ReportageDer digitale Lenin hinter der Blockchain

Vitalik Buterin liegt mit einem Notebook auf einem Bett
Vitalik Buterin, 21, leitet das Softwareprojekt Ethereum – das Investoren begeistert und Banken Angst macht – Foto: Matthew Realer

Vor einer dieser Hecken, hinter denen sich Leute mit Geld verbergen, steht ein hochgewachsener junger Mann in Socken. Seine Haut ist weiß, ein ausgewaschenes T-Shirt schlabbert um die Hühnerbrust. Auf seinem zarten Hals ruht ein großer, eckiger Kopf mit tief in den Höhlen vergrabenen Augen. Wie ein Reh am Waldrand blickt er in Richtung der kleinen Straße, die sich entlang eines Bachlaufs windet. Als der Besucher in Hörweite ist, winkt der junge Mann sanft und sagt mit weicher Stimme einfach nur „Hey“.

Das ist er also: Vitalik Buterin, 21 Jahre alt, russisches Software­Genie, das von Baar, Kanton Zug, aus operiert und bei dem sich die Finanzwelt fragt, ob es ihr Todesengel ist. Oder doch der Messias.

Zwei Wochen später werden sie in London vor diesem knabenhaften Enigma sitzen, all die CIOs und CTOs der Großbanken und Fondsgesellschaften, um sich bei einer Veranstaltung in der Schweizer Botschaft anzuhören, wie seine neuen Codezeilen ihre Imperien überflüssig machen. Sie werden um ihn herumstehen, ihm zuhören, an seinen Lippen hängen, und ihre Augen werden tatsächlich glänzen.

Vitalik Buterin führt den Gast zum Eingang eines schicken dunkelgrauen Kastenbaus mit schmalen Fenstern. Könnte auch eine Architektenvilla sein. Es läuft elektronische Musik. Im dritten Stock ist das Office, kein Papier, keine Regale, nur ein endlos langer Tisch, vollgestellt mit PCs und Macs. Auf der Etage darunter wohnen und schlafen ein Dutzend Programmierer. Buterin arbeitet sieben Tage die Woche. Sonst würde ihm langweilig, sagt er.

„Holon 000“ nennen sie das Gebäude, manchmal auch „Raumschiff Ethereum“. Ethereum: So heißt Vitaliks Vision einer perfekten Blockchain, einer globalen Software, die einen unfehlbaren Austausch von Werten ermöglicht. Das ist es, was die Programmierer eint, die hier zusammengekommen sind: der Glaube, so etwas wie das Neue Testament der digitalen Finanzepoche zu verfassen.

Im schweizerischen Zug sitzen Buterin und seine Mitstreiter in diesem Bau, der einer Architektenvilla gleicht
Im schweizerischen Zug sitzen Buterin und seine Mitstreiter in diesem Bau, der einer Architektenvilla gleicht – Foto: Peter Tillessen

Die Blockchain ist in den letzten Monaten zum Schlagwort Nummer eins in der Finanzbranche geworden. Fachmedien überbieten sich mit Berichten, im Herbst schlossen sich eine Reihe von Banken – darunter Goldman Sachs, JP Morgan, UBS und Credit Suisse – zusammen, um an einem gemeinsamen Standard zu forschen. Mittlerweile ist das Wort „Blockchain“ sogar ins Oxford Dictionary aufgenommen.

Der Begriff taucht vor allem im Zusammenhang mit der digitalen Währung Bitcoin auf – dabei geht die Idee darüber hinaus: Die Macher schwärmen von intelligenten Verträgen, von E-Voting-Systemen, die nicht manipulierbar sind, von einer Technologie, die unsere Welt mit ihren Datenbanken, Archiven und Servern revolutionieren könnte. Und einer der führenden Köpfe ist Buterin.

Er tritt auf die Terrasse, in Socken. Auf der anderen Seite des Bachs liegt der Hauptsitz von Glencore, des weltgrößten Rohstoffkonzerns. Aber den kennt Vitalik nicht. Rohstoffe, das ist physische Sphäre. Nicht seine Welt. Er lehnt sich über das Geländer. Von Zug hat er noch nicht viel mitbekommen. Er hätte überall hinziehen können, wo die Regulierungen nicht zu streng sind. London, Singapur, Hongkong. „Das hier ist nicht das Silicon Valley.“ Er deutet auf die Berge. „Das hier ist Silicon Mountain.“ Das gefällt ihm.

Dank seines Programms, sagt er, könnte es eines Tages Firmen geben, die sich selbst gehören. Vollständig von Computerprogrammen geführt, die ihre Geschäfte auf der Basis von Smart Contracts – selbstausführenden digitalen Vertragswerken – tätigen. Wie selbstfahrende Taxis, die auf sich selbst registriert sind und ihre Wartung durch die Einnahmen finanzieren. Es ist die kühne Vision, den Kapitalismus an Maschinen abzugeben. Die Idee hat er aus einem Buch von Daniel Suarez. Science Fiction liest Buterin gerne.