BundestagswahlUnion und SPD rangeln um Führungsanspruch

Berliner Runde am Wahlsonntagdpa

Nach der Bundestagswahl stehen die Parteien vor einer schwierigen Regierungsbildung – wobei völlig offen ist, wer das Land künftig als Bundeskanzler führen wird. Nach den ersten Hochrechnungen erhoben sowohl CDU-Chef Armin Laschet als auch SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz Anspruch auf das Bundeskanzleramt. „Wir werden alles daran setzen, eine Bundesregierung unter Führung der Union zu bilden“, sagte Laschet im Konrad-Adenauer-Haus. Deutschland brauche jetzt „eine Zukunftskoalition, die unser Land modernisiert“. Dafür werde er ab jetzt zusammen mit CSU-Chef Markus Söder arbeiten. Söder sagte, das Land brauche eine Koalition, die „Modernität und Stabilität“ verbinde.

Wenige Minuten später machte Scholz deutlich, dass er den Auftrag für die Regierungsbildung bei der SPD sieht. Viele Wählerinnen und Wähler hätten deutlich gemacht, dass sie einen „Wechsel in der Regierung“ wollten, sagte Scholz. Die Wähler hätten die SPD wegen ihrer Themen wie Gerechtigkeit und Klimaschutz gewählt. „Und auch weil sie wollen, dass der nächste Kanzler dieser Republik Olaf Scholz heißt.“

Zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich bereits ein enges Rennen zwischen Union und SPD um den Platz als stärkste Fraktion im neuen Bundestag ab. Nach den ersten Zahlen des ZDF lagen die Sozialdemokraten vorne, die ARD wies ein Patt aus. Im weiteren Verlauf des Abends verringerte sich auch im ZDF der Abstand: Nach der Hochrechnung um 19.30 Uhr lag die SPD nur noch 1,1 Prozentpunkte vor der Union. Auch die ARD sah den Abstand in ihrer Hochrechnung um 19.59 Uhr ähnlich: Hier lag die SPD bei 25,5 Prozent, die Union bei 24,5.

Grüne und FDP legen sich nicht fest

Die Grünen pendelten sich in den Hochrechnungen bei 14 Prozent ein. Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock räumte ein, ihr Wahlziel verfehlt zu haben. „Wir wollten mehr. Das haben wir nicht erreicht, auch aufgrund eigener Fehler zu Beginn des Wahlkampfs in der Kampagne – eigener Fehler von mir“, sagte sie. Deutschland brauche einen Aufbruch und eine „Klimaregierung“, sagte Baerbock. Weder die Spitzenkandidatin noch Co-Parteichef Robert Habeck äußerten am Wahlabend eine Präferenz, welche Dreierkoalition sie bevorzugen. Ein Bündnis mit SPD und der FDP „kann gelingen, schließt aber Jamaika-Gespräche aber auch nicht aus“, sagte Habeck in der ARD.

Als viertstärkste Kraft kam die FDP in den Hochrechnungen von ARD und ZDF übereinstimmend auf knapp zwölf Prozent. Das Wahlergebnis sei „nicht einfach zu lesen“, sagte Parteichef Christian Lindner in der Runde der Spitzenkandidaten in der ARD. „Die FDP war und ist bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagte er. „Der Parteichef verwies darauf, dass die Liberalen in den Bundesländern in verschiedenen Koalitionen mitregiere – sowohl mit der Union als auch mit der SPD. Lindner machte klar, dass die FDP zunächst mit den Grünen sprechen wolle, um die weiteren Schritte für die anstehenden Sondierungen abzustimmen – und nicht mit den Parteien der bisherigen Großen Koalition.

Auch nach 20 Uhr war noch unklar, ob die Linke in Fraktionsstärke im nächsten Bundestag vertreten sein wird. Sowohl die ARD als auch das ZDF sahen die Linke bei fünf Prozent. Die AfD lag in den Hochrechnungen beider Sender bei knapp elf Prozent.