Russischer Angriff Die Rohstoffversorgung Europas ist bedroht

Ein Frachtkran und Getreidesilos im Hafen von Odessa
Ein Frachtkran und Getreidesilos im Hafen von Odessa
© IMAGO / agefotostock
Die Ukraine ist ein wichtiger Lieferant von Getreide und Metallen – und Transitland für russisches Gas. Es wächst die Sorge, dass der Krieg den Export wichtiger Rohstoffe unterbindet

Während die russischen Streitkräfte Ziele in der gesamten Ukraine angreifen, haben Rohstoffhändler vor allem die Infrastruktur des Landes im Blick. Die Ukraine ist für die Lieferung von Gas, Getreide und Stahl nach Europa und in die ganze Welt von zentraler Bedeutung. Die Sorge um die Sicherheit dieser Versorgungsströme wächst.

Die Märkte reagierten heftig auf den russischen Angriff in der Nacht. Die Preise für Öl, Getreide, Metalle und Energie stiegen sprunghaft an. Der Westen kündigte weitere Sanktionen an. In der Region Donezk befindet sich ein Hafen, über den Getreide und Metalle verschifft werden, sowie große Stahlwerke. Weiter von der russischen Grenze entfernt gibt es außerdem wichtige Terminals, über die der weltweite Rohstoffhandel läuft.

Riesige Mengen an Gas werden von Russland durch die Ukraine in die Europäische Union geleitet. Jede Unterbrechung birgt das Risiko von Versorgungsengpässen in Europa, und da die Rohstoffpreise bereits Rekordhöhen erreicht haben, wird ein Krieg in der Ukraine den Inflationsdruck in der gesamten Weltwirtschaft verstärken. Die wichtigsten Rohstoffinfrastrukturen der Ukraine im Überblick:

Energie: Gas und Öl

Die Ukraine verfügt über ein umfangreiches Gastransportnetz, das während der Sowjetära etabliert wurde, um den Brennstoff von riesigen sibirischen Gasfeldern nach Europa zu transportieren. Russland hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Milliarden von Dollar für den Bau neuer Verbindungen unter Umgehung des Nachbarlandes ausgegeben, aber die Ukraine bleibt ein Dreh- und Angelpunkt für die Energiesicherheit Europas.

Gas-Pipelines, die durch die Ukraine führen
Gas-Pipelines, die durch die Ukraine führen

Das Gas gelangt über die Kompressorstationen in Sudzha und Sokhranovka in die Ukraine, die nur wenige Stunden von den ostukrainischen Separatistengebieten entfernt an der Grenze zwischen den beiden Ländern liegen. Anschließend fließt es durch Pipelines quer durch die Ukraine und weiter nach Europa, unter anderem durch die Slowakei.

Während normalerweise etwa ein Drittel der russischen Gaslieferungen nach Europa durch die Ukraine fließen, liegt der Anteil derzeit bei etwa 20 Prozent. Der ukrainische Gasnetzbetreiber erklärte, dass seine Anlagen „reibungslos“ funktionierten und das Unternehmen heute Morgen alle Transportverpflichtungen erfüllt habe.

Über Pipelines, die die Ukraine durchqueren, wird auch etwas russisches Öl nach Europa transportiert. Im Elektrizitätssektor betreibt der größte private Stromversorger der Ukraine, DTEK, einige Kraftwerke in den von der Ukraine kontrollierten Teilen der Regionen Donezk und Luhansk.

Lebensmittel: Mais, Weizen, Sonnenblumen

Reichhaltige, fruchtbare Böden haben die Ukraine zum einem führenden Getreideeexporteur gemacht. Die Schwarzmeerregion gilt als Kornkammer der Welt. Nach Angaben der US-Regierung wird Mais vor allem in der Mitte und im Norden des Landes angebaut, Weizen und Gerste im Süden und Sonnenblumen im Osten. Sie werden mit Lastwagen, auf Schienen und per Schiff zu den Häfen transportiert und nach Asien, Afrika und in die Europäische Union verkauft.

Die Häfen befinden sich entlang des Asowschen Meeres – das durch eine Meerenge zwischen Russland und der 2014 von Russland annektierten Krim mit dem Schwarzen Meer verbunden ist – und an der Schwarzmeerküste weiter westlich. Die südwestlichen Häfen von Odessa, Pivdennyi, Mykolayiv und Chornomorsk wickeln fast 80 Prozent der ukrainischen Getreideexporte ab, so das Forschungsunternehmen UkrAgroConsult.

Die wichtigsten Häfen für Getreideexporte aus der Ukraine
Die wichtigsten Häfen für Getreideexporte aus der Ukraine

Etwa fünf Prozent werden über die Asow-Häfen Mariupol, das in dem von Kiew kontrollierten Teil der Region Donezk liegt, und Berdjansk abgewickelt. Das Asowsche Meer wird von Russland und der Ukraine gemeinsam genutzt.

Die Schifffahrt auf dem Asowschen Meer wurde ausgesetzt, berichtete die Nachrichtenagentur Tass am Donnerstag unter Berufung auf die russische Föderale Agentur für Fluss- und Seeverkehr. Die Häfen am Schwarzen Meer seien weiterhin wie gewohnt in Betrieb, hieß es.

Stahl und Eisen

Der Stahl des Landes macht etwa ein Zehntel der europäischen Importe aus, so dass jede Unterbrechung der Stahlwerke oder der Lieferungen den ohnehin schon angespannten Markt auf dem Kontinent weiter verschärfen und dazu beitragen würde, die Preise hoch zu halten. Schon im vergangenen Jahr hatten sie einen Rekord erreicht.

Zu den wichtigsten Herstellern in der Ukraine gehört Metinvest, das über Anlagen im industriellen Kernland des Landes im Osten verfügt, darunter Standorte am Fluss Dnjepr und zwei große Werke in Mariupol. Das Unternehmen verlor mehrere Anlagen in den Regionen Donezk und Luhansk, als ein Teil der Provinzen von den von Russland unterstützten Separatisten eingenommen wurde.

Standorte der wichtigsten Stahlhütten
Standorte der wichtigsten Stahlhütten

Das europäische Schwergewicht ArcelorMittal besitzt das größte ukrainische Werk in der zentralen Stadt Kryvyi Rih. Ferrexpo ist der weltweit drittgrößte Hersteller von Eisenerzpellets – ein hochwertiges Produkt, das bei der Stahlherstellung verwendet wird; die Firma hat alle ihre Betriebe in der Ukraine, etwa 350 Kilometer südöstlich von Kiew. Der Rohrhersteller Interpipe hat ebenfalls ein Werk im Osten der Ukraine, in Dnipro.

Rund 60 Prozent der ukrainischen Eisenmetalle, die per Schiff exportiert werden, gehen über die Schwarzmeerhäfen Odessa, Pivdennyi, Mykolayiv und Chornomorsk, so die Hafenbehörde des Landes. Etwa ein Fünftel wird von Mariupol aus exportiert.


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