster Behandlung ganz entscheidend. Inzwischen dauert das bei Biontech für einen Produktkandidaten zur individualisierten Krebstherapie nur noch sechs Wochen. Und die Kosten kann Biontech ebenfalls senken durch die Skalierung in der Herstellung und den zusätzlichen Produktionskapazitäten, ein zweiter entscheidender Faktor.

Sie erwarten, wie es in einer Ihrer Präsentationen heißt, in den nächsten 18 Monaten einen signifikanten Anstieg von Daten aus Ihren Studien. Sind die nächsten Monate für Sie ganz entscheidend?

Ja. Die nächsten anderthalb Jahre bringen uns wichtige Resultate für verschiedene klinische Programme. Dazu zählen mRNA Therapeutika, monoklonale Antikörper, CAR-T-Zelltherapien und Small Molecules.

Und wenn sich am Ende dieser Zeitspanne Ihre Erwartungen erfüllt haben, dann explodiert die Bewertung des Unternehmens.

Das werden der Kapitalmarkt und die Experten entscheiden. Da Besondere an Biontech ist, dass das breite Produktportfolio auf unabhängigen Plattformen beruht und mehrere unabhängige Arzneimittel-Kandidaten mit einem Blockbuster-Potential beinhaltet. Aufgrund der heutigen Studienkonzepte, bei denen ein neues Therapeutikum in einer Phase 1/2 für verschiede Indikationen eingesetzt wird, kann es zu unterschiedlichen Ansprechraten in den einzelnen Indikationen und Subgruppen kommen. Aus dieser Erkenntnis kann dann eine folgende pivotale Zulassungsstudie im Design geschärft werden.

Biontech muss sich aber doch nach den 18 Monaten, wenn alles unterm Strich gut läuft, ganz neu aufstellen, oder?

Ja. Ein wesentlicher Schritt in den nächsten Jahren ist der Auf- und Ausbau der klinischen Entwicklung, um globale Markt-Zulassungsstudien aufzusetzen. Ein weiteres Ziel ist die Weiterentwicklung der Prozesse für die Arzneimittel-Produktion, um eine Marktversorgung zu gewährleisten.

Sie packen sehr viele Dinge gleichzeitig an. Vielleicht zu viele? Warum konzentrieren Sie sich nicht auf ein, zwei Produktkandidaten?

Biontech hat zwei Programme in der Produktpipeline, die am weitesten vorangeschritten sind: FixVac und iNeST. Aber es sind die unterschiedlichen Wirkstoffklassen, die Biontech für mich zu einem einzigartigen Unternehmen machen. Alle Wirkstoffklassen sind darauf optimiert, das Immunsystem des Patienten durch unterschiedliche Mechanismen gegen seinen Krebs anzustoßen. Wir sind davon überzeugt, dass die Immuntherapie die Behandlung der Zukunft für fast alle Krebsarten darstellt. Viele andere Biotechs arbeiten als Single Plattform Company. Der Ansatz der individualisierten Medizin hat das Ziel, die passenden Medikamente für die individuelle Situation eines einzelnen Patienten zu entwickeln. Wir glauben zum Beispiel, dass Krebsimpfstoffe wie iNeST ganz besonders geeignet sind, um Patienten mit Frühphase-Krebs zu behandeln. Dagegen benötigen Patienten mit Spätphase Krebs Immuntherapien wie CAR-T Zellen oder bi-spezifische Antikörper, die auf anderen Wirkmechanismen beruhen. Biontech stellt sich also breiter auf, um ideale Optionen oder Werkzeuge aus der Toolbox für die Patientenbehandlung zu wählen. Die verschiedenen Produkte ergänzen oder verstärken einander.

Ziel ist also nicht das eine spektakuläre Blockbuster-Medikament, das alles finanziert?

Ja und nein. Ja, weil wir auch mehrere Arzneimittel-Kandidaten haben, die jeder für sich Blockbuster-Potential haben. Nein, weil der Fokus auf Blockbuster nicht unser langfristiges Ziel ist. Es handelt sich bei Biontech um ein ganz anderes Geschäftsmodell, als es bisher bei Big Pharma die Regel war. Es ist ein „Long Tail“ Geschäftsmodell, bei dem das Produkt auf den Bedarf eines Einzelnen zugeschnitten wird, was bei Biontech der patienten-zentrische Ansatz ist.

