GastkommentarAlmosen für die Mittelschicht

Bettler
Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird immer größer
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Elmar Weixlbaumer arbeitet als Verleger und Manager. In seinen Publikationen beschäftigt er sich mit der Bildungssituation und gesellschaftlichen Strömungen. Weixlbaumer unterrichtet an Fachhochschulen und privaten Berufsbildungsinstituten. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Billionaires Club. Warum Ungleichheit unvermeidbar ist und wie wir von der neuen Geldelite systematisch ausgeschlossen werden“ im Goldegg Verlag WienElmar Weixlbaumer arbeitet als Verleger und Manager. In seinen Publikationen beschäftigt er sich mit der Bildungssituation und gesellschaftlichen Strömungen. Zuletzt erschien von ihm das Buch „Billionaires Club. Warum Ungleichheit unvermeidbar ist und wie wir von der neuen Geldelite systematisch ausgeschlossen werden“ im Goldegg Verlag Wien


Arm und Reich driften immer weiter auseinander, das ist unbestreitbar und nicht neu. Aber erst jetzt fällt das Augenmerk der breiten Öffentlichkeit auf dieses Phänomen. „Ungleichheit“ ist derzeit einer der meistdiskutierten ökonomischen Begriffe. Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat diese Diskussion nicht losgetreten – es ist Ausdruck derselben. Doch jenseits seines wissenschaftlichen Bienenfleißes und seiner drastischen Schlüsse stellt sich die praktische Frage: Was können wir tun, um so vielen Menschen wie möglich eine würdige Existenz zu schaffen, die mehr sichert als das nackte Überleben.

Schlagzeilen über die „neue Armut“ und absurde Verdienste Superreicher sind an der Tagesordnung. Die 100 reichsten Menschen besitzen zwei Billionen US-Dollar – das Bruttonationaleinkommen von Großbritannien – und gleichzeitig verhungern täglich über 8000 Kleinkinder. Die durchschnittlichen Ersparnisse der Deutschen betragen 51.400 Euro, einer der niedrigsten Werte in Europa. 50.000 Euro kostet eine Nacht in der Royal Penthouse Suite im Hôtel Président Wilson in Genf.

Ohne stetige wirtschaftliche Verschärfung könnte man das einfach quittieren. In der Realität werden die Armen jedoch immer ärmer werden und dass freie Kapital fließt von der Mittelschicht zu den Superreichen. Damit diese dramatische Spirale die Gesellschaft nicht irgendwann sprengt, braucht es eine drastische Umverteilung. Wer aber soll die bezahlen? Neue Steuern für alle helfen letztlich den Reichen, bezahlen werden sie die Normalverdiener, und die Ungleichheit wird größer. Das ist keine Lösung.

Mathematisch unvermeidlicher Reichtum

Die Ursache dieser Häufung von Reichtum liegt jedoch weniger an der Gier, der Skrupellosigkeit oder dem Geschick der Reichen. Vielmehr treiben mathematisch beschreibbare Prozesse diese Umverteilung. Die Profiteure verhalten sich lediglich rollengemäß. Jeder Mensch strebt nach Sicherung und Mehrung seiner wirtschaftlichen Ressourcen. Klar, scheffeln tüchtigere (und manchmal gewissenlosere) Menschen mehr Vermögen als andere. Doch diese Charakterunterschiede erklären nicht die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.

Weixlbaumer

Die Hauptursachen dieser Ungleichheit sind das System aus Zinseszins, dem freien Spiel auf den Geldmärkten und die Möglichkeit der Börsen-Elite mit Insider-Deals andere Marktteilnehmer abzuzocken. Außerdem bietet Reichtum die exklusive Möglichkeit, hochgradig wirksame Steuersparmodelle zu nutzen, die Geringverdienenden nicht zur Verfügung stehen. Clevere Holdings in Luxemburg, Briefkastenfirmen in exotischen Steuerparadiesen, Schwarzgeldkonten auf Urlaubsinseln im Pazifik und Privatstiftungen, deren Gemeinnützigkeit nur die steuerlich geschützte Garantie einer großzügigen Apanage für Kinder und Kindeskinder garantiert:  All dies sind die Ursachen dafür, dass der Reichtum der oberen Zehntausend exponentiell wächst, während das benötigte Kapital von der Mittelschicht abgesaugt wird.   

Dieses System generiert Ungleichheit auch ohne die unterschiedlichen Begabungen und Neigungen der Menschen. Selbst eine simulierte Volkswirtschaft mit völlig identischen Vermögen seiner Bürger und einer einheitlicher Verzinsung erzeugt mathematisch  belegbar rasch eine krasse Konzentration von Reichtum in den Händen weniger. Gibrats Gesetz (Robert Gibrat 1904–1980) beschreibt, dass das proportionale Wachstum von Firmen, Städten und auch Vermögen unabhängig von deren Größe ist. Der Anstieg eines Millionenvermögens um zehn Prozent ist demnach gleich wahrscheinlich wie das Wachstum eines kleinen Sparguthabens um zehn Prozent. Ein solches Setting erzeugt jedoch sehr rasch eine starke Kumulierung von Vermögen in der Hand weniger – auch in einer simulierten Volkswirtschaft, wo alle zu Beginn das Gleiche besitzen. Chancengleichheit führt somit rasch zu Ungleichheit im Besitz.

Ebenso spannend: Diese Regel gilt nicht nur für Kapitalismus und Marktwirtschaft, sondern in allen Gesellschaftsformen. Das war im alten Rom und im Feudalismus nicht anders, als es jetzt im kommunistischen China ist. In keiner Volkswirtschaft der Welt gibt es eine derart rasant ansteigende Zahl von Superreichen.

Gestoppt werden kann diese Entwicklung nur, wenn das System von außen massiv gestört wird. In der Vergangenheit übernahmen Kriege, Seuchen oder Wirtschaftszusammenbrüche diese Rolle. Doch auch wenn das System zurückgesetzt wurde –  schon bald beginnt sich die Elite wieder abzukoppeln und das Spiel startet neu. Das hat auch Thomas Piketty richtig festgestellt.