KommentarDeutsche Bank: Die wahren Versager sind die Aktionäre

Deutsche Bank-Aufsichratschef Achleitner
Deutsche Bank-Aufsichratschef Achleitnerdpa

Der kleine Triumphzug des Paul Achleitner beginnt gegen halb acht am Donnerstagabend. Achleitner hat gerade die Hauptversammlung der Deutschen Bank beendet, schlendert die ein halbes Fußballfeld lange Bühne hinab in den Zuschauerraum, da trifft der weißhaarige Manager im Zuschauerraum auf einen Mann mit langen, dunkeln Haaren: einen Achleitner-Fan.

Der Mann will in der Frankfurter Festhalle nicht nur ein Foto mit dem Chefaufseher der Deutschen Bank, er will auch ein Autogramm. Achleitner nimmt sich die Zeit. Am Morgen vor der Hauptversammlung hätten die Medien wohl noch geschrieben: Es ist Achleitners letzter Fan.

Das muss man jetzt korrigieren: Paul Achleitner hat immer noch erstaunlich viele Fans.

Die Aktionäre von Deutschlands größter Bank haben Achleitner am Donnerstagabend mit 71 Prozent entlastet, eine vor allem symbolische Wahl, die signalisiert, wie zufrieden oder unzufrieden die Investoren mit dem Management sind. Gleichzeitig haben mehr als 90 Prozent der Anleger einen Antrag abgelehnt, der Achleitners Abwahl vorsah.

Aktionäre gehen fahrlässig mit ihrem Eigentum um

Gleich nach der Wahl streuen Deutsche-Bank-Leute, dass sie selbst von der hohen Zustimmung überrascht seien. Klar, das ist der Spin, den die Bank an diesem Abend setzen will: Schaut her, Achleitner hat kein Problem – auch wenn ihn diesmal weniger Aktionäre als im vergangenen Jahr entlastet haben.

Aber: Der Spin hat einen wahren Kern – und genau das ist das Problem, weil Paul Achleitner eines der Probleme der Blaubank ist. Und am Donnerstagabend ist ein weiteres hinzugekommen: der fahrlässige Umgang der Aktionäre mit ihrem Eigentum.

Was wurde im Vorfeld dieser Hauptversammlung nicht alles geschrieben: Großaktionäre sollen eine Nachfolge-Regelung für Achleitner ins Spiel gebracht haben, einflussreiche Spezialberater – die Großinvestoren bei ihren Wahlentscheidungen helfen – empfahlen, ihn nicht zu entlasten. Schließlich ist der Österreicher Achleitner bereits seit 2012 Chefaufseher.

Die strategischen Volten der Bank in dieser Zeit? Zahlreich. Der Aktienkurs? Ein einziges Debakel, seit Achleitners Amtsantritt ist der Kurs um 75 Prozent abgestürzt. Die Hoffnung auf Besserung? Wurde immer wieder enttäuscht. Achleitners Erfolge bei anderen Finanzhäusern? Spiegel Online schrieb vor kurzem, seine Bankenfusionsvergangenheit ziehe eine Blutspur durch das deutsche Finanzgewerbe.

Verantwortung ist zum Trend verkommen

Und jetzt? Selbst 20 Prozentpunkte weniger hätten gereicht, damit Achleitner entlastet worden wäre. Die 71 beziehungsweise 90 Prozent sind ein Erfolg, jedenfalls gemessen an der Erwartung, dass es diesmal aber wirklich eng werden könnte für Achleitner. Sie sind damit gleichzeitig eine Enttäuschung.

In diesen Tagen redet die deutsche Finanzbranche gerne über die Verantwortung, die sie für ihre Investitionen und Anlageentscheidungen trägt. Fondsgesellschaften schicken ihre Leute deshalb liebend gern auf Hauptversammlungen, damit ihre Leute dort messerscharf geschliffene Reden halten. Das ist ja auch schön öffentlichkeitswirksam. Bloß ist Verantwortung zum Trend verkommen. Das tatsächliche Handeln ist nicht messerscharf, es ist zu oft wattig-weich.