GastkommentarDer Mythos vom demütigen Helden

Lars Vollmer
Lars Vollmer

Noch bis etwa 2023 – dann ist es vorbei. Dann werden Sie nie mehr einen Volvo mit Dieselmotor kaufen können. Denn Volvos Vorstandsvorsitzender, der Schwede Hakan Samuelsson, hat ein Machtwort gesprochen: Die Dieselkonstruktionen werden zu teuer, Elektroautos müssen her. Wenn das nicht eine Strategie im besten Sinne des Wortes ist!

Und der Stratege dahinter? Nun, der wird entweder als strahlender Held aus der Geschichte hervorgehen, wenn Volvo auch in zehn Jahren noch am Automobilhimmel prangt. Oder man wird ihm die Schuld für den kolossalen Untergang des Autobauers in die strategischen Schuhe schieben. Auf was wetten Sie?

Rufmord vs. Happy End

Denn für die Zukunft von Volvo stehen nun ja genau zwei Szenarien zur Auswahl. Erstens: Der Automobilmarkt verändert sich, elektrifizierte Autos stellen sich als Flop heraus, Volvo verglüht als kleiner Stern auf dem Markt – kurz: Hakan Samuelsson wird sich für den Rest seines Lebens mit dem Ruf eines schlechten Managers begnügen müssen, der auf die falsche Strategie gesetzt hat. Oder zweitens: Volvo übertrumpft sich als Anti-Diesel-Trendsetter selbst, sein Vorstand geht als brillanter Stratege in die Geschichte ein und wenn er nicht gestorben ist, werden ihm bis zu seinem Ende immer noch höhere Ämter und mehr Verantwortung übertragen.

Burnout oder Boom eines Unternehmens – also abhängig von einer einzigen Person? Das könnten Sie meinen, zumindest bis ich in Ihre Überlegungen platze: Was Sie bei Volvo beobachten können, ist der Hang des Menschen, im Rückblick Narrative zu bilden. Wenn Volvo in zehn Jahren gut dasteht, muss in der Vergangenheit wohl jemand kluge Entscheidungen für das Unternehmen getroffen haben. Wenn dieser Jemand so gute Entscheidungen fürs Business getroffen hat, dann muss er wohl ein super Manager gewesen sein.

Klingt logisch. Ist aber furchtbar blind.

Der blinde Fleck im Narrativ

Blind deshalb, weil die Wirtschaft und die Gesellschaft einer Person nachträglich eine besondere Intelligenz oder eine weise Voraussicht zuschreiben, die diese bei ihrer Entscheidung kaum besessen haben kann. Wenn Sie jeden wirtschaftlichen Erfolg darauf zurückführen, dass ein außergewöhnlich talentierter Entscheider dahinterstand und die „richtigen“ Entscheidungen traf, verkennen Sie nämlich einen ganz wesentlichen Faktor in Entwicklungsprozessen: den Zufall.

Da der Mensch an sich lieber mit dem Kopf durch die Wand läuft als zu akzeptieren, dass Zufälle sein Leben bestimmen, erfindet er ein neues Narrativ: Wenn die Entwicklung einer Organisation gut oder schlecht läuft, muss zunächst ein Mensch gut oder schlecht in seinem Job gewesen sein. Nicht ohne Grund spricht die Psychologie hier von einem Halo-Effekt. Der Heiligenschein des Unternehmenserfolges verzerrt sich so weit, dass er den Kopf des Managers gleich mit einschließt. Gute Umsatzzahlen, beeindruckendes Wachstum, finanzieller Erfolg, hoher Börsenkurs – und schon strahlen diese positiven Eigenschaften so sehr auf den Manager dahinter ab, dass sie geradezu blenden. Ex-ABB-Chef Percy Barnevik hat es so in den 1990er Jahren zum gefeierten »Manager des Jahres« gebracht. Waren dann ein halbes Jahr später die Börsenkurse mal im Keller, dichtete die Presse prompt: »Motivations-Motor Parnevik gerät ins Stottern.« Dabei hatte sich zwischen Höhenflug und Flaute des ABB-Aktienkurses der Firmenchef auf keine öffentlich bekannte, nachprüfbare Art und Weise verändert.

Personenkult vom Feinsten

Ich glaube, Sie haben erkannt, worauf ich hinaus will: Ich halte nichts davon, die Ergebnisse eines Unternehmens kausal auf die Qualität von Entscheidungen in diesem Unternehmen zurückzuführen. Denn dahinter steckt ein Denkfehler: Sie beurteilen nicht länger, was passiert ist. Sondern das, von dem Sie denken, dass es passiert sei. Und das Ergebnis ist ein Personenkult vom Feinsten. Wenn Volvo 2027 ohne Dieselmotoren noch Erfolge feiert, nun dann muss Herr Samuelsson wohl ein wahres strategisches Genie gewesen sein.

Überblendet wird dabei die Einsicht, dass Herr Samuelsson und alle seine Kollegen im Markt eine gute Portion Glück hatten, wenn ihre Strategie aufgeht. Neben der Entscheidung eines Einzelnen an der Unternehmensspitze spielen nämlich eine gefühlte Million weiterer Einflussgrößen eine Rolle für die Zukunft des Unternehmens. Vielleicht entwickelt sich die Antriebstechnik in eine völlig andere Richtung weiter. Möglicherweise wird Strom für Elektroautos unfassbar teuer. Eventuell kommen noch weitere Missbrauchsfälle im Dieselskandal ans Licht. Oder wer weiß: Vielleicht wurde die ganze skandalöse Geschichte um VW nur getürkt?

Was ich damit sagen will: Wie der komplexe Markt sich entwickelt, ist weder determinierbar, noch kausal vorherbestimmbar. Und so spielt der Zufall in Volvos Zukunft eine deutlich größere Rolle als jede von Herr Samuelssons Entscheidungen es je tun könnte.

Der Held des Lagerfeuers

Nun möchte ich Hakan Samuelsson und Managern im Allgemeinen gar nicht ihre Bedeutung absprechen. Keineswegs! Ich bestreite nicht, dass Manager Einfluss auf die Entwicklung ihres Unternehmens haben. Dieses Ergebnis auf eine einzige Person zu projizieren hingegen, ist eine gnadenlose Überschätzung und kommt einem Heldenmythos gleich.

Schließlich werden Sie und ich nie erfahren, wie viel Heldentum im Volvo-Vorstandsvorsitzenden steckt. Wir werden lediglich beobachten können, ob Volvo ohne den Dieselmotor in zehn Jahren noch existiert. Ob die Entscheidung die richtige war, ob das Unternehmen in der Zukunft besser oder schlechter dastehen würde, hätte es auch eine neue Dieselmotor-Generation entwickelt – auch das wird Teil des Mythos bleiben. Und solche Mythen, in denen der Zufall keinen Platz erhält, passen zu rotweinseligen Abenden am Lagerfeuer. Glauben möchte ich sie allerdings nicht.

Den Beobachtern der Wirtschaft sowie sämtlichen höchstwichtigen Managern möchte ich daher ein bisschen Demut vor der Komplexität ihres Umfelds ins Tagebuch schreiben. Selbst Helden sind nicht vor Zufällen gefeit. Umso gespannter bin ich, wie Volvo sich entwickeln wird – ganz ohne das Ergebnis einer einzelnen Person und deren Entscheidungen zuzuschreiben.


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden«, Linde Verlag, 2016.