Ukraine-Krieg Das zweite Schlachtfeld des Krieges

Demonstration gegen den Ukraine-Krieg in Wien
Demonstration gegen den Ukraine-Krieg in Wien
© IMAGO / Viennareport
Der Westen antwortete Russland mit einem historischen Wirtschaftskrieg. Beim Exodus der Unternehmen geht es oft um mehr als um Symbolik: Viele rechnen auf absehbare Zeit nicht damit, dass man unter Putin Geschäfte machen kann

Seit einer Woche ist Krieg in Europa, und er hat zwei Schlachtfelder. Auf dem einen rollen Panzer und fallen Bomben, auf dem anderen werden Waren und Geld umgeleitet oder blockiert. Der eine erschüttert uns, weil wir Bilder des Krieges sehen, die wir in Europa verbannt und vergessen hatten. Bilder übrigens, die vor allem von den Menschen selbst kommen und nicht von Kriegsfotografen – von Smartphones, über Twitter und Facebook, aus Straßen, die aussehen wie Berlin, Prag oder Budapest.

Der zweite Krieg ist noch unsichtbarer, aber nicht minder heftig und gefährlich, ein historischer Finanz- und Wirtschaftskrieg gegen die elftgrößte Volkswirtschaft der Erde. Es ist der Krieg, mit dem der Westen antwortet, statt mit Soldaten.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine brachte den Krieg zurück nach Europa, den wir nur noch aus Geschichtsbüchern kannten. Ein Krieg, der mit jedem Tag blutiger und schmutziger wird; der vor Atomkraftwerken nicht Halt macht. Der die größte Binnenflucht innerhalb Europas seit den 1990er-Jahren, vielleicht sogar nach 1945 auslösen und Millionen Menschen vertreiben könnte.

Unternehmensexodus aus Russland

Der Wirtschaftskrieg soll Russland isolieren, bestrafen, ausstoßen. Die Welle der Ächtung zieht sich durch alle Lebensbereiche, vom Sport bis zur Kultur. Oder, wie es in einem offenen Brief von Hunderten russischen Wissenschaftlern hieß: „Mit der Entfesselung des Krieges hat sich Russland zu internationaler Isolierung verurteilt, zu einem ausgestoßenen Land.“

Von allen Maßnahmen hat die Sanktion gegen die russische Zentralbank die größte Wucht, sie war die Nuklearwaffe, sie ist beispiellos, und hat die Regeln internationaler Sanktionsregime für immer verändert: Wir reden nicht über den Iran oder Nordkorea, sondern über die Zentralbank der elftgrößten Volkswirtschaft mit Devisenreserven von 630 Mrd. Dollar. Innerhalb weniger Tage wurden Banken in die Enge oder Pleite getrieben, der Rubel stürzte ab, die Moskauer Börse war tagelang geschlossen. Es bleibt der Rohstoffhandel, wo noch weiter geliefert und bezahlt wird. Ist das die nächste Stufe?

Es gab neben den staatlichen Aktionen und Sanktionen eine parallele Entwicklung, die in ihrer Wucht und Geschwindigkeit ebenso überrascht, weil es sich wie eine Kettenreaktion abspielte: der Massenexodus von Unternehmen aus dem russischen Markt. „Die Unternehmen fliehen aus Russland“, schrieb das „Handelsblatt“.

Es ging los mit den Ölmultis: Shell will sich von Gazprom lösen, BP seinen Anteil an Rosneft verkaufen – raus aus Russland, selbst mit Verlusten. Wintershall DEA schreibt Nord Stream 2 ab und setzt alle neuen Förderprojekte aus. Die Autobauer warteten auch nicht lange: Volkswagen stoppt den Export und die gesamte Produktion in Russland, sein Werk mit 4000 Mitarbeitern in Kaluga soll stillstehen. Mercedes Benz und Daimler Trucks stellen die Geschäfte vorerst ein. Bereits Tage zuvor hatte BMW verkündet, die Produktion in und den Export nach Russland zu stoppen. Auch der US-Autobauer Ford will sich bis auf weiteres aus Russland zurückziehen. Siemens stellt das Neugeschäft ein und will vorerst nicht nach Russland liefern. Die Reedereien Maersk und MSC setzen den Containerverkehr aus. Ikea, Playmobil, Apple, Puma, H&M, Airbus, Boeing, Disney – sie alle schließen, legen auf Eis, stoppen Lieferungen, wickeln ab oder wollen nur noch eines: raus aus Russland.

