KommentarAb Montag fahren alle Tesla!

In der aktuellen „Fortune 500“-Liste gibt es auf den vorderen Hundert Plätzen nur wenige deutsche Konzerne; die USA und China balgen sich hier um Größe, Wal Mart und Apple gegen State Grid und China National Petroleum. Ab und zu klemmt sich ein Japaner oder Koreaner dazwischen. Wer deutsche Größe sucht, stößt aber, abgesehen von der Allianz und Siemens, am ehesten auf Autobauer.

Auf Platz 6 der größten Unternehmen der Welt steht Volkswagen mit 240 Mrd. Dollar Umsatz, knapp 6 Mrd. Dollar Gewinn und 626.715 Mitarbeitern. Auf Platz 17 folgt Daimler mit 169 Mrd. Umsatz, 9,4 Mrd. Dollar Gewinn und 282.488 Mitarbeitern. Und auf Platz 52 schließlich findet sich BMW mit 104 Mrd. Dollar Umsatz, 7,6 Mrd. Dollar Gewinn und 124.729 Mitarbeitern. Alles in allem bringen es die drei großen deutschen Autobauer also auf 513 Mrd. Dollar Umsatz, 23 Mrd. Dollar Gewinn und 1.033.032 Mitarbeiter.

Jahreswerte sind eine Momentaufnahme, und Größe allein ist keine Größe – das weiß jeder Betriebswirt, aber auch jeder Laie, der die Implosionen und Untergänge großer Unternehmen kennt, sei es Lehman Brothers, Enron, Mannesmann, Nokia oder Arcandor. Ja, der Friedhof der Wirtschaft ist sogar gesät von Gräbern der Größe und des Größenwahns. Umsatz sagt nichts Eindeutiges über Zukunft aus. Und auch nicht immer über Erfolg.

Dieselgipfel als Massenpanik

Die Größe aber zeigt uns, was auf dem Spiel steht; sie offenbart die Dimension und Bedeutung einer Branche, deren Untergang für nicht wenige Stimmen dieser Tage ausgemachte Sache scheint. Was natürlich apokalyptischer Quark ist. Man denkt da sofort an Mark Twain: „Der Bericht über meinen Tod wurde stark übertrieben.“ Und in der Tat: Wer hämisch ruft, dass die arroganten und betrügerischen Autobauer bald weg vom Fenster sind, weil wir eh alle in fünf Jahren Tesla fahren, sollte sich zwei Mal überlegen, was er sagt – ob die Prognose stimmt, und was es für Deutschland und seinen Wohlstand insgesamt bedeuten würde. Warum das Hurra-Gebrüll?

Es geht oft nämlich gar nicht um Zukunft, sondern um Interessen – und die Interessen werden durchgesetzt, im Namen der Rettung der Welt, und wenn dabei eine Industrie draufgeht, dann gern auch unter lautem Applaus. Bei den Energiekonzernen haben wir es vorgemacht.

Die Diskussion rund um den „Dieselgipfel“ erinnert an eine Massenpanik, bei der zusätzlich ein Wettbewerb ausgerufen wurde, wer am lautesten schreien kann. Ein Land ganz im Fukushima-Fieber, das nun am liebsten nach seiner verkorksten Energiewende mit der Brechstange eine „Verkehrswende“ einleiten will. Am besten mit ultraehrgeizigen Quoten und Daten, die niemand einhalten kann – und die wider der ökonomischen und oft auch ökologischen Vernunft durchgezogen werden. Hauptsache Zukunft. Das magische Viereck heißt in Deutschland: Ökologie, Energie, Ideologie, Hysterie. Sobald jemand in Deutschland wenden will, kriege ich es inzwischen mit der Angst zu tun.

McPomm wird zwangsgeräumt

Bei der Energiewende wissen wir schon heute, dass wir die Ausbauziele nicht erreichen; dass wir gar nicht genug Windräder aufstellen können, außer wir lassen McPomm und Schleswig-Holstein zwangsräumen; dass wir Gaskraftwerke aus dem Markt gefegt haben und Braunkohle eine Bombenzeit hinter sich und vor sich hat. Wir wissen, dass wir nicht ausreichend Speicherkapazitäten und zu viel billigen Ökostrom haben, den wir gar nicht mehr wegtransportiert bekommen. Wer sich in die Studien und Daten zur Energiewende eingräbt, stößt auf ein Wust an Widersprüchen – der aber, um das große, gute Ziel als solches nicht zu gefährden, verdrängt und bestritten wird.

