ReportageAngriff der Telekom

System-Review: Zweimal im Monat sitzen bei Immmr alle zusammen, um Probleme und Fortschritte zu besprechen
System-Review: Zweimal im Monat sitzen bei Immmr alle zusammen, um Probleme und Fortschritte zu besprechen
© Jan Philip Welchering

Jörg Weimann mag es gern unkonventionell, doch diesen Morgen hatte er sich wirklich anders vorgestellt. Erst U-Bahn-Streik, dann Dauerlauf über das riesige Messegelände von Barcelona. Gut, dass Weimann immer Jeans und halboffenes Hemd trägt, im Anzug wäre der Sprint unmöglich gewesen. Er schafft es fast pünktlich an sein Ziel, und trotzdem gibt es Stress. „Sie sind zwei Minuten zu spät“, herrscht ihn ein Anzugträger an, als er endlich da ist.

Am Stand der Deutschen Telekom auf dem Mobile World Congress, der wichtigsten Mobilfunkmesse der Welt, sind alle Chefs schon da. Ein zweiter Mann im Business-Outfit tritt auf Weimann zu, freundlicher Handschlag, aufmunternde Worte: Timotheus Höttges ist ganz entspannt. Vorstandschefs ist die Aufregung ja selten anzumerken, die ihre Anwesenheit um sie herum auslöst. „Nach König Felipe waren wir die Nummer zwei auf seinem Terminkalender“, erinnert sich Weimann an die kurze Begegnung mit seinem obersten Boss.

Grafik Telekom Umsatz Gewinn Schulden

Es ist in der Tat eine unglaubliche Geschichte. Eine voller Hoffnungen. Und auch eine voller Risiko. Timotheus Höttges, 54, führt einen Weltkonzern mitten in einem gewaltigen Umbruch. Auf der einen Seite stehen 161 Millionen Mobilfunkkunden, 29 Millionen Festnetzanschlüsse, 221.000 Mitarbeiter, 69 Mrd. Euro Jahresumsatz und 3,3 Mrd. Euro Gewinn. Solche Zahlen bedeuten nicht nur Macht, sondern immer auch gewaltige Strukturen und immense Beharrungskräfte. Und auf der anderen Seite poppen jeden Monat irgendwo auf der Welt Konkurrenten und technische Finessen auf, die Höttges’ Reich neu infrage stellen.

Deswegen hat der Chef dem Konzern einen radikalen Umbau verordnet. Alles soll anders werden: die Geschäfte, mit denen die Telekom Geld verdient; die Art zu arbeiten; der Umgang mit den Kunden; die Qualifikationen der Mitarbeiter. Höttges will die Telekom grundlegend umbauen – und dazu braucht er Leute wie Weimann.

Jörg Weimann ist Produktmanager bei Immmr, einem Berliner Start-up mit 70 Mitarbeitern. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Software-Entwicklern und Digitaldesignern, die bisher keinen einzigen Cent verdient, dafür aber Millionen verbrannt haben. Deutsche, Amerikaner, Polen, Russen, Ukrainer, Chinesen, Israelis, Brasilianer, Mexikaner. Sie sitzen in Berlin, Tel Aviv oder Warschau. Oder irgendwo sonst, Hauptsache, es gibt Internet.

Jörg Weimann
Notfalls joggt Jörg Weimann zu seinen Terminen, ein Anzug wäre da nur hinderlich
© Jan Philip Welchering

Sie entwickeln seit 2014 eine Technologie, mit der die Telekom hofft, die Vorherrschaft der Amerikaner im Kommunikationsgeschäft zu knacken; des Messengers von Facebook etwa, von Whatsapp, Apples Facetime, Microsofts Skype. Diese Over-the-Top-Dienste (OTT) degradieren die alten Telefonkonzerne immer mehr zu einer Art Wasserwerk fürs Internet: zu Lieferanten margenschwacher Datenflüsse, die man jederzeit an- und abstellen kann.

345 Mrd. Euro an Umsatz verlören die alten Platzhirsche zwischen 2012 und 2018 wegen der OTT-Konkurrenz, rechnet die Londoner Marktforschungsfirma Ovum vor. Rund zehn Prozent des globalen Telekommunikationsumsatzes hätten die Angreifer bereits erobert, warnt das Beratungsunternehmen Ernst & Young (EY). Und das in wenigen Jahren und ohne größere Gegenwehr.

Weimann und Kollegen sollen das jetzt ändern. „Mit Immmr bringen wir die mobile Kommunikation unserer Kunden in die Cloud“, wirbt Claudia Nemat, Technologie-Vorstandsfrau der Telekom, kurz nach Höttges’ Standbesuch vor einer riesigen Immmr-Werbevideowand in Barcelona. „Mobilfunknummer, Anrufe, Nachrichten und Kontakte sind auf vielen Endgeräten von überall nutzbar“, preist sie die bunte Truppe an.