Kolumne Aufsichtsratschef verzweifelt gesucht

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die Commerzbank sucht hektisch nach einem neuen Aufsichtsratschef. Nicht nur dort zeigt sich, wie schwierig es ist, den richtigen Mann zu finden. Oder die richtige Frau

Als Hans-Jörg Vetter zur Commerzbank kam und sich tief in die Strategiediskussion des glücklosen Kreditinstituts einmischte, hörte man viel Kritik an dem neuen Chef des Aufsichtsrats. Sein plötzlicher Rücktritt in der letzten Woche aber macht klar: Der ehemalige Stuttgarter Landesbanker war genau der richtige Mann zur richtigen Zeit. Nun sucht die Bank hektisch nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin an der Spitze des Aufsichtsrats, doch die ersten Namen überzeugen durchaus nicht jeden. Alles ehrbare Kandidaten mit genügender Erfahrung, kein Zweifel. Aber wer von ihnen bringt die Energie mit, den alten Trott in der Commerzbank auszukehren, und zugleich das diplomatische Geschick, den Großaktionär Bundesrepublik weiter bei der Stange zu halten?

Um den Aufsichtsrat eines Kreditinstituts zu lenken, bedarf es ganz besonderer Fähigkeiten. Viele gestandene Manager aus der Industrie lehnen es ab, sich in das Abenteuer eines Bankmandats zu stürzen, weil sie die komplizierten Zahlenwerke und regulatorischen Auflagen fürchten. Allein deshalb ist ein vielfach gescheiterter Mann wie Paul Achleitner bei der Deutschen Bank immer noch im Amt: Es fand sich schlicht kein geeigneter Nachfolger für ihn. Aufsichtsratschef verzweifelt gesucht – diese Überschrift könnte man aber auch in der Industrie wählen.

Beispiel Daimler: Eigentlich sollte der frühere Vorstandschef Dieter Zetsche nach der vorgeschriebenen „Abkühlung“ als Oberaufseher antreten. Als sich der schöne Plan zerschlug, verfiel man in Stuttgart auf den 73-jährigen Automann Bernd Pischetsrieder, der nun Ende März das neue Amt antritt. Oder SAP: Dort will der 77-jährige Hasso Plattner „noch ein paar Jährchen weiter machen“. Dabei waltet der Mitbegründer des Softwarekonzerns nun schon seit 17 Jahren an der Spitze des Aufsichtsrats.

Ein guter Aufsichtsratschef kann teuer sein

Die Unternehmensskandale der letzten Jahre (Stichwort Wirecard) zeigen, welch großen Schaden die reinen Amtsverwalter und Häkchenmacher anrichten können. Oder umgekehrt gesagt: Wie wichtige agile und kompetente Aufsichtsräte für einen Konzern sind. Gibt es davon tatsächlich viel zu wenige? Ja und nein. Auf der einen Seite reden wir in Deutschland seit vielen Jahren weitgehend folgenlos über die Notwendigkeit, die Suche nach geeigneten Kandidaten zu professionalisieren. Auch schrecken viele Konzerne aus Angst vor der Öffentlichkeit und den Medien davor zurück, Aufsichtsräte nach Angebot und Nachfrage leistungsgerecht zu bezahlen. Im Falle von Banken heißt das: Um gute Leute mit internationaler Erfahrung für die Oberaufsicht zu finden, müsste man möglicherweise ein paar Millionen Euro für den Chairman in die Hand nehmen wie in den USA. Sonst landet man bei mittelprächtig geeigneten Pensionären, die sich ein Zubrot verdienen möchten.

Aber selbst dann, wenn alle notwendigen Rahmenbedingungen stimmen, kommt für viele Unternehmen nur ein relativ kleiner Kreis von Personen in Frage. Man müsste einige Tabus brechen, um die Auswahl zu erweitern. Zum Beispiel auch Männer und Frauen als Aufsichtsratschef zu bestellen, die nicht fließend Deutsch sprechen. Im angelsächsischen Talentteich tummeln sich nun einmal deutlich mehr erfahrene Konzernmanager als in unserem.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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