KommentarBeim Brexit kommt der schwierigste Teil noch

Die britische Premierministerin May und EU-Kommissionschef verkündeten am Freitagmorgen den Durchbruch
Die britische Premierministerin May und EU-Kommissionschef verkündeten am Freitagmorgen den DurchbruchGetty Images

Nach sechsmonatigen Gesprächen klärt das am Freitag abgeschlossene Abkommen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union einige heikle Punkte, die zum größten Teil zu den Bedingungen der EU für die Trennung gehören. Das Vereinigte Königreich wird seinen erheblichen finanziellen Verpflichtungen gegenüber der EU nachkommen, und beide Seiten haben sich darauf geeinigt, die Rechte der Bürgerinnen und der Bürger der jeweils anderen Seite zu respektieren. Ein Kompromiss über die Zukunft der Grenze zwischen Irland und Nordirland – eine der schwierigsten Brexit-Fragen – wurde verschoben.

Jetzt beginnen die Verhandlungen über noch wichtigere Fragen im Zusammenhang mit den künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU. Hier sind die Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte nach wie vor schwer abzuschätzen.

Das Scheitern eines Abkommens wäre natürlich die schlechtere Nachricht für die Märkte gewesen. Das Pfund, das wichtigste Brexit-Barometer, gewann Anfang der Woche in Erwartung eines Deals und hat nun in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar um neun Prozent zugelegt. Auch die Renditen für britische Staatsanleihen stiegen am Freitag, weil die Gefahr eines Abbruchs der Gespräche und eines Schocks für die Wirtschaft gesunken sind.

Risiko eines harten Brexits ist kleiner geworden

Die Vereinbarung vom Freitag sollte für beide Seiten den Weg frei machen, um ein so genanntes Übergangsabkommen auszuhandeln. Das schafft Zeit für Gespräche über die künftigen Handelsbeziehungen und verringert das Risiko eines harten Brexits im März 2019.

Die Verunsicherung wegen der Brexit-Verhandlungen belastet die britische Wirtschaft, an der das starke globale Wachstum in diesem Jahr vorbeigegangen ist. Ein größeres Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher in die Brexit-Konditionen könnte dazu führen, dass Großbritannien stärker vom Aufschwung bei seinen größten Handelspartnern profitiert. Doch die Antworten auf die großen Fragen, insbesondere zum Status Londons als Finanzdrehscheibe, sind nach wie vor ungeklärt.

Letztendlich muss sich die Briten entscheiden, was sie für die Zukunft wollen: Eine enge Bindung an die EU schränkt ihre Möglichkeiten ein, Handelsabkommen mit anderen Ländern abzuschließen. Der Präsident des Europäischen Rates Donald Tusk schlug am Freitag vor, dass sich Großbritannien für eine Übergangszeit an die EU-Regeln halten müsse, ohne diese Regeln beeinflussen zu können. Wenn das der ultimative Endpunkt für Großbritannien außerhalb der EU sein sollte, dann befindet sich das Land in einer Lage, die wahrscheinlich weder denen gefallen wird, die für den Brexit gestimmt haben, noch den Gegnern eines EU-Austritts. Auch die irische Grenzfrage ist noch lange nicht gelöst; sie wird wahrscheinlich als Schlüsselfrage bei den Brexit-Bedingungen wieder auftauchen.

Die harten Entscheidungen liegen also noch vor uns. So ist es vielleicht angebracht, dass das Pfund, das knapp unter 1,35 Dollar und 1,15 Euro gehandelt wird. Es liegt in etwa dort, wo es unmittelbar nach der Abstimmung im Juni 2016 lag: Es gibt Fortschritte, aber nicht so große Fortschritte. Es ist noch ein weiter Weg bis zum Brexit.

Copyright The Wall Street Journal 2017