KommentarLust an der Auto-kalypse

Schwerer Stand: Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW) und Matthias Müller (VW) sind in der Defensive
Schwerer Stand: Dieter Zetsche (Daimler), Harald Krüger (BMW) und Matthias Müller (VW) sind in der Defensive
© Getty Images

Sind die Autohersteller die neuen Banken? Erleben BMW, Daimler und VW ihren Lehman-Moment? Manche haben den Eindruck oder wollen ihn gar erwecken und herbeireden, doch es ist ziemlicher Quatsch. Auch wenn ein Zulassungsverbot für Porsche Cayennes in seiner Symbolik mitten ins deutsche Herz trifft.

Lehman steht für eine Krise systemischen und globalen Ausmaßes, für Gier und Größenwahn, für eine Innovationsfabrik toxischer Papiere, die Millionen Menschen in Mitleidenschaft zog. Trotz des Betrugs fehlt der Skandalreihe, die die Autoindustrie erfasst hat, diese Dimension – denn geschadet hat sie vor allem erst mal sich selbst, den Mitarbeitern und Aktionären. Ob sie dem Kunden geschadet hat – nun, auch schon dahinter kann man ein kleines Fragezeichen machen.

Denn wenn Grenzwerte einen Teil einer Generation von deutschen Ingenieuren zu Betrügern machte, muss man die ketzerische Frage stellen: Waren diese Grenzwerte nicht auch ein gutes Stück Selbstbetrug? Haben wir realistische und kluge Ziele? Und warum ist ausgerechnet im Verkehr der CO2-Austoß seit 1990 stark gestiegen? Na ja, schauen Sie mal morgens auf die SUV-Armee vor deutsche Schulen. Und haben Sie nicht auch inzwischen auf Autobahnen das Gefühl, dass Sie mit 160 km/h eher langsam fahren und den Verkehr behindern?

Alles wird apokalyptisch durcheinandergeworfen

Klar, das ist keine Entschuldigung für Betrugssoftware. Ein zweites Problem ist allerdings, dass sich mehrere Skandale und Probleme überlagern, ja sich verkeilen wie nach einer Massenkarambolage und deshalb alle durcheinanderschreien: „Dieselgate“, drohende Fahrverbote durch Feinstaub, eifrig herbeigeklagt von zweifelhaften Lobbyorganisationen wie der Deutschen Umwelthilfe, Kartellvorwürfe und zukunftsschreiende Headlines für Verbrennungsmotor-Verbote – hier vermischen sich reales Managementversagen, Verbandsklagenwahn, Verschwörungstheorien und normale disruptive Herausforderungen. Alles wird apokalyptisch durcheinandergeworfen, zumal es seit einigen Monaten in Deutschland 80 Millionen Autoexperten gibt. Fast lustvoll begleiten so manche kreischend den unvermeidlichen Untergang der deutschen Autoindustrie.

Vielleicht geht’s auch eine Nummer kleiner. Zeit zum Innehalten: Was erleben wir? Die deutschen Autohersteller, bis vor kurzem noch in der ganzen Welt bewundert, stehen vor einem Berg Probleme, ja. Sie haben an vielen Stellen ein Führungsproblem, eine kollektive Verteufelung aber ist übertrieben. Die Produkte von BMW, Daimler und Co. werden nicht verschwinden wie Derivate in einer Bad Bank (oder werden jetzt alle Dacia und Chevrolet fahren?); im Übrigen sollten die eilfertigen Klagewellen aus den USA zu Denken geben. Auch die vorschnelle Beerdigung des Diesels sollte man sich zwei Mal überlegen. Es wird auf einen Mix an Technologien ankommen.

Zudem: Die E-Auto-Debatte ist elitär und abgehoben, wir werden nicht alle in zehn Jahren E-Autos fahren. Das Schlimmste, was den Deutschen nun passieren kann, ist, dass es Teil des Wahlkampfes wird. Das deutsche Auto ist zu politisch geworden.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: