KonjunkturAufschwung nach Corona: Aufgeschoben, nicht aufgehoben

Lieferengpässe bremsen den AufschwungIMAGO / Hanno Bode

Eigentlich sollte dieses Jahr der große Boom kommen. Konjunkturforscher der großen Wirtschaftsforschungsinstitute hatten noch im Frühjahr Wachstumsraten von bis zu vier Prozent prognostiziert. Doch jetzt zeigt sich: Hochmut kommt vor dem Fall. In den vergangenen Wochen revidierten nahezu alle Ökonomen ihre Prognosen.

Die Ökonomen des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung (IfW) schätzen mittlerweile, dass das BIP dieses Jahr nur um 2,6 Prozent steigen wird, statt wie zuvor erwartet um 3,9 Prozent. Am Ifo-Institut erwartet man 2,5 Prozent Wirtschaftswachstum statt 3,7 Prozent im Frühjahr. Die Konjunkturforscher des Berliner DIW erwarten sogar nur noch 2,1 Prozent Wachstum. Der Grund: Alle hatten ihre Rechnung im Frühjahr ohne die anhaltenden Lieferengpässe gemacht.

„Der Flaschenhals auf der Beschaffungsseite wird immer enger. Es sind viele Aufträge da, Unternehmen können diese gegenwärtig aber nicht produzieren“, sagt der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe. Waren es Anfang des Jahres vor allem die Bauunternehmen, die weder Holz noch Stahlträger bekamen, und Autobauer, die wegen Chipmangels ihre Produktion stoppen mussten, so zieht sich das Problem mittlerweile durch alle Branchen. Auch im Maschinenbau, in der Möbelindustrie und der Chemieindustrie fehlt Material.

Engpässe lassen Preise steigen

Das hat gravierende Auswirkungen auf die Konjunkturentwicklung. Denn eigentlich galt die starke deutsche Industrie zu Beginn des Jahres als Garant für den Aufschwung. Als Restaurants, Einzelhändler und Hotels noch geschlossen waren, lief die Industrieproduktion vielerorts schon auf Hochtouren. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet. Die Pizzen landen auf den Tellern der Hotelgäste, während viele Autos halbfertig im Werk stehen bleiben.

Die Lieferengpässen entstehen vor allem, weil ein Großteil der Welt einen Aufschwung nach der Krise erlebt. Die Nachfrage nach vielen Gütern ist höher als vor der Pandemie, dabei wurde vielerorts weniger produziert. Lokale Corona-Ausbrüche wie im weltgrößten Hafen im chinesischen Ningbo-Zhoushan stören dazu den Schiffsverkehr und bremsen damit den Nachschub mit wichtigen Vorprodukten aus.

Für Unternehmen sind die Preise vieler Vorprodukte daher schon gestiegen. Laut der letzten Ifo-Umfrage wollen immer mehr von ihnen die Preise nun auch an ihre Kunden weitergeben, nachdem sie lange Zeit trotz der gestiegenen Preise für Vorprodukte davon abgesehen hatten.

„Je länger und stärker die Preise für Vorprodukte steigern, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Konsumgüterhersteller die Preise auf Verbraucher überwälzen werden“, sagte Timo Wollmershäuser, Leiter der der Konjunkturabteilung des Ifo-Instituts, bei der Vorstellung der Konjunkturprognose Ende September. „Was derzeit die Inflation dämpft, sind die Tarifverhandlungen, die wir beobachten“, ergänzte er aber.

Dort sind auf breiter Front noch keine wesentlich höheren Löhne zu beobachten. Erst wenn sich die Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt, kann sich die Inflation verfestigen. Die Unternehmen würden dann auf steigende Löhne mit höheren Produktpreisen reagieren, die Angestellte wiederum zu höheren Lohnforderungen treiben.

Gaspreise belasten Wirtschaft nur vorübergehend

Neben den Lieferengpässen setzen derzeit auch die stark gestiegenen Energiepreise Haushalten und Unternehmen zu. Die Erdgaspreise haben sich seit Jahresbeginn sogar verfünffacht. Hielten die hohen Preise länger an, könnte das die Kaufkraft der Haushalte senken und die Konjunkturaussichten dämpfen. Die Haushalte sind allerdings im Schnitt mit hohen Ersparnissen aus der Krise gekommen. Sparen und somit den Aufschwung ausbremsen müssen sie also nicht.

Die Gaspreise treffen aber ebenso produzierende Unternehmen. Laut einem Bericht des MDR sind einige Chemieunternehmen nicht mehr in der Lage, ökonomisch sinnvoll zu produzieren. Je nachdem wie lange die hohen Preise anhalten, könnten sie also beschließen ihre Produktion zurückzufahren. Der Ökonom Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft entwarnt. „Die krasse Spitze bei den Erdgaspreisen, die wir jetzt sehen, dürfte sich wieder abbauen“, sagt Kooths. Damit sinkt auch der Druck auf Unternehmen.

Bis sich aber die Lieferengpässe legen, werden nach Schätzung von Experten noch Monate vergehen. Erst dann wird sich zeigen, wie stark sie die Unternehmen belastet haben, und ob sich die ganze aufgeschobene Produktion nachholen lässt. Die Konjunkturforscher waren da zuletzt verhalten optimistisch. Für das kommende Jahr erwarteten die Ökonomen des Ifo-Instituts ein Wirtschaftswachstum von 5,1 Prozent statt der 4,3 Prozent, die sie im Sommer prognostizierten. Der Boom könnte also nach wie vor kommen, nur später als gedacht.

 


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