KolumneDenk ich an Europa in der Nacht …

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Gespräch mit Ratspräsident Donald Tusk beim EU-Gipfel in Brüssel
EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker im Gespräch mit Ratspräsident Donald Tusk beim EU-Gipfel in BrüsselEuropean Union

Die Uhr zum britischen EU-Austritt tickt. Der Kapitalabzug aus Italien hält – leicht vermindert – an. In Frankreich brennen wieder mal Barrikaden. Die deutsche Industrie leidet unter dem langsameren Welthandel. Die Autoindustrie kommt nach den neuen Emissionsstandards nur mühsam aus dem Produktionsloch. Zur Jahreswende 2017/18 schien die Welt für Europa noch in Ordnung, und die Erholung nach dem Doppelschlag aus Weltfinanz- und Eurokrise war in vollem Gange. Inzwischen macht die Frage die Runde, ob Europa überhaupt noch „investierbar“ ist.

Tatsächlich ballen sich aktuell in Europa eine ganze Menge Probleme. Aber man sollte dabei nicht aus dem Blick verlieren, dass es bereits im Jahr 2018 weltweit an vielen Stellen „nicht rund lief“. Und das gängige Narrativ vom Handelskrieg zwischen den USA und China als Ursache, passt eigentlich nicht wirklich zu den Zahlen. Denn erstaunlicherweise war genau der chinesische Export in Richtung USA das einzige Segment, das in einem moderateren weltwirtschaftlichen Umfeld keinerlei Abschwächung zeigte.

Es gilt halt eben doch die buchhalterische Regel, dass eine über Steuersenkungen und Aufrüstung getriebene Absenkung der heimischen Ersparnis zu höheren außenwirtschaftlichen Defiziten führt. Auch bleibt China in der Logik gefangen, dass es zwar einerseits dringend Strukturreformen für eine solide Wachstumsbasis braucht, aber andererseits die damit verbundene vorübergehende Verlangsamung der Konjunktur nicht akzeptieren möchte. Heraus kommt dabei ein stetes Hin und Her von Gas geben und Abbremsen.

Abwärtsrisiken ballen sich in Europa

Zu den europäischen Spezifika gehören sicherlich, dass erstens eine Vielzahl von Nationalstaaten ihre jeweils eigenständige Politik betreiben und zweitens auf europäischer Ebene für die meisten Entscheidungen Einstimmigkeit erzielt werden muss. Damit potenziert sich natürlich auch die Aufmerksamkeit auf die Frage, wer nun was blockieren kann. Und der „kleinste gemeinsame Nenner“ fällt dann meist noch einmal kleiner aus als anderswo.

Zweifellos stellt etwa die derzeitige italienische Regierung eine besondere Herausforderung für Europas Institutionen dar. Sie liebäugelt offen mit dem Bruch europäischer Regeln und setzt auf ihre systemische Rolle in der Hoffnung, dass andere Staaten ihre Politik bezahlen. Ähnliches gilt für den Brexit mit seinem Potenzial, bei einem chaotischen Austritt – also einem Austritt ohne Vertrag und Übergangsregelung – zumindest zeitweise europäische Vorleistungsketten zu unterbrechen und lahmzulegen.

Von daher gilt tatsächlich, dass im nächsten Jahr eine Menge konjunktureller Abwärtsrisiken auf Europa konzentriert sind. Allerdings müssen sie Anleger in Anlehnung an Heinrich Heine keineswegs um den Schlaf bringen. Eher sind sie Ausdruck davon, dass Europa in seiner heutigen Verfassung immer als ein Kaleidoskop von Einzelthemen wahrgenommen werden wird.