WeltwirtschaftChinas neuer Kurs

Die Produktion von Billigwaren für den Weltmarkt soll nur noch ein Standbein der chinesischen Wirtschaft seinimago images / VCG

Die Führung in China war schon immer gut darin, wohlklingende Konzepte zu erfinden, deren genaue Bedeutung vage blieb. In der Anfangsphase lauteten diese Hundert-Blumen-Rede, die Vier Freiheiten. Seit Xi Jinping ist vom „Chinesischen Traum“, der „Neuen Seidenstraße“ und jetzt den „Zwei Kreisläufen“ die Rede. Die verschlagworteten Kampagnen klingen gut beim Volk, gleichzeitig ist ihr Inhalt so schwammig, dass man sich alles und nichts darunter vorstellen kann.

Von Montag bis Donnerstag hat das fünfte Plenum des 19. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas getagt. Verabschiedet hat es den 24. Fünf-Jahres-Plan, eine Art Blaupause für die wirtschaftliche Entwicklung der kommenden fünf Jahre. Während man in den vergangenen Jahren oft präzise BIP-Wachstumsziele ausgab, wurden dieses Mal allgemeinere Modelle formuliert. Bis 2035 zum Beispiel soll das Land die „sozialistische Modernisierung“ erreichen.

Mit der Strategie „China 2025“ will die KP zum Beispiel zehn Schlüsselindustrien fördern, um dort führend zu werden. Helfen soll dabei die „Dual Circulation Theory“. Das Modell der zwei Kreisläufe kann man als Antwort Pekings auf das „Decoupling“ Washingtons, die wirtschaftliche Entflechtung der beiden größten Volkswirtschaften verstehen.

Chinas Doppelstrategie

Der eine Kreislauf ist der alte, der in den Zeiten der Spannung mit den USA, etwas in den Hintergrund treten soll: In diesem Kreislauf ist Peking nach wie vor fest in die internationalen Handelsströme eingebunden. Es importiert Rohstoffe aus Australien, Afrika und Südamerika und flutet die globalen Märkte mit billigen Waren – die meisten von ihnen aus dem wirtschaftlich potenten und auf Exporten ausgerichteten Perlflussdelta mit den Städten Shenzhen und Hongkong.

Der andere Kreislauf, der innere, soll wachsen. In diesem produzieren chinesische Unternehmen für chinesische Konsumenten – ausländische Unternehmen sind daran nur noch marginal beteiligt. Wächst dieser Kreislauf anteilig, nimmt der andere zwangsläufig ab.

Neu ist all das nicht. Denn dass in China der Binnenkonsum wachsen soll und tut, ist bekannt. Noch vor 15 Jahren stellte der Export 60 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Dieser Anteil ist auf 17 Prozent zurückgegangen.

Seit Jahren weisen ausländische Analysten ebenso wie chinesische Führungskader daraufhin: Chinas Wachstumspotenzial liegt in seiner neuen Mittelschicht. Seit den 1980er-Jahren zogen hunderte Millionen von Menschen vom Land in die Städte. Ihr Anteil stieg von 19 Prozent 1980 auf 58 Prozent 2017. Der Prozess verlief nicht immer reibungslos. Anders als in Indien oder anderen Schwellenländern konnte eine umsichtige Politik der Zentralregierung eine Slum-Bildung vermeiden. Mit dem Umzug in die Stadt stiegen die Gehälter – zwischen 2001 und 2015 im Schnitt um elf Prozent im Jahr. Vielen neuen Stadtbewohnern gelang der Aufstieg von Armut in die untere Mittelschicht. Zwischen 400 und 600 Millionen zählen heute dazu.

Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Waren es in den vergangenen Jahren vor allem die großen Metropolen an der Ostküste wie Schanghai, Peking, Guangzhou und Shenzhen, die boomten, sollen für den Aufschwung in den kommenden Jahren die sogenannten Tier2-, und Tier3-Städte sorgen. Dazu zählen Provinzhauptstädte und kleinere Großstädte wie Zhengzhou, Xiamen oder Wenzhou.

Unterschiedliche App-Welten

Dass Chinas Wirtschaft also vor allem durch die Konsumbereitschaft der eigenen Einwohner wachsen kann und muss, ist nichts Neues. Hinzu aber kommt nun der immer stärker werdende Konflikt mit den USA. Auch unter einem Präsident Biden dürfte sich an der Entkopplungspolitik Washingtons nicht viel ändern. Darauf muss Peking reagieren.

Wie eine vom Rest der Welt abgekoppelte Wirtschaft aussehen kann, sieht man heute vielleicht am besten, wenn man versucht, sein Smartphone innerhalb Chinas zu benutzen. Die im Westen so essentiellen Dienste wie Whatsapp, Facebook, Instagram, Google, Youtube und Twitter funktionieren nicht. Wer sie dennoch benutzen will, braucht ein Virtual Private Network (VPN), das aber den Datenfluss verlangsamt. Stattdessen sind in der Volksrepublik die Super-Apps Wechat und Alipay omnipräsent – zum Bezahlen, zum Kommunizieren oder zum Kauf eines Flugtickets. Wer sie nicht hat, ist im Alltag nahezu aufgeschmissen.

Laut der Beratung „Macro Polo“ werden diese Tendenzen in den kommenden Jahren noch zunehmen. „Bis 2025 wird Chinas technologisches Ökosystem gereift und mit dem Silicon Valley gleichgezogen haben, was Dynamik, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit betrifft“, heißt es in der kürzlich erschienenen Studie „Forecast 2025: China Adjusts Course“. „China wird größtenteils erfolgreich sein, eine starke neue Infrastruktur auszubauen – Cloud Computing, 5G-Netzwerke, Smart Cities und Überwachungsnetzwerke, um den Übergang zum industriellen Internet zu gewährleisten.“ Exportkontrollen seitens der USA könnten diesen Prozess nur verlangsamen.

Deutsche Unternehmen setzen übrigens seit Jahren auf Chinas Käuferschicht, und werden dabei immer mehr Teil des „inneren Kreislaufs“: „Deutsche“ Autos werden längst vollständig in China entwickelt, entworfen, gebaut und verkauft. Im ersten Halbjahr 2020 macht Volkswagen 42 Prozent seines Umsatzes in China, bei BMW waren es 34 Prozent und bei Adidas 24 Prozent. Das mag auf dem Papier manche Unternehmen durch die Krise ziehen – tatsächlich aber ist man längst abhängig von Peking geworden.

 


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