Interview „Die Flüchtlingskrise ist der Blitzableiter aller Probleme“

Diplom-Psychologe Stephan Grünewald
Diplom-Psychologe Stephan Grünewald Maya Claussen


Stephan Grünewald ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des Markt- und Medienforschungs-Instituts Rheingold. Er veröffentlichte mehrere Bestseller wie Deutschland auf der Couch und Die erschöpfte Gesellschaft. Sein neuestes Buch „Wie tickt Deutschland?“ erschien am 7.März.


 

Capital: Sie befassen sich als Psychologe mit der Befindlichkeit der Deutschen. Wie geht es dem Deutschen im Jahr 2019?

STEPHAN GRÜNEWALD: Das Land befindet sich einem aufgewühlten Zustand. Trotz Wohlstand gibt es eine große Unzufriedenheit. Das Land ist im Inneren zerrissen und immer wieder entlädt sich Wut, die aus verschiedenen Quellen entspringt.

Für sie ist die Flüchtlingskrise nicht die „Mutter aller Probleme“, wie Horst Seehofer sagte, sondern der „Blitzableiter aller Probleme“. Welche Probleme gab es davor?

Ich beschreibe in dem Buch Problemlagen, die bereits vor der Flüchtlingskrise da waren. Zum Beispiel haben wir ein großes Wertschätzungsproblem in Deutschland. Teile der bodenständigen Mitte haben das Gefühl, dass sie von den Intellektuellen und gesellschaftlichen Eliten diskreditiert werden, da sie immer noch Fleisch essen, Alkohol trinken, Diesel fahren, Unterschichts-TV gucken und ihre Finger in der Chipstüte fetten. Das gibt ihnen das Gefühl, sich fremd im eigenen Land zu fühlen.

Wann genau fingen diese Probleme an?

Das Solidarprinzip früherer Zeiten ist verloren gegangen. Früher hatten gerade die „kleinen“ Leute das Gefühl gehabt, dass sich die gesellschaftliche Elite um die Schwachen kümmert und sich für Bildungsreformen und soziale Gerechtigkeit einsetzt. Zum anderen fühlen sie sich in ihrer Lebensleistung weder gesehen noch wertgeschätzt. Zum Beispiel erhalten sie für ihr hart erarbeitetes Geld keine Zinsen mehr. Auch Zinsen sind ein Ausdruck der Wertschätzung. Viele Menschen haben auch Sorge um ihren Wohnraum und mit Hinblick auf die Digitalisierung, haben sie Angst, dass ihre eigene Arbeitskraft obsolet wird.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Flüchtlingskrise unseren diffusen Ängsten ein Gesicht gegeben hat. Was bedeutet das?

Deutschland ist ein Hort des Wohlstands, ein sogenanntes „Auenland“. Und jenseits dieses Auenlandes lauern viele diffuse Gefahren: die Digitalisierung, Globalisierung, der Brexit und der Zerfall Europas. Diese diffusen Krisen werden ausgelagert in so einer Art „Grauenland“. Durch die Flüchtlingskrise ist ein Stück weit das Grauenland ins Auenland eingedrungen und das hat viele Menschen verunsichert. Es führte aber auch dazu, dass die diffusen Gefahren, einmal ein Gesicht bekommen haben. Die Probleme waren wieder fassbar und man konnte Mauern errichten, Obergrenzen definieren und Abschiebelager bauen.

Durch die Flüchtlingskrise ist eine Gemengelage entstanden, in der die Deutschen sich fragten, “wen liebt Mutter Merkel eigentlich? Die fremden Kinder oder die eigenen Kinder?“

Stephan Grünewald

Inwiefern spielt denn Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in diesen Ängsten eine Rolle?

Die Menschen haben eher Angst vor dem Fremden an sich. Das Fremde muss keine menschliche Gestalt haben. Gerade, weil es uns so gut geht, haben wir Angst, dass wir den Wohlstand verlieren. Durch die Flüchtlingskrise ist eine Gemengelage entstanden, in der die Deutschen sich fragten, „Wen liebt Mutter Merkel eigentlich? Die fremden Kinder oder die eigenen Kinder?“ In dieser sogenannten Geschwisterrivalität haben die nicht wertgeschätzten Kinder das Gefühl gehabt, dass der Syrer mehr als der Sachse gelte.