Bei einzelnen Menschen spricht man dann von Lebenslügen; und die Energiewende ist eine kollektive Lebenslüge. Was uns nicht abhält, sich nun in eine Verkehrswende zu stürzen. „Die Verkehrswende muss jetzt kommen“, triumphierte schon Grünen-Chef Cem Özdemir. Die Autobranche sei in einer Krise wie die Energiepolitik nach Fukushima. Was er nicht sagte: Dass das eigentliche Problem jene Politik ist, die panisch nach Fukushima beschlossen wurde.

Bisher geht es nur um Software-Updates, um Nachrüstungen für Diesel-Motoren, um Kaufprämien und Zuschüsse. Alles okay. Aber Grüne, Lobbyisten und Verbände stehen bereit: Sie wollen die Auto- und Verkehrswende – und wenn die Hersteller und Verbraucher nicht spuren, muss man sie zu ihrer Zukunft eben zwingen.

Man müsste also den Autoherstellern geradezu dankbar sein, dass sie derzeit eh alle Betrüger sind. Wäre der i3 oder i8 von BMW ein Kassenschlager geworden, hätte das ja der Markt geregelt – und da der in Regel auch böse ist, muss man die Zukunft durch Quoten gestalten.

Die verdrängte Aufrüstung

Die Autohersteller müssen sich ändern, das ist unbestritten – und in dieser Branche hat zu lange die Größe und der Größenwahn regiert; in manchen Zentralen auch die Angst. Wer etwas verändern wollte, wurde oft kalt gestellt und vom Apparat ausgespien. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es gab ja ehrgeizige und visionäre Projekte wie den i3 und i8, die BMW geprägt und verändert haben – die sich am Markt aber nicht durchgesetzt haben. Es gab auch mal so etwas wie das Drei- oder gar Ein-Liter-Auto. Der Verbraucher, also wir, wollten in den vergangenen zehn Jahren aber etwas anderes – wir wollten große und schnelle Autos, wir wollten Standheizungen, Klimaanlagen und Panoramadächer, wir wollten mehr PS und schicke SUVs, in denen auch bei drei Sitzreihen noch viel Platz im Kofferraum ist.

Die durchschnittliche Pkw-Motorleistung ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Wir haben bei den Autos so hochgerüstet wie beim Weber-Grill zuhause auf der Terrasse, wo man sich auch fragen könnte, ob man für ein paar Steaks zwei Quadratmeter Rost erhitzen muss. Das Ganze nennt sich Lifestyle. Deshalb schmeißen wir in Deutschland auch, während wir den Planeten retten wollen, jede Stunde 320.000 Pappbecher weg, aus denen wir Kaffeekreationen mit komischen Namen trinken. Das sind drei Milliarden im Jahr.

Ich kritisiere das nicht, jeder soll so viel Double Flat Whites oder Cascara Coconutmilk Lattes trinken, wie er will. Bloß sollte es in ferner Zukunft mal einen Coffee-to-Go-Skandal geben, sollte man nicht nur auf die Industrie schimpfen.

Diese Analogien klingen jetzt sehr weit weg vom Diesel, vom Feinstaub und Fahrverboten. Sie zeigen uns allerdings, dass wir bei der Lösung solcher Probleme nicht immer alles auf böse Mächte schieben können, deren Teufelswerk man nur verbieten muss. Massentierhaltung gibt es auch nicht, weil Bauern Tiere quälen wollen, sondern weil viele für 3 Euro jeden Tag Fleisch essen wollen.

Viel wichtiger aber erscheint mir, wie wir die Mobilität der Zukunft tatsächlich ganz ohne Ideologie und Hysterie gestalten. Nach der Energiewende setzen wir schließlich an einem zweiten neuralgischen Punkt einer Volkswirtschaft an. Eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft braucht Verkehr, sie braucht Mobilität. Schon bei der Energie fahren wir seit Jahren einen ziemlich heißen Reifen. Wenn wir jetzt das Land mit Fahrverboten, Verkehrszonen, Quoten und Umstiegsprämien überziehen, dürfte das Wort Fahrvergnügen endgültig nur noch in den USA bekannt sein.

Eine dritte Versorgungsader einer Volkswirtschaft neben Energie und Mobilität ist die Kommunikation. Ich hoffe, dass wir niemals eine Kommunikationswende bekommen.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: