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Handelsexperte Rüschen Aldi Süd könnte den Markt für Lieferdienste aufmischen

Eine Einkaufstasche von Aldi-Süd hängt am Lenkrad eines Fahrrades
Als erster Discounter testet Aldi-Süd einen Lieferdienst
© IMAGO / Michael Gstettenbauer
Aldi Süd steigt als erster Discounter in den Markt der Lieferdienste ein. Vorerst ist es nur ein Test, der Handelsexperte Stephan Rüschen traut den Discountern aber zu, dass sie den Markt bald beherrschen könnten

Obwohl der Online-Lebensmittelhandel weit davon entfernt ist, profitabel zu sein, geht Aldi Süd unter die Lieferdienste. Ab sofort können Kunden in drei Städten im Ruhrgebiet bei dem Discounter bestellen und Lebensmittel nach Hause liefern lassen. Das Sortiment umfasst dem „Handelsblatt“ zufolge 1300 Produkte, geliefert wird per E-Fahrzeug. Letzteres hält der Lebensmittelhandels-Experte Stephan Rüschen für eine gute Idee, Ersteres für eine schlechte, wie er im Gespräch mit ntv.de erklärt.

„Elektrofahrzeuge machen den Lieferdienst sympathisch“, sagt der Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. „Dass es online nur einen Teil der 2500 Artikel im Laden gibt, vor allem nicht Non-Food-Artikel wie Textilien, macht es für die Kunden allerdings kompliziert.“ Und das, obwohl das Konzept von Aldi eigentlich „Einfach“ sei. Trotzdem traut Rüschen dem Discounter zu, den Online-Lebensmittelhandel in Deutschland in Zukunft zu beherrschen – falls sich die aktuelle Testphase als erfolgreich erweist.

Vielversprechend lief offenbar der Test unter Mitarbeitern rund um die Firmenzentrale in Mühlheim an der Ruhr. Dort sowie in Duisburg und Oberhausen können nun alle Kunden online bestellen. Mittelfristig soll es auch möglich sein, die Bestellung im Supermarkt abzuholen. Denn der Knackpunkt ist, zu welchen Liefergebühren die Kunden bereit sind - ohne wird sich das Angebot kaum lohnen, höchstens über einen hohen Mindestbestellwert. Aktuell ist die Lieferung ab 50 Euro kostenlos, der Mindestbestellwert liegt bei 20 Euro.

Discounter könnte Marktanteile gewinnen

Nach Rüschens Rechnung sollte die Lieferung erst ab 100 Euro kostenlos sein. Damit das Geschäft Gewinn bringt, müssten die Kunden außerdem im Schnitt für 80 bis 100 Euro bestellen – schwierig bei einem Sortiment von 1300 Produkten, noch dazu Discount-Artikeln. Dass diese online dasselbe kosten, hält der Experte aber für richtig.

Geld im Online-Handel zu verdienen, wird also auch für Aldi schwierig. Andererseits kann der Discounter mit dem Lieferdienst seinen Marktanteil im Lebensmittelhandel noch vergrößern, wie Rüschen zufolge andere Fälle gezeigt haben – Umsätze würden nicht nur aus den Filialen ins Internet verlagert, sondern zusätzlich generiert. Gerade falls Aldi der erste Discounter mit eigenem Lieferdienst wird. Ob sich das Geschäft unterm Strich lohnt, wird sich nun in der Testphase zeigen.

„Das kann Aldi jetzt ohne großes Risiko ausprobieren“, sagt Rüschen. Für möglich hält der Experte ein gewinnbringendes Geschäft, wenn der Discounter sein Online-Angebot um seine Non-Food-Produkte erweitert. „Dann würden die Bestellungen schnell hohe Einkaufswerte erreichen.“ Andererseits könnte Aldi befürchten, dass dann die Kundenfrequenz in den Filialen zu stark sinkt.

Möglicher Konkurrent wäre Lidl

Bei der Auslieferung hat „Mein Aldi“ das niederländische Startup Picnic zum Vorbild, das in immer mehr deutschen Städten ausliefert. „Wie damals schon der Milchmann“ fahren die Lieferanten des Online-Supermarktes, der mir Edeka kooperiert, feste Routen. Das heißt, die Kunden können nicht wie bei anderen Anbietern die Lieferzeit frei wählen, dafür kann Picnic die Strecken so effizient planen, dass es sich nach Unternehmensangaben lohnt – die Lieferung ist gratis. Rüschen betont jedoch, dass Picnic immer noch Verluste in dreistelliger Millionenhöhe schreibe.

Trotz der fehlenden Profitabilität ist die Unternehmensspitze von Aldi nach Informationen des „Handelsblatts“ der Ansicht, dass sie nicht länger abwarten kann. Angesichts der sich wandelnden Kundenerwartungen müsse das Unternehmen vorbereitet sein auf künftige Entwicklungen, wird ein Insider zitiert. Zumindest im Süden – Aldi Nord war der Schwester bei dem Thema demnach zu zögerlich.

Ein möglicher Konkurrent wäre Lidl, der Discounter experimentiert ebenso im Ausland wie seine Konzernschwester Kaufland, die ihren eigenen Dienst in Berlin allerdings schon vor Jahren nach kurzer Zeit wieder eingestellt hat. In anderen Ländern probt auch Aldi schon länger, etwa in der Schweiz oder Großbritannien. In den USA arbeitet der Discounter bei seinem Onlineshop mit Liefer-Start-ups zusammen.

Bundesweites Angebot in Ballungszentren denkbar

Flächendeckend soll es das Angebot in Deutschland nach Unternehmensangaben nicht geben, Aldi verweist selbst auf die fehlende Profitabilität. Gerade im ländlichen Raum lohnt sich das Geschäft überhaupt nicht. Rüschen kann sich aber eine bundesweite Ausweitung auf die Ballungszentren vorstellen, wodurch immerhin etwa die Hälfte der Bevölkerung den Lieferdienst nutzen könnte. Bisher hat das Online-Geschäft im Lebensmittelhandel laut Rüschen einen Umsatzanteil von drei Prozent, bis 2030 rechnet der Experte mit zehn Prozent, also einem signifikanten Teil. „Für viele werden Lieferdienste zum Alltag gehören.“

Marktführer könnte dann Aldi sein. Amazon Fresh konnte sich nicht am Markt etablieren. Beim Start-up Flaschenpost, das von Dr. Oetker geschluckt wurde, hat Rüschen noch Zweifel. „Rewes Lieferdienst und Picnic sind gesetzt“, sagt der Experte. „Aber der Discount wird das Feld auch bedienen – und dann beherrschen“, prognostiziert Rüschen. „Ob Aldi oder Lidl.“ Lidl dürfte sich genau anschauen, ob Aldi es schafft, Geld damit zu verdienen. „Der Discount hat seine Chance. Und wenn er etwas macht, dann in der Regel sehr, sehr konsequent.“

Der Beitrag ist zuerst bei ntv.de erschienen

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