Und warum bleiben Sie nicht erstmal bei der Wissenschaft, sondern bauen schon eine große Produktion auf, ohne zu wissen, ob Ihre Medikamente überhaupt funktionieren.

Der klassische Wagnisfinanzierer sagt sicherlich: „Bloß kein Geld in Steine und Beton investieren!“ Für uns war das von Anfang wichtig, Produktions-Know-how aufzubauen. Biontech hat 2008, also unmittelbar nach der Gründung von Biontech, die Produktionsanlage von Fresenius in Idar-Oberstein übernommen, weil der Standort bereits sehr viel Erfahrung im Bereich Zellproduktion hatte. Gleichzeitig war aber auch klar: Die Produktion muss sich durch Dritt-Geschäfte von Anfang an selbst tragen. Diese Investition ging also nicht zu Lasten unseres Wissenschaftsbudgets.

Sie sind inzwischen viele Partnerschaften mit großen Pharmafirmen eingegangen. Warum?

Nicht nur wegen der Entwicklung oder Produktion, sondern weil wir Kollaborationspartner suchen. Bei Kooperationen kann man natürlich auch viel lernen. In der Regel schließt Biontech 50:50-Kollaborationen und sitzt bei relevanten Entscheidungen mit am Tisch. Die Risiken und Chancen werden wie die Kosten geteilt. Und Biontech hat Produkte, die dem Unternehmen alleine gehören. Der Wirkstoff, der planmäßig als erster in die Phase 3 kommt, gehört Biontech allein. Wichtig war natürlich am Anfang bei den Kollaborationen auch das Signal an den Markt und die Investoren: Wenn große weltbekannte Unternehmen mit Biontech kooperieren, dann ist dies auch eine Art Ritterschlag. Genentech hat zum Beispiel bereits 2015 rund 300 Mio. US-Dollar als Abschlagszahlung erbracht, auch ein wichtiges Signal nach außen. Zum Vergleich: Biontech hat 2008 mit einer Startfinanzierung in Höhe von 180 Mio. Dollar vom Family Office Athos und der MIG AG angefangen. Das war während der Finanzkrise als Startfinanzierung für ein Biotech-Unternehmen sehr viel Geld.

Insgesamt wurden bisher mehr als 1,4 Mrd. Euro in das Unternehmen investiert – also noch sehr viel mehr Geld. Aber Sie haben ja schon vor anderthalb Jahren in unserem Gespräch gesagt: „Biontech ist die Chance unseres Lebens“.

Ja, bereits vor dem IPO kamen etwa 800 Mio. US-Dollar von Investoren und rund 500 Mio. US-Dollar von Kooperationspartnern. Seitdem ist viel geschehen. Heute können wir sagen: Es ist bereits mehr als nur eine Chance. Wir haben nicht nur den Börsengang geschafft. Wir haben auch drei weitere, sehr wichtige Partnerschaften unter Dach und Fach gebracht. Vieles davon war für viele Beobachter sehr überraschend – zum Beispiel die Kollaboration mit dem Pharmakonzern Pfizer. Dabei geht es um ein Grippemedikament. Und die amerikanischen Partner zahlen dafür vorab 120 Mio. Dollar – üblich waren bei vergleichbaren Deals in der Branche eher 20 oder 30 Mio. Dollar. Auch der Deal mit Sanofi war wichtig, mit dem zweiten Investment von Sanofi wurde die Kollaboration nochmals intensiviert. Und last but not least: die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.

Wie läuft so etwas ab? Der reichste Mann der Welt ruft an und fragt: Können wir uns mal treffen?

Nein, die jeweiligen Teams kannten sich schon von verschiedenen Konferenzen und wissenschaftlichen Kongressen. Daraus hat sich dann ein Gedankenaustausch ergeben. Am Ende gab es auch ein Gespräch zwischen Bill Gates und Biontech-Chef Ugur Sahin in Berlin. Und ich muss sagen: Die Stiftung ist eine der besten Organisationen, die ich weltweit kenne. Sie ähnelt einer Industrieorganisation. Absolut professionell.

Sie waren gleich vom Sinn einer Kooperation überzeugt?

