InterviewRiester-Rente: "Das Glas ist halbvoll"

Capital: Professor Börsch-Supan, der Ruf der Riester-Rente ist schlecht. Wie sieht die Bilanz aus wissenschaftlicher Sicht nach 15 Jahren aus?

Börsch-Supan: Gemischt, das Glas ist entweder halbleer oder halbvoll.

Fragen wir anders: Was ist der größte Erfolg der Riester-Reform?

Der größte Erfolg ist, dass heute die Hälfte der deutschen Haushalte einen Riester-Vertrag hat. Von der anderen Hälfte haben viele Betriebsrenten oder eine private Vorsorge, insgesamt haben also immerhin drei Viertel der Haushalte eine zusätzliche Altersvorsorge.

Und der größte Misserfolg?

Das ist mit Sicherheit die völlig intransparente Kostenstruktur. Die Renditen, die beim Kunden landen, sind bei einigen Anbietern viel zu niedrig. Das hat zu einer breiten Verunsicherung geführt.

Laut Ihren Forschungsergebnissen können dennoch 80 Prozent der deutschen Haushalte ihre Vorsorgelücke füllen. Also: Mission erfüllt?

Wer vorsorgt, spart genug, um die Einschnitte beim Rentenniveau auszugleichen oder sogar mehr als das. Das ist ein großer Erfolg. Mission erfüllt, kann man aber nicht sagen: Es bleiben ja noch 20 Prozent übrig – und damit ein Unterversorgungsproblem.

Keinesfalls die Riester-Förderung erhöhen!

Capital 04/2017
Die aktuelle Capital

Ist das Bild auch so positiv, wenn man nicht auf die Haushalte blickt, sondern auf die einzelnen Sparer?

Diese Zahlen kann man nicht verwenden. Das beste Beispiel ist die Zahnarztgattin als Hausfrau, deren Mann gut verdient. Wenn man sie einzeln betrachten würde, fiele sie unsinnigerweise und irreführend in die Kategorie Altersarmut.

Was kann man für schlecht versorgte Haushalte tun?

Keinesfalls die Förderung erhöhen! Sie beträgt schon heute bis zu 94 Prozent der Einzahlungen. Das Hauptproblem ist mangelnde Information: Es ist erstaunlich, wie viele glauben, sie hätten keinen Anspruch auf Riester-Förderung – obwohl sie einen haben. Die Förderregeln sind kompliziert. Um sie zu vereinfachen, muss man Phantasie aufbringen und nicht einfach Geld reinwerfen.

Wie sieht die Riester-Bilanz denn aus Sicht der Sparer aus?

Auch hier gilt: Das Glas ist nur halbvoll. Die meisten Riester-Sparer erhalten eine Rente, mit der sie die relativen Verluste aus den gesetzlichen Reformen ausgleichen können. Allerdings wünschte man sich höhere Renditen: Die ein oder zwei Prozent, die letztlich rauskommen werden, sind recht mager.

Riester-Produktblätter sind kein großer Wurf

Der Vertrauensverlust bei den Kunden ist gewaltig, wie auch die stagnierenden Verkaufszahlen zeigen. Welchen Anteil daran haben hohe Kosten und fehlende Markttransparenz?

Halt, man kann nicht generell von hohen Kosten sprechen, es gibt auch ausgesprochen günstige Riester-Verträge. Nur muss man eben auch wissen, welche das sind.

Also geht es eher um die fehlende Transparenz…

Das ist der Punkt. Für die Menschen geht es ja nicht um die Kosten im Marktdurchschnitt, sondern darum, im Einzelfall die Anbieter zu identifizieren, die viel zu hohe Kosten nehmen.

Seit Jahresbeginn sollen neue Produktblätter Kunden diesen Vergleich ermöglichen. Taugt das Instrument, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Die Blätter helfen, bringen aber keinen Durchbruch bei der Akzeptanz. Wir haben keinen großen Wurf geschafft: Die Papiere müssten farbiger und klarer sein. Außerdem sind sie für einen Durchschnittskunden immer noch schwer zu verstehen.

Also erwarten Sie durch die Blätter keinen neuen Schub für den Riester-Verkauf?

Einen Schub wird es geben, aber keinen großen – unter Umständen so klein, dass man ihn in den Statistiken kaum finden wird. Man wird sehen…