Mal setzen Unternehmen nur ein Zeichen, mal wird ihnen der Markt zu riskant, mal will man nicht unverhofft auf einer Sanktionsliste auftauchen, mal wird das Geschäft unattraktiv. Was aber durchscheint: Es ist oft nicht nur symbolisch, sondern strategisch. „Der Markt adaptiert von sich aus“, sagte mir der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze im Podcast „Die Stunde Null“. „Es ist mittlerweile ein Riesenproblem für jede Firma, in irgendein russisches Geschäft verwickelt zu sein.“ Das sei auch das Kalkül der Sanktionen: „Man muss die Details gar nicht ankündigen. Man muss nur Reizworte wie Sberbank, Swift, Zentralbank sagen – und dann etwas über Energie munkeln.“

Nach dem Krieg wird es kein „business as usual“ geben

Jahrzehntelange Bande werden gekappt, Verbindungen entflochten, Investitionen aus drei Jahrzehnten werden überdacht, über Bord geworfen oder abgeschrieben. Für viele Firmen ist es nicht der erste Schritt, schon nach dem Einmarsch auf der Krim 2014 hatten Unternehmen ihre Abhängigkeit reduziert oder weniger investiert – derzeit sind noch 3500 Firmen aus Deutschland in Russland aktiv, 2011 waren es 6300.

Dass der Rückzug aus Russland schneller erfolgt als der Vormarsch der Russen auf Kiew ist ein Fanal: Viele Strategen in den Unternehmen rechnen offenbar nicht mehr damit, dass man auf absehbare Zeit mit diesem Russland Geschäfte machen kann. Außer wir hätten es hier mit einer Massenpanik zu tun, einer Variante des „Bankrun“. Doch das ist unwahrscheinlich – auch wenn namhafte Unternehmen wie Metro, Bayer, Stada oder Claas abwarten oder nichts kappen, aus unterschiedlichen, durchaus komplexen Motiven.

Werden viele Unternehmen danach ihre Geschäfte wieder aufnehmen und hochfahren? Vermutlich. Nur scheint derzeit kaum einer zu wissen, was „danach“ heißt. Was bedeutet das Szenario „Frieden“, wenn Russland die ganze Ukraine will – und bereit ist, sie für dieses Ziel in Schutt und Asche zu legen? Danach wird es kein „business as usual“ geben.

Also bereitet man sich vor, Russland aufzugeben. Das ist das Drama hinter der Tragödie (diese ist und bleibt der Krieg, und nur dieser Krieg). Selbst wenn überall betont wird, dass der Handel mit Russland nur ein paar Prozent des deutschen Außenhandels ausmacht. Die Verflechtung zwischen Ost und West nach 1990 innerhalb Europas, die Kooperation und Arbeitsteilung war gewachsen und gewollt. Dass nicht nur Menschen, sondern Waren und Gelder frei zwischen Ost und West fließen konnten, hat Europa Wohlstand und Wachstum gebracht.

Im Krieg steht die Sorge um das Leben der Menschen an erster Stelle. Dennoch ist atemberaubend, was hier abgewickelt wird – es ist die unsichtbare Zerstörung von Beziehungen, Arbeitsplätzen und Wohlstand, die Trümmer werden wir bald in Statistiken sehen. Denn auch der Westen wird einen Preis zahlen, nicht nur Russland, dessen BIP übergangsweise zweistellig schrumpfen könnte. Schon jetzt erleben wir den höchsten Anstieg der Rohstoffpreise seit 1974. Von der Ukraine gar nicht zu reden – was erwartet einen dort nach diesem Krieg, wenn Russland sie beherrscht?

Der Wirtschaftskrieg ist nicht ungefährlich

Vieles könnte nach einem Frieden wieder hochgefahren und aufgehoben werden, die Lieferstopps, die Sanktionen, die symbolischen Aktionen sowieso – aber der Massenexodus zeigt, dass viele mit diesem Russland auf absehbare Zeit nicht rechnen möchten. Dass man nicht Geschäfte machen kann, solange dieses Regime an der Macht ist. Putin, der sein Land zu einer „Festung Russland“ ausbauen will, mag genau das bezwecken. Sein Außenminister und Kettenhund Lawrow spricht von einer „Steuer auf Unabhängigkeit“. Sie werden sich noch umschauen, wenn sie ihre Produkte als Vasallen Chinas, und nicht von einer kooperativen Europäischen Union beziehen.

Der Wirtschaftskrieg ist nicht ungefährlich, weil er Russland in die Enge treibt – die Zeichen und Taten sind alle richtig, die Entschlossenheit vieler Unternehmen beeindruckt. Man muss aber nicht noch einen „totalen Wirtschaftskrieg“ verkünden, wie es die Franzosen getan haben. Ein Kollaps der russischen Wirtschaft soll zeigen, dass Putin einen Preis zahlt. Er könnte den Preis aber auch in die Höhe treiben. Die Welt schwankt zwischen heißem und kaltem Krieg, und wir sollten alles tun, damit er kalt bleibt.


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