Interview„Deutschland ist nicht der alleinige Profiteur des Euros“

IfW-Präsident Gabriel Felbermayr
IfW-Präsident Gabriel FelbermayrIfW Kiel / Michael Stefan


Gabriel Felbermayr ist seit März dieses Jahres Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel als Nachfolger von Dennis Snower. Der neue IfW-Chef ist ein anerkannter Handelsexperte, der vor seinem Wechsel nach Kiel das Zentrum für Außenwirtschaft am ifo Institut in München leitete.


Capital: Sie haben jüngst in Ihrer Studie mit Marina Steininger gezeigt, dass der Euro die Handelskosten senkt und Euro-Mitglieder dadurch reicher geworden sind. Ist der Euro also besser als sein Ruf?

GABRIEL FELBERMAYR: Die Europäische Währungsunion leidet unter gravierenden Konstruktionsfehlern. Was in der öffentlichen Diskussion aber falsch ist, ist der einseitige Fokus auf diese Fehler. Wir diskutieren darüber, dass der Euro-Wechselkurs für die einen zu hoch, und für die anderen zu niedrig ist. Es wird aber kaum nachgefragt, ob der Euro sein ursprüngliches Versprechen eingehalten hat: und zwar die Absenkung der Handelskosten. Das hat der Euro nämlich geschafft. Bei internationalen Geschäften werden Transaktionskosten eingespart und die Transparenz hat sich erhöht. Geschäftspartner können schneller und einfacher herausfinden, welche Preise und Kosten in ihren Absatz- und Beschaffungsmärkten außerhalb der eigenen Grenzen gelten. Diese Vorteile des Euros sind nicht zu vergessen, das gehört zu einer fairen und umfassenden Analyse dazu.

Und wie stark hat dann Deutschland vom Euro profitiert?

Deutschland ist ein Land mit einer hohen internationalen Verflechtung und hat hohe Im- und Exporte mit vielen Ländern der Eurozone. All diese Verbindungen in der Eurozone sind durch den Euro ein bisschen günstiger geworden. Die Kosten der Währungsumrechnung entfallen, man muss keine teure Wechselkursabsicherung betreiben und keine Konten in vielen Währungen führen. Diese Themen sind jetzt einfach vom Tisch.

„Die Faustregel besagt: Je kleiner die Länder sind, umso stärker profitieren sie vom Euro.“

Gabriel Felbermayr

Wo wäre Deutschland heute ohne den Euro?

Deutschlands Exporte und Importe sind höher, als sie es ohne den Euro wären, vor allem in der Industrie und in der Landwirtschaft. Höhere Nachfrage nach Arbeit und niedrigere Konsumentenpreise erhöhen die Kaufkraft der Durchschnittseinkommen der Deutschen. Ohne Berücksichtigung der Verteilungseffekte liegt das reale Durchschnittseinkommen ungefähr um 0,6 Prozent höher als wenn es den Euro nicht gäbe.

Sie haben herausgefunden, dass besonders kleine und zentrale Länder wie Luxemburg und Belgien vom Euro profitieren. Warum ausgerechnet diese Länder?

Die Faustregel besagt: Je kleiner die Länder sind, umso stärker profitieren sie vom Euro. Denn die relative Bedeutung des Außenhandels im Allgemeinen und mit den Euroländern im Speziellen ist höher. Ein großes Land zum Beispiel hat einen großen Binnenmarkt. Die Offenheit eines Landes, also Handelsvolumen über BIP gerechnet, liegt in Deutschland ungefähr bei 80 Prozent, in Österreich aber bei deutlich über 100 Prozent. Da diese kleinen Länder im Verhältnis zum BIP mehr Handel betreiben, wirkt die Begünstigung durch den Handel stärker. Damit profitieren sie auch volkswirtschaftlich stärker. Wir simulieren für Belgien eine Steigerung des kaufkraftbereinigten Durchschnittseinkommens um 1,4 Prozent oder für Luxemburg um mehr als 2 Prozent. Deutschland ist also keineswegs der alleinige Profiteur, schon gar nicht der größte. Der Euro ist somit ein Projekt, das sich im Hinblick auf den Handelseffekt für Eurozonen-Mitglieder bereits ausgezahlt hat.