GastkommentarDie Chancen des Aufschwungs nutzen

Autotransport
Die deutsche Wirtschaft nimmt Fahrt auf (Foto: Getty Images)

Stefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Business and Information Technology School (BiTS) in BerlinStefan Kooths ist Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Business and Information Technology School (BiTS) in Berlin


Deutschland lebt derzeit auf der Sonnenseite der Konjunktur. Erwartungsgemäß haben sich die Rezessionsszenarien nicht realisiert, über die noch im vergangenen Sommer und Herbst spekuliert wurde. Stattdessen legte die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr einen rasanten Schlussspurt hin. Von Konjunkturprogrammen redet – anders als noch im Herbst – keiner mehr.

Im Verarbeitenden Gewerbe und in der Bauwirtschaft ist die Normalauslastung jetzt schon erreicht, zum Teil sogar überschritten. Die Arbeitslosigkeit ist derzeit so niedrig wie noch nie im vereinten Deutschland und wie sonst nirgendwo in der Europäischen Union. Die gesamtwirtschaftliche Produktion ist weiter aufwärts gerichtet und dürfte im laufenden Jahr branchenübergreifend nahe an der Normalauslastung operieren.

Mit den vom Institut für Weltwirtschaft prognostizierten Raten von 1,8 Prozent (2015) und 2,0 Prozent (2016) expandiert die Wirtschaftsleistung in Deutschland schneller als die Produktionsmöglichkeiten wachsen. Die Potenzialwachstumsrate ist derzeit auf magere 1 ¼ Prozent zu veranschlagen. Im Ergebnis steigt die Kapazitätsauslastung. Das ist – zumindest in aggregierter Betrachtung – im laufenden Jahr stabilisierungspolitisch noch unbedenklich. Im nächsten Jahr gerät die deutsche Wirtschaft aber mehr und mehr an die Schwelle zur Hochkonjunktur.

Binnenwirtschaft treibt den Aufschwung an

Neben die diesjährigen haushaltsnahen Expansionstreiber Konsum und Wohnungsbau treten im nächsten Jahr die Unternehmensinvestitionen als zweite Säule der Konjunktur. Der für das laufende Jahr erwartete Produktionsanstieg wird praktisch vollständig vom privaten Konsum und den Wohnungsbauinvestitionen absorbiert. Nach und nach dürften auch die Unternehmensinvestitionen an Dynamik gewinnen und im nächsten Jahr so kräftig sein, dass die Investitionen insgesamt maßgeblich zur Expansion beitragen.

Der in beiden Jahren maßgeblich binnenwirtschaftlich getriebene Aufschwung dürfte die Einfuhren deutlich stärker expandieren lassen als die Ausfuhren, auch wenn diese von einem sich insgesamt aufhellenden weltwirtschaftlichen Umfeld begünstigt werden und ebenfalls an Fahrt zulegen. Im Ergebnis wird der Außenhandel rein rechnerisch nahezu expansionsneutral wirken. Gleichwohl dürfte der Leistungsbilanzüberschuss in beiden Jahren mit rund 250 Mrd. Euro merklich über dem Niveau des Jahres 2014 liegen.

Der Konsumboom im laufenden Jahr geht auch auf die ölpreisbedingt niedrigere Geldentwertung zurück, der heimische Preisdruck bleibt davon unberührt. Anders als zuweilen diskutiert, sind die niedrigen Inflationsraten kein Hemmschuh, sondern ihrerseits ein Treiber der privaten Konsumausgaben. Sie erhöhen das real verfügbare Einkommen und tragen neben der robusten Arbeitsmarktlage und den deutlich höheren Sozialleistungen dazu bei, dass die privaten Konsumausgaben mit einer Rate von 2,7 Prozent in diesem Jahr so kräftig steigen dürften wie seit 1992 nicht mehr.

Der ölpreisbedingte Rückgang der Teuerungsraten wird indes nur vorübergehend zu beobachten sein. In dem Maße, wie die Basiseffekte auslaufen, dürften die Verbraucherpreise wieder stärker anziehen, weil dann die binnenwirtschaftlichen Faktoren stärker in Erscheinung treten. Der heimische Preisanstieg – gemessen am Deflator des Bruttoinlandsproduktes – lag im letzten Jahr bei 1,7 Prozent. In beiden Jahren des Prognosezeitraums dürfte diese Größe mit gut zwei Prozent zulegen, während die Verbraucherpreise, in denen sich außenwirtschaftliche Effekte stärker niederschlagen, in diesem Jahr praktisch stagnieren und im nächsten Jahr mit 1,5 Prozent steigen dürften. Insgesamt wird damit deutlich, dass in Deutschland von einem deflationären Szenario keine Rede sein kann.