Kolumne China sorgt für wachsende Ängste in deutschen Konzernen

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Einerseits brauchen die deutschen Unternehmen den chinesischen Absatzmarkt in der Corona-Krise mehr denn je. Aber andererseits wachsen auch die Sorgen über die Politik in China

Der lange geplante EU-China-Gipfel in Leipzig findet vorerst nicht statt , der Termin am 14. September fällt aus. Die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass ein solches Treffen nicht stattfinden kann. Aber politisch passt der Gipfel auch nicht in die Zeit. In der Vergangenheit konnte sich die Europäer bei solchen Gelegenheiten auf viele unverbindliche Nettigkeiten beschränken – und nur ein wenig vorsichtige Kritik anbringen. Das geht jetzt nicht mehr. Zu viele Probleme belasten die Beziehungen. Huawei und Hongkong, Chinas imperialistisches Projekt einer „neuen Seidenstraße“, die wachsenden Drohungen aus Peking und das propagandistische Dauerfeuer in der Corona-Krise machen ein Weiter-so-wie-bisher unmöglich, wenn sich Europa nicht vollständig selbst vergessen will.

Hinzu kommt: Ein Gipfel der Nettigkeiten zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen in den USA wäre auch das falsche Signal für die transatlantischen Beziehungen. Denn in den Vereinigten Staaten wächst der Unmut über das Verhalten Chinas mit jeder Woche – und zwar quer durch die beiden großen Parteien. Es ist also gut, wenn sich die EU etwas Zeit nimmt, über eine neue Strategie nachzudenken.

Nicht nur die Bundesregierung hängt mit ihrer bisherigen China-Politik in einer merkwürdigen Schwebe, auch die Konzerne müssen ihre bisherigen Strategien nachjustieren. Auf der einen Seite brauchen die deutschen Unternehmen den chinesischen Markt mehr denn je, um aus der Corona-Krise herauszukommen. Auf der anderen Seite wachsen die Sorgen über die immer aggressivere Politik des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping. China verlangt von ausländischen Unternehmen immer vehementer auch politisches Wohlverhalten – beispielsweise in Sachen Hongkong. Mit den Prinzipien eines freien Welthandels ist das nicht vereinbar.

China ist keine zweite Sowjetunion

In den USA halten viele Politiker, auch in der Demokratischen Partei, inzwischen einen zweiten kalten Krieg gegen China für unvermeidlich. Doch diese Analogie führt nicht weiter. Gegen die wirtschaftlich schwache Sowjetunion konnte der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu ihrem Untergang 1990 auf eine Strategie der politischen und auch wirtschaftlichen Eindämmung setzen. Der Technologie-Boykott funktionierte. Gegen China wäre ein solches Vorgehen dumm und letzten Endes zum Scheitern verurteilt. Das wirtschaftliche Gewicht des Landes ist viel zu hoch, um einem Rückzug westlicher Unternehmen das Wort zu reden.

Was der Westen stattdessen braucht, ist eine kluge Entkopplungsstrategie. Bisher gibt es sie nicht. Allenfalls erste Elemente zeichnen sich ab – beispielsweise der Verzicht auf chinesische Technologien in allen Hoch-Risiko-Bereichen (Stichwort Huawei) oder auch die Forderung nach einer strikten Gleichbehandlung aller Unternehmen in China.

Die deutschen Konzerne verfolgen bereits jetzt unterschiedliche Strategieansätze in China. Dieser Trend dürfte sich in den nächsten Jahren verstärken. Einige Konzerne, vor allem in der Autobranche, setzen ungebrochen auf stetiges Wachstum in China und nehmen die damit einher gehende Abhängigkeit bewusst in Kauf. Andere Unternehmen – zum Beispiel in der Chipindustrie oder im Maschinenbau – engagieren sich in China nur noch mit wachsender Vorsicht. Was auf jeden Fall notwendig erscheint, ist eine tiefere Debatte in der deutschen Wirtschaft, wie man weiter mit einem Partner umgehen soll, der sich schlussendlich keinen westlichen Normen beugt.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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