Ja, das riesige Netzwerk der Stiftung bringt Biontech sehr viel, auch wenn es dabei ja nicht um unseren Schwerpunkt Krebs geht, sondern um Infektionskrankheiten. Die Gates-Stiftung hat die Rechte für die Dritte Welt erworben. Und Biontech will den Bereich Infektionskrankheiten als zweite Säule neben der Onkologie aufbauen. Deshalb macht die Kollaboration absolut Sinn. Aber die Onkologie bleibt das wichtigste Standbein.

Es gibt mindestens einen starken Konkurrenten für Sie – das amerikanische Unternehmen Moderna Therapeutics.

Die meisten Experten sehen das so für den Bereich mRNA, die nur eine von vier Wirkstoffklassen ist, die Biontech einsetzt. Der Börsengang brachte Moderna 600 Mio. Dollar – das war schon phantastisch.

Und die Marktkapitalisierung liegt doppelt so hoch wie bei Ihnen: 7,5 Mrd. Dollar.

Ja, kein Zweifel, das ist ein Wort! Aber viele übersehen: Die Ansätze der Amerikaner unterscheiden sich im Detail dann doch von Biontech. Der therapeutische Anwendungsbereich für den Einsatz des menschlichen Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten ist riesig. Also können sowohl Moderna als auch Biontech erfolgreich am Markt operieren. Das ist kein Wettlauf nach dem Motto: Am Ende gewinnt nur einer. Das ist eher ein bisschen wie in der Autoindustrie, wo auch Platz für verschiedene Hersteller ist. Die Anwendungen werden sich ausdifferenzieren. Außerdem überschneidet sich Biontech aus meiner Sicht mit Moderna nur an einem Punkt, der mRNA, bei den drei anderen Wirkstoffklassen aber wiederum gar nicht.

Aber alle in der Branche warten doch: Bringt Moderna zuerst ein zugelassenes Krebsmedikament auf den Markt oder Biontech.

Mag sein. Aber ich bin fest davon überzeugt: Moderna und Biontech tun sich gegenseitig gut. Moderna war ein Stück weit sogar der Schneepflug für Biontech. Die Amerikaner haben das Thema mRNA groß in die Diskussion gebracht ….

… den Botenstoff unserer menschlichen Zellen, der künftig sowohl bei Ihnen als auch bei Moderna die Basis neuer Krebstherapien sein wird.

Ja. Und wenn sich dieses Thema durchsetzt, dann profitieren beide Unternehmen davon.

Was sind neben der reinen Biologie und Medizin die entscheidenden Faktoren für den endgültigen Durchbruch?

Künstliche Intelligenz und die Automatisierung von Prozessen. Wie kann man die Patientendaten nach einer Biopsie noch treffsicherer analysieren? Big Data spielt eine große Rolle und zählt für mich auch zu einer strategischen Komponente, die entsprechend eingesetzt werden muss. Wir planen bei Biontech gegenwärtig eine weitgehend vollautomatische Produktion individualisierter Medikamente – von der Biopsie bis zum fertigen Produkt. Das Thema ist seit über zehn Jahren – neben der eigentlichen wissenschaftlichen Forschung – zentraler Teil des Unternehmens. Immerhin 70 Leute arbeiten bei Biontech bereits an der Entwicklung von Algorithmen und Systemen künstlicher Intelligenz, die Hälfte der rund 1200 Beschäftigten arbeiten in der wissenschaftlichen Forschung. Auf Sicht von vier Jahren dürfte sich die Zahl der Mitarbeiter aus meiner Sicht noch einmal verdoppeln. Wichtig ist, die richtigen Talente für Biontech zu bekommen, dafür müssen wir offen sein für die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Generation.

Wie viele Jahre wird es noch dauern bis zur vollautomatisierten Herstellung individualisierter Medikamente?

Ich rechne mit rund sechs Jahren. Die Automatisierung und Skalierung sind notwendige Bedingungen für den Erfolg des Geschäftsmodells. Damit werden die Herstellungskosten solcher Medikamente bezahlbar.

Sie wollen also nicht Medikamente produzieren, die am Ende 2 Mio. Dollar pro Patient kosten? So etwas gibt es ja auch bereits.

Das ist definitiv nicht der Ansatz. Biontech will einen Werkzeugkoffer mit unterschiedlichen Werkzeugen bieten, die man individuell kombinieren kann. Wichtig ist, dass das Medikament die Lebensqualität des Patienten signifikant verbessert und gleichzeitig erschwinglich ist.