KolumneDer unmögliche Job des neuen Boeing-Chefs

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Seit diesem Montag ist David Calhoun offiziell bei Boeing im Amt. Der 62jährige Amerikaner soll das Unmögliche schaffen: den größten Flugzeughersteller der Welt in der tiefsten Krise seiner Geschichte so schnell wie möglich wieder auf Kurs zu bringen. Es gibt derzeit keinen schwereren Job in der ganzen Industrie als diesen.

Seit März letzten Jahres darf das wichtigste Passagiermodell des Konzerns, die 737 Max, nicht mehr abheben. Nach zwei Unfällen, bei denen 346 Menschen ums Leben kamen, gilt das Flugzeug nicht mehr als sicher. Schlimmer noch: Die bisherigen Untersuchungen zeigen, wie während der ganzen Entwicklung der Maschine an allen möglichen Ecken und Ende geschludert, an der Sicherheit gespart und die Aufsicht hinters Licht geführt wurde.

Inzwischen gelten deshalb die Beziehungen zwischen der amerikanischen Luftverkehrsbehörde FAA und Boeing als schwer belastet. Erst letzte Woche veröffentlichte der Konzern auf Druck des amerikanischen Senats einen Teil des Mailwechsels mit der Behörde, der als geradezu vernichtend für das bisherige Management von Boeing gelten kann.

Die Boeing-Krise reicht tiefer als der VW-Dieselskandal

Ein Flugzeughersteller, der sich nicht um die Sicherheit seiner Passagiere schert – das ist der GAU. Die Boeing-Krise reicht deshalb deutlich tiefer als beispielsweise die VW-Krise: Beim Dieselskandal geht es zwar auch um ein krasses Fehlverhalten der zuständigen Konzernspitze, um Lug und Betrug, um Vertuschung und um Irreführung der Behörden – aber eben nicht um die Sicherheit der Kunden. Wer sich einen VW- oder Audi-Diesel kaufte, schädigte zwar die Umwelt. Aber spürte als Fahrer nichts. Nur deshalb bleiben so viele Kunden ihren Marken treu. Ganz anders bei Boeing: Dort geht der Betrug ins Mark der Marke. Und auch die Kosten der Affäre dürften am Ende deutlich höher ausfallen als bei dem deutschen Auto-Konzern.

Ist David Calhoun der richtige Mann, um die Krise zu bewältigen? Ja und Nein. Der ehemalige General-Electric-Manager sitzt seit zehn Jahren als unabhängiger Direktor im Board von Boeing. Er muss also eine Stück Mitschuld für das Desaster auf die eigene Kappe nehmen. Auf der anderen Seite: Nur ein Insider kann wahrscheinlich schnell genug loslegen, damit nicht noch mehr Schaden entsteht. Jede Woche, die ohne einen Neustart für die 737 Max vergeht, kostet den Konzern Millionen. Calhoun ist kein Ingenieur wie seine Vorgänger bei Boeing, aber ein erfahrener und anerkannter Manager. Und er muss sich selbst mit 62 Jahren nichts mehr beweisen – kann sich also ganz auf die Aufgabe konzentrieren, die aktuelle Krise zu bewältigen.

Man kann getrost davon ausgehen, dass Calhoun nur ein Mann des Übergangs sein wird. Man kann auch nicht von ihm erwarten, dass er die ganze Kultur des Konzerns ändert, bei der offensichtlich viel im Argen liegt. Aber trotzdem bleibt seine Aufgabe gigantisch. Gelingt ihm eine relativ rasche Bewältigung des 737-Max-Problems, dann beschäftigen sich die Studenten der amerikanischen Business Schools bald in ihren Case-Studies mit Boeing als Musterbeispiel für erfolgreiches Krisenmanagement unter einem neuen CEO. Falls nicht, könnte eine Ikone der amerikanischen Industrie endgültig den Anschluss an den großen Rivalen Airbus verlieren.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.