ManagementDer neue Goldstandard

1988, Seoul, Olympische Spiele: Der Deutschlandachter rudert zu Gold. Ihre Tugenden nutzen die Ruderer für ihre zweite Karriere - in der Wirtschaft
1988, Seoul, Olympische Spiele: Der Deutschlandachter rudert zu Gold. Ihre Tugenden nutzen die Ruderer für ihre zweite Karriere – in der Wirtschaft
© dpa

In den vergangenen Monaten hat Armin Eichholz oft an seine Zeit als Leistungssportler gedacht. Und daran, was ein Spitzenmanager von einem Spitzenruderer lernen kann. So auch an diesem Herbsttag, an dem die Wolken tief über dem Braunkohlekraftwerk Niederaußem bei Köln hängen. Eine monströse Anlage aus rauchenden Schloten und sprödem Beton, grau in grau. Es ist ein Tag, der partout nicht hell werden will. Und das entspricht ziemlich genau der Stimmung in Deutschlands zweitgrößtem Energiekonzern RWE.

Eichholz, ein Hüne von 2,04 Meter Länge, leitet die Sparte Braunkohlekraftwerke. 3 000 Mitarbeiter produzieren an vier Standorten jede zweite Kilowattstunde Strom in Nordrhein-Westfalen. Energie war einmal ein sicherer Job. Die Konzerne machten Milliardengewinne. Das Kürzel RWE stand bei Spöttern für „Ruhe, Wohlstand und Erholung“. Wer hier arbeitete, brauchte sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen. Dann kam Fukushima, die Energiewende, die Abkehr von Kernkraft und Kohle.

„Die ganze Branche ist im Umbruch. Alles wird auf den Prüfstand gestellt“, sagt Eichholz. Die Stuhllehne biegt sich unter dem breiten Kreuz, als sich der 50-Jährige zurücklehnt. Seine Gedanken wandern zurück ins Jahr 1987. Kreisen um das Desaster. Den Punkt null seiner Sportlerkarriere. WM-Finale in Kopenhagen, letzter Platz im Achter, 16 Sekunden hinter dem Sieger. „Das sind Welten“, sagt Eichholz. „Gluck, gluck, weg war er“ titelte die „Bild“-Zeitung über den Deutschland achter.

Ein bisschen wie 1987 fühlt es sich auch heute an bei RWE. Trotzdem strahlt Eichholz Ruhe aus, Souveränität. Er kennt die Situation aus seiner ersten Karriere. Und weiß, man kann sie retten. „Damals haben wir alles infrage gestellt. Uns, die Konzepte, das Auswahlverfahren, die Trainingsmethoden“, sagt Eichholz. Nächtelang wurde debattiert. Im Team, mit dem Trainer. „Wir haben erkannt, dass wir alles anders machen müssen, um erfolgreich zu sein. Das war die Lehre aus dem Scheitern“, sagt Eichholz. Im Folgejahr wurde er Olympiasieger.

Das Los der Amateure

Wie gut der Leistungssport auf eine Berufskarriere vorbereitet, war lange ein kaum beachtetes Phänomen. Auffällig viele Manager in Führungspositionen können in ihrer Vita außerordentliche sportliche Erfolge vorweisen. Wie Uli Hoeneß, der 1985 eine Wurstfabrik gründete. Oder der Springreiter Paul Schockemöhle mit seiner Spedition. Der Outdoormöbelspezialist Dedon wird von dem ehemaligen Bundesligatorwart Bobby Dekeyser geführt. Ex-Hedgefondsmanager Florian Homm spielte in der Jugendnationalmannschaft Basketball. Und AWD-Gründer Carsten Maschmeyer sammelte Titel als Mittel- und Langstreckenläufer.

Der Deutschlandachter von 1988 liefert einen besonders eindrucksvollen Beleg dafür, dass die Leistungselite im Sport beste Voraussetzungen für eine zweite Karriere in der Wirtschaft mitbringt. An Bord damals: Thomas Domian – er arbeitete nach der Ruderkarriere zunächst als Vermögensberater und Investmentbanker bei der Dresdner Bank. Heute leitet er eine Finanzberatung. Wolfgang Maennig – er lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hamburg. Zudem ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Medizintechnikherstellers Eckert & Ziegler. Ansgar Wessling – er betreibt eine Kette von Hörgerätegeschäften. Eckhard Schultz – er arbeitete als Banker, als Unternehmensberater und führte im vergangenen Jahr die LEG Immobilien AG an die Börse. Bei dem Düsseldorfer Unternehmen ist er Finanzvorstand. Matthias Mellinghaus – er lebt mittlerweile in Vancouver. In Kanada arbeitet er als Regisseur und Filmproduzent. Thomas Möllenkamp – er ist Geschäftsführer der deutschen Dependance des US-amerikanischen Forschungsunternehmens New England Biolabs. Armin Eichholz – er leitet die Braunkohlekraftwerkssparte von RWE. Schlagmann Bahne Rabe, ein Ausnahmetalent im Rudersport, verstarb auf tragische Weise im Jahr 2001 an den Folgen einer Lungenentzündung. Jahrelang hatte er an Magersucht gelitten.

Der Deutschlandachter ist ein Mythos. Bei den Sommerspielen in Seoul feiert ihn das Publikum, später wird das Team zur „Mannschaft des Jahres“ gewählt. Der Lohn für fünf Minuten und 46 Sekunden Schmerzen. 2 000 Meter Strapazen.

Jahrelang arbeiten die Recken auf Olympia hin, ordnen alles andere dem Sport unter: Morgens um 5 Uhr aufstehen, trainieren, Uni oder Lehre, trainieren, lernen. Tag für Tag. Wie alle Leistungssportler im Amateurbereich. Der Jahresurlaub, die Semesterferien gehen für Regatten und Trainingslager drauf. Die Ruderer leben von der Sporthilfe – 1 000 bis 1 800 D-Mark im Monat. Zeitgleich sehen sie, wie die Tennisprofis Steffi Graf und Boris Becker Millionen verdienen. Das Los der Amateure.